Voll Hingabe und Leidenschaft Brahms-Requiem in der Quakenbrücker Marienkirche

Von Heiko Bockstiegel

Ein musikalisch reiches Gespräch von den letzten Dingen boten der Philharmonische Chor Quakenbrück, der Madrigalchor Vechta, die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford und die Solisten Sebastian Noack (Bass) und Britta Stallmeister (Sopran). Foto: BockstiegelEin musikalisch reiches Gespräch von den letzten Dingen boten der Philharmonische Chor Quakenbrück, der Madrigalchor Vechta, die Nordwestdeutsche Philharmonie Herford und die Solisten Sebastian Noack (Bass) und Britta Stallmeister (Sopran). Foto: Bockstiegel

Quakenbrück. Zum Verständnis des Deutschen Requiems op. 45 von Johannes Brahms gibt es im Grunde nur zwei Schlüssel: Das Lebensgefühl einer Zeit, die in der Schönheit der Seele die Vorbilder für ihre Kunstwerke fand, und der Mensch Brahms selbst. Beide Aspekte vereinte die Aufführung in der Quakenbrücker St.-Marien-Kirche und wirkte dadurch als lebendiger Kommentar zu den ewigen Themen von Leben und Tod, von Freude und Trauer.

Trost und Geborgenheit für den selbstverantwortlichen Menschen, diese Intention verfolgte Johannes Brahms bei der Komposition seines Requiems, seit jeher eine gewaltige chorische Herausforderung. In der Interpretation durch den Philharmonischen Chor Quakenbrück in Gemeinschaft mit dem von Hermann-Josef Suelmann einstudierten Madrigalchor Vechta, symbolhaft verschmolzen am 25. Jahrestag des Berliner Mauerfalls, und der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford unter der künstlerischen Gesamtleitung von Johannes Kemlein kam diese Intention voll zum Tragen.

Sieben Sätze, in denen biblische Texte vertont sind, ohne dabei eine spezifisch christliche Botschaft zu vermitteln, umfasst das Deutsche Requiem. Weder ein Requiem im üblichen Sinne noch ein Oratorium, ging es dem norddeutschen Protestanten Brahms um seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem unabdingbaren Ziel menschlicher Existenz und ihrer Verarbeitung jenseits vorgegebener liturgischer Formen.

In raffinierter Weise wählte er die vertonten Textpassagen aus der Lutherbibel selbst aus und formulierte musikalisch, was ihm die „Freiheit eines Christenmenschen“ verbal an die Hand gegeben hatte. Was ihm gelang, war ein weltliches Requiem mit romantischem Ton, seine individuelle Auseinandersetzung mit Gott, für die persönliche Erlebnisse den Anstoß gaben.

Die Aufführung mit dem Philharmonischen Chor und der Nordwestdeutschen Philharmomie war weit entfernt von schierer klanglicher Glut, wie sie so oft beim Deutschen Requiem feststellbar ist. Hier bot sich musikalisch eine, ganz im Sinne Brahms’, kammermusikalisch präzise, textorientierte Interpretationsweise. Brahms’ geistige Haltung jedenfalls, herb und tröstlich zugleich, äußerte sich bei dieser Aufführung in schönster Weise. Die Luzidität der Stimmführung, die dem Philharmonischen Chor und dem Madrigalchor Vechta gelang, die polyfone Durchbildung der Chormassierungen, die schwebende Rhythmik wurden denn auch zum Beleg für Johannes Kemleins auf Subtilität und Präzision im Ausleuchten und Abschattieren des dichten Stimmen-Korpus gerichtete Einstudierung fernab einer theatralischen Dramatik.

Er wählte einen Mittelweg zwischen den bisweilen extremen Tempi anderer Interpretationen und entlockte der Nordwestdeutschen Philharmonie einen reichen, nie aber „aufgedonnerten“ Klang. Es war sozusagen die Mitte zwischen norddeutsch-herb und wienerisch-weich, frei von Gefühligkeit und bewegt von sorgfältig durchgefeiltem Klangbild. Die Chorgemeinschaft sang mit Hingabe und Leidenschaft und fing das Geheimnis, die Spiritualität und innere Schönheit ein, die jeden Aspekt dieses vornehmen Werkes beseelen.

Und diese Interpretationsbasis wurde auch von den beiden Solisten übernommen, die sich mit sicherer Musikalität in die Gesamtheit einfügten: Sebastian Noack (Bass) meisterte seine Parts souverän mit ansprechender Wärme, und Britta Stallmeisters Sopran war von großer Anteilnahme und Beseeltheit. Überhaupt zeichneten sich alle sängerischen Mitwirkenden durch Erfassen der Stimmung und durch Wortverständlichkeit aus.

Die herben, spirituellen und lyrischen Aspekte des Werkes schwangen in Einklang, und es entstand ein erstaunlich geistvolles und musikalisch reiches Gespräch von den letzten Dingen.