Schüler erforschen Ortsgeschichte Eine Gedenktafel erinnert an die Hölle von Vehs

Von Christian Geers


Badbergen. In Badbergen sind während des Zweiten Weltkrieges sowjetische Kriegsgefangene ums Leben gekommen. Mindestens 24 von ihnen wurden 1941 in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof im Ortsteil Grothe verscharrt, nachdem sie im Arbeitslager in Vehs zu Tode kamen. Seit Montagmittag erinnert eine Hinweistafel an dieses dunkle Kapitel in der Badberger Ortsgeschichte.

Schüler einer Geschichts-Arbeitsgruppe des Gymnasiums Bersenbrück unter Leitung ihrer Lehrerin Gabriele Prell-Grossarth hatten die Geschichte des Arbeitslagers für sowjetische Kriegsgefangene in Vehs recherchiert. Was sie anhand noch vorhandener Dokumente und Karteikarten über die Lagerinsassen in Archiven herausfanden, macht nach sieben Jahrzehnten immer noch sprachlos und legt sich wie ein Erinnerungsschatten über Badbergen.

Was sich im Kriegsgefangenenlager in Vehs zwischen September 1941 und April 1944 abspielte, ist nun auf der Tafel nachzulesen, die nun am Jüdischen Friedhofs in Grothe steht. Dort waren zwischen 1941 und 1943 vermutlich etwa 250 Rotarmisten interniert, die nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion östlich von Lemberg in Gefangenschaft geraten waren. Sie gehörten zu den insgesamt fünf Millionen Soldaten, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in deutsche Gefangenschaft kamen. 3,3 Millionen von ihnen kehrten nach 1945 nicht mehr in die Heimat zurück. Sie starben irgendwo in Deutschland, in Arbeitslagern wie dem in Vehs – an Hunger, Krankheit, Kälte. Sie litten in den Lagern unter erbärmlichen hygienischen Verhältnissen, wurden misshandelt, zu Tode geprügelt oder erschossen.

Wie viele Soldaten in dieser Hölle von Vehs ums Leben kamen, steht nicht genau fest. Mindestens 24 Opfer sind klar belegt. Augenzeugenberichten zufolge wurden diese Toten im November 1941 mit Schubkarren von Vehs zum Jüdischen Friedhof gekarrt und dort unter einer Eiche in einem Massengrab verscharrt. Später, in den 1950er-Jahren, wurden die Leichen exhumiert und auf eine Kriegsgräberstätte in Bohmte umgebettet. Ihre Namen sind dort aber nicht aufgeführt.

Unter ihnen waren Alexander Krawtschuk und Stepan Pawluck, 32 und 34 Jahre alt. Die beiden Ukrainer waren im Juni und Juli 1941 in deutsche Gefangenschaft geraten, wie Marie Felker, Jana Glose und Katharina Barlage recherchiert hatten. Fünf Monate nach ihrer Gefangennahmen starben sie in Badbergen. In den Akten, die die Nazis penibel über die Insassen geführt hatten, ist vom „Abgang durch Tod“ die Rede, meist wurde „Herzschwäche“ als Todesursache genannt. Nur einmal hatte ein Arzt die wahre Ursache benannt: Unterernährung.

Diese menschenunwürdige Behandlung hatte ideologische Gründe. „Nicht arbeitende Kriegsgefangene haben in den Gefangenenlagern zu verhungern.“ Dieser Satz von Eduard Wagner, des Quartiermeisters des Heeres, macht das Grauen von einst deutlich.

Besonders bedrückend: Die Angehörigen von Alexander Krawtschuk und Stepan Pawluck erfuhren erst 74 Jahre später vom Schicksal ihrer Verwandten. Die Gymnasiasten hatten die Familien in der Ukraine ermittelt und ihnen berichtet, wann und wo die Männer gestorben waren. „Momente, die unheimlich berührend gewesen sind und die zeigen, dass sich diese Erinnerungsarbeit lohnt“, berichteten die drei Schülerinnen. Sie verlasen in der Feierstunde die Briefe der Angehörigen, in denen diese sich für die Nachricht aus Deutschland bedanken. „Nun können wir endlich unseren Frieden schließen“, hieß es in den Antwortbriefen aus der Ukraine.

Mehr als sieben Jahrzehnte nach Kriegsende seien die Schicksale von mehr als drei Millionen Sowjetsoldaten noch nicht geklärt. „Dieses Engagement der Schüler ist zu loben und ein wichtiger Beitrag zur Heimatgeschichte“, sagte Marco Wingert vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bei der Enthüllung der Gedenktafel. Der Verband hatte die Tafel in Grothe aufgestellt, die Texte hatte das Gymnasium Bersenbrück beigesteuert.

Eine Gesellschaft, die seit mehr als 70 Jahren in Frieden und Freiheit lebe, sei es wichtig, immer wieder solche „Erinnerungspunkte“ wie den in Grothe zu suchen, sagte Werner Lager. Auch der stellvertretende Landrat bedankte sich für das Engagement der Bersenbrücker Schüler. Sein Appell: „Geschehenes Unrecht darf nicht vergessen werden.“

Badbergen sei dankbar für diese Erinnerungsarbeit, fügte Bürgermeister Dietmar Berger hinzu. Der Ort werde weiter an Verbrechen an der Menschlichkeit erinnern: mit Stolpersteinen an die jüdischen Mitbürger des Artlanddorfes und mit einer Erinnerungstafel wie der am Jüdischen Friedhof, wo das Schicksal der Kriegsgefangenen dargestellt werde. „Und dass es vor den Augen der Bevölkerung auch hier bei uns geschah, macht noch einmal deutlich, dass es kein Ausrutscher der Geschichte war“, so der Bürgermeister. Vergessen werden dürfe auch nicht, dass mit dem Massengrab auf einem Teil des Jüdischen Friedhofs „gegen den für jüdische Mitbürger heiligen Boden bewusst gefrevelt worden wurde“.

Felix Krumme, Viktoria Krumme und Felix Moormann, drei Musiker des Bersenbrücker Blechquartetts, gestalteten mit einigen Musikstücken die Feierstunde mit.


Zwischen September 1941 und April 1944 befand sich an der heutigen Vehser Straße, unweit des ehemaligen Bahnhofs Grothe-Badbergen, das Arbeitskommando 163 des Stammlagers VI B Neu-Versen. Heute steht an dieser Stelle ein kleines Laubwäldchen, an der Straße stehen drei Wohnhäuser. Auf Luftbildern sind die Umrisse des früheren Kriegsgefangenenlagers mit dem quadratischen Löschteich noch auszumachen. Den Quellen zufolge waren in diesem Lager zwischen 1941 und 1943 etwa 250 sowjetische Kriegsgefangene eingesperrt.