Gefragte Schauspielerin Anne Ratte-Polle: Erst Cloppenburg, dann Tatort

Von Birgit Eckhoff

Anne Ratte-Polle
              
              Foto: Mathias BothorAnne Ratte-Polle Foto: Mathias Bothor

Quakenbrück/Cloppenburg. Münster-Tatort? Polizeiruf 110? Klar. Kennt (fast) jeder, hat (fast) jeder schon gesehen. Als Schauspielerin in Aktion war dort Anne Ratte-Polle – aufgewachsen in Peheim nahe der Stadt Cloppenburg und Brokstreek bei Quakenbrück. Viel beschäftigt ist die 40-Jährige, die inzwischen in Berlin lebt.

Anne Ratte-Polle wurde 1974 als jüngste dreier Kinder in Peheim geboren. Eine unbeschwerte Kindheit erlebte sie auch auf dem Bauernhof ihrer Verwandten in Brookstreek. Als Kind probierte die Tochter zweier Grundschullehrer einiges aus: Dressurreiten, Klarinette spielen und Theaterspiel in der Schule. Dort gehörte sie eher zu den Stillen, bis sie im Alter von 17 als „alte Tante“ in Thornton Wilders „Das lange Weihnachtsmahl“ schauspielerisches Aufsehen erregte. Ein Lehrer bedankte sich als Anerkennung sogar mit Handkuss. „Da habe ich gedacht, das wär doch was. Ich kann ja was“, sagt Anne Ratte-Polle in einem Gespräch mit dem Bersenbrücker Kreisblatt.

Gleichwohl: Der Auftritt war noch nicht der Beginn einer furiosen Schauspielkarriere, denn nach dem Abitur am Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg trat sie zunächst in die Fußstapfen ihrer Eltern – beide Lehrer – und schrieb sich in Münster für Studium für Grundschulpädagogik ein. In einer Theatergruppe des Lektorats für Sprecherziehung entdeckte schließlich die dort spielende Schauspielerin, Gaby Brüning, ihr Talent. Sie ermutigte Anne Ratte-Polle zur Schauspielschule. So schmiss sie ihr Pädagogikstudium und schrieb sich in der Hochschule für Musik und Theater in Rostock ein.

Quasi von der Pike auf lernte sie die Schauspielerei und wurde im Rahmen dieser Ausbildung beim Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender 1999 mit dem Solo-Darstellerpreis ausgezeichnet. Noch während ihres Studiums erhielt sie ein Engagement am Staatstheater Cottbus, wo sie für die Titelrollen in Theodor Fontanes „Effi Briest“ und in Heinrich von Kleists „Die Marquise von O.“ den Förderpreis für darstellende Kunst des Landes Brandenburg erhielt. Ihr Intendant in Cottbus ließ sie während des Engagements auch an anderen Theatern, der Volksbühne Berlin und dem Düsseldorfer Schauspielhaus, gastieren.

Im Jahr 2002 wurde Anne Ratte-Polle Ensemblemitglied am Schauspielhaus Hannover und wirkte in Hauptrollen zahlreicher Inszenierungen mit, so etwa in „Das Maß der Dinge“ (2002), „Mamma Medea“ (2003), „Mac Beth“ (2004), „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (2004). Im Jahr 2005 zog Anne Ratte-Polle in ihre Wahlheimat Berlin, wo sie am Deutschen Theater, Maxim-Gorki-Theater und wieder an der Volksbühne Berlin auf der Bühne stand, zu deren festem Ensemble sie von 2009 bis 2012 gehörte.

Eigentlich ist sie unentwegt gefragt, denn neben ihrem umfangreichen Bühnenrepertoire wirkt Anne Ratte-Polle regelmäßig auch in Kino- und Fernsehproduktionen mit. Ihr Langfilmdebüt gab sie in Hermine Huntgeburths Thriller „Stunde des Wolfs“ (2000, TV). Es folgten kleinere Kinorollen in Christoph Starks Love-Parade-Drama „Julietta – Es ist nicht, wie Du denkst“ (2001) und Franziska Buchs „Emil und die Detektive“ (2001) sowie Episodenrollen in Krimiserien wie „Tatort“, „Polizeiruf 110“ und „Großstadtrevier“. Für ihre Nebenrolle in der Serienfolge „Doppelter Einsatz: Einer stirbt immer“ (2002) wurde sie 2003 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Schon im Jahr 2002 drehte Anne Ratte-Polle Ihre erste Kinohauptrolle an der Seite von Frank Giering in Romuald Karmakars Beziehungs-Kammerspiel „Die Nacht singt ihre Lieder“, nach dem Bühnenstück von Jon Fosse, der 2004 im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt wurde.

Prägnante Kinorollen hatte sie in Andreas Dresens „Willenbrock“ (2005), als Literaturstudentin, die in einem deutlich älteren Gebrauchtwagenhändler den Eroberer weckt, und als vereinsamte, arbeitslose Freiberuflerin in Gesine Danckwarts Ensemble-Film „Umdeinleben“ (2008). In der „Schimanski“-Folge „Schicht im Schacht“ (2008, TV) beeindruckte sie als Vergewaltigungsopfer, das mörderische Rache nimmt. Von einer kleineren Rolle im Kinofilm „Shahada“ (2010) abgesehen, sah man Ratte-Polle zwischen 2009 und 2012 ausschließlich in TV-Produktionen wie „Der Tote im Spreewald“ (2009) und „Ein Fall für zwei“ (2012). Im Jahr 2013 starteten mit „Die feinen Unterschiede“ und „Halbschatten“ gleich zwei Filme mit ihr in den deutschen Kinos. Sie gehört zum Bühnenensemble von „Murmel Murmel“ eine Inszenierung von Herbert Fritsch an der Volksbühne Berlin. Seit Mitte August steht Anne Ratte-Polle für fünf Monate auf der Bühne des Schauspielhauses Zürich.

Entspannung vom Dreh- und Bühnenalltag findet die Schauspielerin beim Yoga, Reiten und bei Musik von David Bowie. Ein weiterer Lieblingsmusiker ist Peter Behrens, der Schlagzeuger der Band Trio. Aber auch eine Leidenschaft für Reisen nach Griechenland hegt sie. „Wenn meine Zeit es zulässt, besuche ich aber auch gerne meine alte Heimat im Norden – um Freunde und die Familie zu treffen“, erzählt sie.

Zum Ende des Gesprächs erzählt die 40-Jährige, wie ihr Name entstanden ist, der in der Kindheit manchmal für Hänseleien sorgte. Einer ihrer Vorfahren, ein Herr Ratte, ehelichte die Witwe vom Pollenhof. Ihr Großvater, der inzwischen um die 130 Jahre alt wäre, habe aus Eitelkeit – und um Verwirrungen zu vermeiden – den Namen geändert.

Anne Ratte-Polle hatte so etwas auch mal überlegt. „Aber dann dachte ich, den Namen kann man sich wenigstens merken – ein Vorteil für eine Schauspielerin.“ Obwohl: „Bei der Biennale in Venedig letztes Jahr stand auf meinem Platzkärtchen der Name Anni Ratti“, schmunzelt sie. Alles hat eben seine Vor- und Nachteile.