Mängel in ehemaligen Kasernen Empörung über Quakenbrücker Wohnungen

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Quakenbrück. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so etwas in Deutschland gibt“, empört sich Daniela Reim von der mobilen Beratungsstelle des Landes Niedersachsen bei einem Besuch mit unserer Zeitung in ehemaligen Quakenbrücker Kasernen. Die vorwiegend von Rumänen bewohnten Apartments offenbaren erschreckende Mängel.

Kinderreiche Familien müssen in rund 40 Quadratmeter großen Wohnungen mit Schimmel an der Wand, durch Spanplatten vernagelten Türen, Lichtschaltern ohne Abdeckung und brandgefährlichen, illegal verlegten Stromkabeln auf dem Hausflur leben. In einem anderen Kasernenhaus in der Neustadt steht das Wasser schon seit Jahren fast knietief im Keller, sodass sich im Haus bereits Ungeziefer breit machen soll.

Die Rumänin will namentlich nicht genannt werden. Wir nennen sie hier Larisa Lucic. Sie hat Angst, dass sie mit ihrer Familie sonst komplett auf der Straße steht. Hilferufe an Stadt und Caritas haben daran noch nichts geändert. So muss sie mit den Verhältnissen leben. Auch mit dem Schimmel an der Wand. „Der ist hier schon seit dem Tag des Einzugs vor zwei Jahren“, übersetzt Reim. Den Vermieter interessiere das nicht. Die mit einer Spanplatte zugenagelte Wohnungstür nimmt sie genauso hin wie Lichtschalter, in dem Drähte zum Vorschein kommen oder die daumendicken umgebogenen Schrauben, die auf Kopfhöhe einiger ihrer Kinder aus der Tür herausragen. Andere Mängel wie die kaputte Klingel erwähnt sie schon gar nicht mehr.

Ihr Vermieter ist Raumausstatter. Auf seiner Homepage für Innenraumgestaltung wirbt er damit, dass er als Träger eines Qualitätssiegels im Handwerk für die fachgerechte Ausführung aller Arbeiten sorgt. Also sollte es für ihn ein Leichtes sein, die Mängel zu beheben, doch auf Anfrage unserer Zeitung sagt er: „Meine Kundschaft geht immer vor.“

Seine Mieter in der ehemaligen Kaserne betrachtet er offenbar nicht als seine Kundschaft. Die Türen mit verglasten Scheiben seien ständig kaputt gegangen, als vor mehreren Jahren noch osteuropäische Werkvertragsnehmer die Wohnungen bezogen. Deshalb habe er alle Wohnungstüren kurzerhand mit Spanplatten „verkleidet“, wie er die notdürftig mit Platten zugenagelten Wohnungstüren beschreibt. Die Flure sind verschmiert und weisen dicke Risse auf. Aus einem Stromverteilerkasten auf dem Hausflur hängen mehr als ein halbes Dutzend Stromleitungen heraus, die quer über den Flur in verschiedene Wohnungen führen. Dass illegales Abzapfen von Strom durch nicht fachmännisch gezogene Stromleitungen Brände oder Explosionen auslösen kann, wissen die Bewohner entweder nicht oder es ist ihnen egal. Der Vermieter weiß nach eigenen Angaben nichts vom Stromklau in seinem Haus. „Das lasse ich von meinem Hausmeister nachprüfen. Eigentlich ist in jeder Wohnung ein eigener Stromverteilerkasten“, sagt er. Wegen des Datenschutzes kriege er aber auch keine Auskunft, wenn er danach frage, ob seine Mieter ihren Strom angemeldet hätten.

Insgesamt sieht er sich eher als Wohltäter denn als Ausbeuter. „Es gibt keine Probleme. Die Leute sind froh, dass sie eine Wohnung haben und dass sie für die 40 bis 45 Quadratmeter großen Wohnungen nur vier bis fünf Euro pro Quadratmeter Kaltmiete zahlen müssen“, sagt er. Lucic berichtet hingegen von einer Kaltmiete, die fast bei sieben Euro und damit fast zwei Euro über dem durchschnittlichen Mietpreis pro Quadratmeter in Quakenbrück liegt. Zudem behauptet ihr Vermieter, von Schimmel in seinen Mietwohnungen noch nichts gehört zu haben. „Wenn die ein bisschen aufpassen, dann passiert das normalerweise nicht“, sagt er. Im Gegenteil: „Die einfach verglasten Fenster führen zu einer gesunden Enttrocknung der Wohnung“, betont der Quakenbrücker. Sogar die Stadt frage immer wieder an, ob er noch Wohnungen für Sozialhilfeempfänger oder Asylbewerber habe. „Die will sonst keiner, sonst würden sie ja auch woanders unterkommen können“, konstatiert er und weiß somit offenbar sehr gut, wie es um den Zustand seiner Wohnungen wirklich bestellt ist.

Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Stadtrat Quakenbrück, Andreas Maurer, weiß, dass das in den 30er Jahren gebaute Kasernengelände in Quakenbrück-Neustadt, das ehemals zu einem Militärflugplatz gehörte, zum sozialen Brennpunkt verkommen ist. Er kennt auch das Haus von Larisa Lucic und sagt: „Die Stadt hat gravierende Fehler gemacht, als sie die betroffene Immobilie verkauft hat, denn sie hätte beim Verkauf Auflagen für die Sanierung festlegen müssen. Das hat sie versäumt, was zu diesem katastrophalen Zustand führt.“ Der Besitzer ziehe lediglich die Mieteinnahmen aus dem Haus - ohne zu investieren. „Den Besitzer interessiert nur die maximale Rendite. Die Leidtragenden sind die Bewohner, die sich nicht wehren können, weil sie wissen, dass sie als Osteuropäer in Quakenbrück Probleme haben, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben“, resümiert das Kreistagsmitglied und erhebt Vorwürfe gegen die Politiker der Samtgemeinde Artland: „Sie kennen dieses riesengroße Problem. Der Zustand der beschriebenen Immobilien ist kein Einzelfall. Es gibt noch mehrere Häuser in Quakenbrück-Neustadt, die zunehmend von Werkvertragsarbeitern bewohnt werden, und in ähnlich schlechtem Zustand sind.“

Eines dieser von rumänischen Werkvertragsnehmern aus der Fleischindustrie bewohnten Häuser liegt nur 500 Meter entfernt von Lucic’ Haus. Ein etwa 13 Quadratmeter großes Zimmer ist laut eines Mieters für zwei Personen ausgelegt. 192,50 Euro wird ihm dafür vom Gehalt abgezogen. Bei zwei Personen pro Zimmer macht das mehr als 20 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete und erfüllt laut Mieterverein den Straftatbestand des Mietwuchers. Zimmer reiht sich an Zimmer. Rund 100 Personen sind in dem Haus gemeldet. Seit mindestens zwei Jahren steht Wasser im Keller. Dadurch angezogen haben es laut des Mieters Kakerlaken bereits bis in die Wohnungen geschafft. Der Eigentümer räumt ein, dass der Keller bereits seit zwei Jahren unter Wasser steht, was er mit einer Grundwasserpumpe zu bekämpfen versuche, vom Ungeziefer will er aber noch nichts gehört haben. Eine Überprüfung des Landkreises nach Anfrage unserer Zeitung ergab, dass das Haus nicht als Arbeitnehmerunterkunft gemeldet ist.

Der Quakenbrücker Fraktionschef der Grünen, Andreas Henemann, kommentiert: „Es mangelt in Quakenbrück einfach an preiswerten Mietwohnungen. Das führt dann zu solchen Auswüchsen .“


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