Als die ersten Aussiedler kamen Mit Tatkraft den Neuanfang im Artland gewagt

Von Hans Robbers



Quakenbrück/Essen. 1989 erreichten die ersten deutschstämmigen Aussiedler aus der früheren Sowjetunion – seit 1993 lautet die offizielle Bezeichnung Spätaussiedler – auch Südoldenburg und das Artland. Sind diese Menschen in den vergangenen 25 Jahren in ihrer neuen Heimat auch so richtig „angekommen“? Dieser Frage ist der Autor dieser Geschichte nachgegangen. Er hat viele Gespräche geführt und eine Hausarbeit seiner Enkelin Svenja Hollah gelesen, die sich als Schülerin des Artland-Gymnasiums Quakenbrück 2010 mit dem Thema Aussiedler beschäftigt hat.

„Sehr gut und freundlich wurden wir hier damals aufgenommen. Im ersten Jahr hatten wir zunächst sprachliche und auch etliche andere Schwierigkeiten, uns zurechtzufinden. Wir haben aber viele Hilfen erfahren, bald Arbeit bekommen und auch eine ordentliche Wohnung. Zu mehreren einheimischen Familien sind gute, bleibende Beziehungen entstanden. Wir fühlen uns hier schon lange sehr wohl.“ Das bekundeten im Gespräch unter anderem mehrere Familien, die 1989 als Aussiedler aus der sibirischen Region Omsk und aus Alma Ata im Osten Kasachstans in die Region kamen. Ihre Aussagen belegen, dass Aussiedler und Einheimische in den vergangenen 25 Jahren gemeinsam eine ganz wichtige Aufgabe – ihre Integration –gemeistert haben.

Einwohnerzahlen steigen

Meist per Flugzeug gelangten Aussiedler, die sich im Artland niederlassen wollten, über Moskau nach Hannover. Von dort aus wurden sie und ihr Handgepäck mit Bussen zum Durchgangslager nach Bramsche-Hesepe gebracht, von wo aus sie ihre neuen Wohnorte ansteuerten. Genau Zahlen, so Svenja Hollah in ihrer Arbeit, habe sie in keiner Gemeinde des Artlands feststellen können, da entsprechende Statistiken nicht geführt worden seien. In die Gemeinde Essen waren aber bis Ende Februar 2004 bereits 1356 gekommen, schreibt sie.

Fest stehe aber, dass ab 1989 der Zuzug der Aussiedler das stetige Anwachsen der Einwohnerzahlen in der Gemeinde Essen wesentlich verstärkt habe. Ähnlich sei die Entwicklung in der Samtgemeinde Artland gewesen. Dort sei die Zahl der Einwohner von 18844 im Jahre 1987 um 4170 auf 23014 im Jahre 2005 angestiegen. In die Gemeinde Essen kamen 1989 zunächst 128 Personen. Einige von ihnen hat der damalige Gemeindedirektor und heutige hauptamtliche Bürgermeister Georg Kettmann selbst mit dem Auto am Bahnhof abgeholt und sie zu ihrer neuen Bleibe gebracht.

Für die Einrichtung der zunächst nur provisorischen Unterkünfte wurden die Ankömmlinge in Essen wie im Artland von gemeindlichen wie kirchlichen Einrichtungen, aber auch von Privatleuten mit Möbeln und Dingen des täglichen Bedarfs unterstützt. So konnten die Neubürger sofort einen einfachen neuen Hausstand gründen. In „ordentliche, menschenwürdige Wohnungen“ in der Gemeinde Essen konnten die ersten Aussiedler, wie im Dezember 1990 im Essener Gemeinderat festgestellt wurde, im Laufe des Jahres 1990 umziehen.

Im Artland, so hat Svenja Hollah herausgefunden, nutzten die meisten Aussiedler gleich nach ihrer Ankunft, verschiedene Möglichkeiten, ihre deutschen Sprachkenntnisse zu verbessern, um möglichst bald Arbeit zu finden. Chancen boten sich hier vor allem in der Landwirtschaft, in Privathaushalten, in Handwerksbetrieben, Supermärkten, im Christlichen Krankenhaus Quakenbrück und besonders in Industriebetrieben wie Artland Fleischwaren in Badbergen, bei Delkeskamp und Kemper in Nortrup, bei RuF und Kynast Steel in Quakenbrück, aber auch in der Gemeinde Essen, etwa im Betonwerk Greten, bei D&S-Fleisch in Sandloh und IHR.

Hier fand zum Beispiel Peter Pfannstiel aus Quakenbrück Beschäftigung. Heute ist er dort als Designer tätig. Seine Frau Larissa, Orchestermusikerin, ist als Musiklehrerin an der Musikschule Romberg in Dinklage tätig.

Einige Aussiedler hätten, so schreibt Svenja Hollah, im Laufe der Jahre eigene Unternehmen gegründet, die sie erfolgreich betrieben.

Viele Firmen gegründet

Eduard Kauz, der 1991 nach Quakenbrück kam, eröffnete 2007 einen Saunapark, in dem Kunden auf russische Art saunen können, Ilja Jumanow übernahm 2000 das frühere Baugeschäft Magnus, wo er gelernt hatte. Heute hat er zehn Mitarbeiter.

Waldemar Klassen führt in Nortrup die Clarbau Beteiligungsgesellschaft mit 29 Mitarbeitern. Für das Unternehmen arbeiten unter anderem Aussiedler aus Ankum und aus Quakenbrück als Fliesenleger und Maler. Roman Rawidilow führt in Nortrup ein 2005 gegründetes Reifen-Center. Der Beispiele sind nicht wenige und sie belegen: Viele Aussiedler haben sich in ihrer neuen Heimat gut eingelebt, haben viel zu erzählen.

So auch der Landwirt Friedrich Shukowski (75) und seine Frau Elfriede (72). Sie kamen 1989 zusammen mit ihren sieben Kindern aus Sibirien nach Essen. Der heutige Großvater von 23 Enkeln fand seinerzeit einen Arbeitsplatz im Quakenbrücker Unternehmen Kynast in der Fahrradfertigung. Alle Kinder und Schwiegerkinder arbeiten in verschiedenen Berufen in der Gemeinde Essen. Der älteste, in Dinklage wohnende Sohn arbeitet als Tierarzt. Die Eltern und sechs der Kinder haben sich ein Eigenheim geschaffen.

Landwirt Robert Utwich (75) und seine Frau Margerita (67) kamen 1989 mit ihren fünf Kindern nach Essen. Die in Ahlhorn wohnende Tochter Viktoria betreibt heute dort mit ihrem Mann eine Firma, die Baumaschinen verleiht.

Lkw-Fahrer Wilhelm Plez (62) und seine Frau Tatjana (60) kamen 1989 nach Essen. Im Jahre 1993 gründete er ein Export-Handelsunternehmen, das überwiegend Kunden in Osteuropa beliefert. Zehn Jahre später er-richtete er im Essener Gewerbegebiet Osteressen eine große Betriebshalle und richtete dort sein Unternehmen ein. Das in dieser Halle eingerichtete Fachgeschäft für Tischdekoration leitet seit 2006 Tochter Natalia. Im oberen Bereich der Halle betreiben Tochter Galina und ihr Mann die Firma „Galand“. Tochter Svetlana hat nach dem Fachabitur in Cloppenburg in Ottersberg „freie bildende Kunst“ studiert und bis zum Beginn ihrer Babypause an der Jugendkunstschule in Schmallenberg unterrichtet.

Aussiedler arbeiten in Verwaltungen der Gemeinde Essen und der Samtgemeinde Artland mit, engagieren sich in der Kommunalpolitik, in Vereinen und religiösen Gemeinschaften. Sie sind angekommen in ihrer neuen Heimat.


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