Vortrag von Detlev Ganten Artland-Akademie: Die Steinzeit in unseren Knochen

Von Uwe Helmut Grave

Kinder der Evolution: Helmut Henrichs (von rechts) und Martin Espenhorst begrüßten mit Detlev Ganten einen weltweit renommierten Experten auf dem Gebiet der molekularen Medizin. Foto: Ulrike HavermeyerKinder der Evolution: Helmut Henrichs (von rechts) und Martin Espenhorst begrüßten mit Detlev Ganten einen weltweit renommierten Experten auf dem Gebiet der molekularen Medizin. Foto: Ulrike Havermeyer

Quakenbrück. Der Mensch als lebendiges Archiv der Entwicklungsgeschichte des Lebens? Die „Steinzeit, die uns in den Knochen steckt“, als aussagekräftiger Bestandteil der Vorgeschichte eines Patienten? „Eine Idee, die man nicht mit anderen teilt“, sagt Professor Detlev Ganten, „ist eine tote Idee.“ In einem fesselnden Vortrag stellte der weltweit gefragte Molekularwissenschaftler daher den Gästen der Artland-Akademie seine Überlegungen zu einer neuen, evolutionären Medizin und einer Gesundheitsformel zur Diskussion.

Wer Schussfolgerungen ziehen will, muss allerdings mit den Grundlagen vertraut sein: Und so nahm der langjährige Leiter der Berliner Charité und Mitbegründer des World Health Summit sein Publikum mit auf eine Reise vom Urknall über die Entstehung der Einzeller, von den Fischen zu den Dinosauriern und schließlich bis zum Auftreten des Homo sapiens. „Die Lebewesen auf dieser Erde sind, genetisch betrachtet, nicht so unterschiedlich, wie man meint“, erklärte er, „es gibt unglaubliche Ähnlichkeiten.“ Was Naturforscher wie Charles Darwin und Gregor Mendel bereits vermuteten, können Wissenschaftler heute mithilfe molekularer Analyseverfahren sogar sichtbar machen: Die Geschichte des Lebens, die vor 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde begann, ist aufgeschrieben im Erbgut der Organismen. Der Inhalt dieses genetischen „Abenteuerromans“ beschränkt sich allerdings im Wesentlichen auf Bau- und Funktionspläne, von denen die meisten auch heute noch umgesetzt werden.

„Wir Menschen funktionieren mit diesen alten Patenten in einer modernen Welt“, beschreibt Detlev Ganten das Problem, um das es ihm geht: „Denn die Evolution ist langsam.“ Während sich unsere Umwelt rasant verändert, sind unsere Körperfunktionen und unser Bewegungsapparat noch immer an Steinzeitverhältnisse angepasst. „Daraus ergibt sich eine folgenschwere Kluft – aus der nahezu sämtliche Zivilisationskrankheiten resultieren.“ Was unter den Bedingungen einer vorgeschichtlichen Umwelt und Lebensweise sinnvoll war, wirkt sich heute womöglich sogar schädlich aus: Ein unbändiger Zucker-, Salz- und Fetthunger sorgte beispielsweise bei unseren Vorfahren dafür, dass eine schnelle Flucht oder ein effektiver Angriff ihr Überleben sicherte. Heute dagegen mündet er nicht selten in Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Erkrankungen wie Depression oder Burn-out wurzeln nach Ansicht des 73-jährigen Wissenschaftlers in unserem an die modernen Verhältnisse nicht angepassten Steinzeiterbe.

Eine neue, auch weltweit finanzierbare und global einzusetzende Medizin müsse daher dieses „Steinzeiterbe“ berücksichtigen, forderte der Mediziner. Die von ihm vorgeschlagene Gesundheitsformel berücksichtigt dabei die Faktoren „Biologie“, „Umwelt“ und den „Lebensstil“. Letzterer könne durch eine Aufklärung über die eigene Biologie unter anderem zu einer bewussten Ernährung und damit zu einer besseren Gesundheit führen. „Wir können die alten Patente in uns zwar nicht ändern“, stellte Ganten fest: „Aber die Feinfunktion unseres Gehirns zum Glück sehr wohl.“


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