Wie sie Auschwitz überlebte KZ-Überlebende Erna de Vries in der OBS Artland

Von Bernard Middendorf

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Quakenbrück. Bedrückte Stille, Entsetzen, Fassungslosigkeit – all diese Begriffe vermögen wohl kaum auszudrücken, was Schüler, aber auch Lehrer der Oberschule Artland empfanden, als Erna de Vries aus Lathen, eine der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers in Auschwitz, ihre Lebensgeschichte erzählte. Nach einer Stunde atemlosen Zuhörens prasselten die Fragen der Jugendlichen auf die 92-Jährige ein, die ohne Pathos über die erlebten Gräueltaten berichtet hatte. „Ich empfinde keine Rachegefühle“, war ihr bemerkenswertes Schlusswort.

„Als wir uns 1943 im KZ trennen mussten, sagte meine Mutter zu mir: Du wirst überleben und den Menschen davon erzählen. Sie bestärkte mich zu kämpfen“, begann die Greisin ihre Schilderungen. 1923 in Kaiserslautern geboren, der Vater Christ, die Mutter Jüdin, wuchs Erna de Vries gut behütet auf, erzogen im jüdischen Glauben. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagte sie. 1930 starb ihr Vater; schon bald nach der Machtergreifung der Nazis 1933 gab es erste Repressalien und Schmähungen – sogar auf dem Spielplatz.

1935 kam sie auf eine Franziskanerinnenschule. „Dort wurde ich gut behandelt.“ Als sie dennoch, belastet durch die äußeren Umstände, Leistungsprobleme bekam, schickte ihre Mutter sie auf eine jüdische Schule. „Ich war sehr traurig, aber bis 1938 war auch dort alles okay.“ Eine Lehre wurde ihr bereits verwehrt, sie musste in einer Wäscherei arbeiten.

„Am 10. November 1938 begann das Pogrom.“ Morgens um 6.30 Uhr wurde geklopft, ein Mitarbeiter berichtete verängstigt von grölenden Horden, die jüdische Geschäfte vernichteten. An ihrer Arbeitsstelle trieb man die Menschen zusammen. Sie entkam nach Hause, erlebte mit ihrer Mutter die Verwüstung der Wohnräume; eine Nachbarin half, spendete Trost. Die Flucht der Familie nach Köln, die Rückkehr, der zerstörte Traum vom Medizinstudium, Altenpflege und Krankenhaus-Praktikum folgten. Bei Kriegsbeginn 1939 gab es erste Transporte in den Osten und viele Selbstmorde: „Alle Juden mussten zur Identifizierung einen Stern und den Zusatznamen Ephraim bzw. Sara tragen.“

Mit 19 schuftete Erna in einer Eisengießerei. Im Juni 1943 stürmten Gestapo-Beamte das Haus, ordneten die Deportation ihrer Mutter nach Auschwitz an. Ihr Flehen, sie zu begleiten, wurde schließlich erhört. Fünf Tage bei glühender Hitze im Viehwaggon, kein Essen, kein Trinken, keine Toiletten – das war die Vorhölle zum Konzentrationslager.

Absolute Stille herrschte im OBS-Forum, als sich Erna de Vries mit brüchiger Stimme erinnerte: „In Auschwitz-Birkenau ging es vorbei an Gaskammern und Menschenmengen, dort war gerade Zählappell.“ Die vollständige Entblößung und Desinfektion, Einkleidung in gestreifte Anzüge, Zugänge wurden gebrandmarkt: „Mir wurde die Nummer 50462 eintätowiert.“ Die Unterbringung in einem Pferdestall mit verwanzten Decken, kilometerweite Märsche, Schilfschneiden im Brackwasser bei schlechtester Verpflegung und Hygiene erzeugten bald massenhaft eitrige Wunden, aber: „Wer in den Krankenblock ging, kam nicht wieder.“

Unvorstellbares Grauen im KZ selbst: Täglich mussten die Frauen an Gaskammern und Leichenbergen vorbei, die Krematorien reichten nicht aus. Es folgte die Abschiebung in den „Todesblock“ 25. Im abgedunkelten Innenhof lagen viele zum Skelett abgemagerte Leichen, Selbsttötungen misslangen. „Ich wollte nur noch einmal die Sonne sehen.“ Nach letzten Zählappellen, von KZ-Wärtern akribisch dokumentiert, sah Erna de Vries ihre Mutter zum letzten Mal. „Du wirst leben“, sagte sie zu mir.

Sie behielt recht, denn ihre Tochter und 50 Frauen wurden – mit Kleidung von Toten ausstaffiert – von der SS per Lkw ins KZ Ravensbrück verbracht. Vier Wochen Quarantäne, wieder unmenschliche Zustände und Zwangsarbeit, dann die schreckliche Nachricht: „Ihre Mutter ist am 8. November 1943 gestorben.“

1944 wurden die ersten KZs aufgelöst, im April 1945 begann ein Gewaltmarsch mit unbekanntem Ziel: „Ich war bald zu Tode erschöpft, wollte aufgeben, aber wer umfiel, wurde von der SS erschossen.“ Nach Tagen plötzlich Tränen der Erleichterung, die Frauen fielen sich in die Arme: An der Spitze des Zuges war ein US-Jeep aufgetaucht – die Befreiung.

Viele Fragen der Schüler und Lehrer drehten sich dann um ein Thema: Wie kann man solches Leid überstehen? Haben Familienmitglieder überlebt? Die innere Stärke, Tapferkeit und nie verlorene Würde der deutschen Jüdin wurden spürbar, ihr Lebensmut ebenfalls: Ja, sie sei sogar wieder nach Auschwitz gefahren: „Ich wollte sehen, wo meine Mutter starb, aber ich konnte es kaum aushalten.“ Fotos von ihr hüte sie heute noch wie einen Schatz, Rückgabe von anderem Besitz sei unwichtig gewesen. Und: „Wenn ich Kinder weinen höre, denke ich heute immer noch ans KZ.“

In einem Dorf nahe Erlangen heiratete Erna de Vries, drei Kinder wurden geboren. Am Schluss ihres Vortrags dann das überwältigende Bekenntnis: „Rachegefühle hatte ich nie.“ Sie habe längst wieder Freude am Leben. Seit 1995 plädiert sie in mehr als 100 Vorträgen pro Jahr für Mitmenschlichkeit: „Wir müssen begreifen, den anderen zu achten.“ Der sehr lange anhaltende Beifall ließ vermuten: Die Zuhörer hatten verstanden.

Marion Meyer zu Drehle und Schulleiterin Elfriede Brunken sprachen die Schluss- und Dankesworte an Erna de Vries und ihren fürsorglichen Begleiter. Michael Gander, Geschäftsführer der Gedenkstätte Augustaschacht, erläuterte später im kleinen Kreis: „Siemens war großer Auftraggeber in den Konzentrationslagern, hat aber fast als einziges deutsches Unternehmen seine NS-Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet.“

Erna de Vries betonte abschließend mit Nachdruck: „Ich will die Schüler zum Nachdenken bringen, nicht zur Traurigkeit. Das Leben ist ein Geschenk.“


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