Einmal um die halbe Welt Der Weg der Nortruper Kartoffel vom Acker in die Chipstüte

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Nortrup. Nicht die dümmsten Bauern ernten die dicksten Kartoffeln, im Gegenteil: Kluge Landwirte bauen statt normaler Speisekartoffeln Knollen für die Pommes- und Chipsherstellung an. Denn die Nachfrage nach diesen Convenience-Produkten steigt. Weltweit schießen Fast-Food-Restaurants aus dem Boden. Vor allem in Asien boomt der Appetit auf die verarbeitete Kartoffel als statussymbolische Alternative zum Reis.

Landwirte wie Sören Diersing-Espenhorst, der seinen Betrieb in Nortrup zusammen mit seinem Vater Hinrich, fünf Angestellten sowie mehreren Saison-Aushilfskräften konventionell bewirtschaftet, sind längst Global Player: Zusätzlich zu Futter und Getreide für derzeit 280 Stück Vieh – Milchkühe, Bullen und Kälber – setzte der Senior bereits seit Anfang der 80er-Jahre auf den Anbau von Pommeskartoffeln. Mitte der 90er-Jahre kamen die Chipskartoffeln dazu.

Auf rund 230 Hektar – wegen des für den Fruchtwechsel nötigen Flächentauschs verstreut über einen Umkreis von rund 55 Kilometern – wachsen die Knollen. Ein Kartoffelacker, so erläutert Hinrich Diersing-Espenhorst, kann nämlich erst nach einer mindestens dreijährigen Pause wieder mit Kartoffeln bepflanzt werden.

Circa 70 Prozent der Pflanzen stammen aus Eigenvermehrung. Deshalb werden auf rund 15 der 230 Hektar Pflanzkartoffeln angebaut, Auf gut 60 Hektar wachsen die für die Herstellung von Pommes frites bestens geeigneten Kartoffelsorten Fontane und Markies; auf dem größten Teil ihrer Kartoffeläcker ziehen die Nortruper die Chipskartoffelsorten Lady Rosetta, Verdi, VR 808, Crisp4all und Lady Claire.

Vermarktet werden die Kartoffeln über die Erzeugergemeinschaft Ankum, an der rund 30 landwirtschaftliche Betriebe aus der Region beteiligt sind. Früher seien die Pommeskartoffeln ausschließlich an die regionalen Verarbeiter Schne-Frost und Wernsing gegangen und die Chipsware nach Holland an die Firma Frito-Lay, eine Tochter von Pepsi Cola, berichten Vater und Sohn.

Das hat sich geändert: „Der Pommes-Markt in Europa ist mehr oder weniger gesättigt“, sagt Sören Diersing-Espenhorst, der den Hof vor einigen Jahren von seinem jetzt 63-jährigen Vater übernommen hat. Das Geschäft mit den Knollen gehe deshalb „nur noch über den Export“, und zwar nach außerhalb der EU, „Richtung Tunesien, Dubai. Hongkong“.

Export bis nach China

Ob Arabien oder China – gerade dort, wo gar keine Kartoffeln angebaut werden, stünden nämlich inzwischen die meisten Fabriken für die Verarbeitung der Knollen aus Europa zu Chips & Co. Dahin verschifft werden die Exportkartoffeln als Rohware in großen Säcken (Bigbags), die in Kühlcontainern transportiert werden.

Damit aus Kartoffeln Pommes oder die auf unterschiedlichste Weise gewürzten, knusprigen Knabberscheibchen werden, müssen die angebauten Sorten bestimmte, im Zertifizierungssystem Global GAP festgeschriebene Qualitätsmerkmale erfüllen, erläutert der Senior. Pommeskartoffeln etwa müssen sehr groß, länglich und mehlig sein, Chipskartoffeln dagegen rund, stärkereich und nicht so groß, „damit sie in die Tüte passen“. Beide Verarbeitungskartoffeln müssen überdies leicht zu schälen und lagerfähig sein. Viele Pommeskartoffeln haben fast Fußlänge, weil die Verbraucher (und Fast-Food-Ketten) lange, relativ schlanke Stäbchen bevorzugen.

Bei Kartoffelchips seien die Ansprüche an die Konsistenz, nämlich den Grad der Härte und Knusprigkeit, je nach Land unterschiedlich. Bis auf Lady Rosetta mit ihrer roten Schale haben die Chipskartoffelsorten eine so dünne Schale, dass diese gar nicht mehr mit Extra-Maschinen entfernt werden muss, erklärt der Junior: „Die werden einfach erhitzt, dann platzt die ab. Das hat für den Verarbeiter den Vorteil, dass weniger Abfall entsteht.“

„Je höher die Sorten gezüchtet sind, desto mehr steigt die Empfindlichkeit“, nennen die Nortruper Landwirte aber auch die Kehrseite der Medaille, die einen entsprechenden Aufwand an Pflege, sprich: Düngung und Pflanzenschutz, erforderlich macht.

Guter Ertrag erwartet

Für dieses Jahr erwartet Sören Diersing-Espenhorst Erträge, die etwas über dem Durchschnitt liegen. „Wobei noch fraglich ist, wie sich die Kartoffeln im Lager verhalten“, gibt er mit Blick auf die womöglich zu reichliche Feuchtigkeit von oben zu bedenken.

Anfang bis Mitte September beginnt die Ernte: „Pflanzen und Roden wird vom Lohnunternehmer erledigt, Pflanzenschutz, Transport und Aufbereitung von uns “, erläutern der Junior und der Senior. „Ein Teil der verlesenen und gewaschenen Ware geht frisch raus, der größte Teil wird bis Weihnachten in Mieten eingelagert.“

6000 Tonnen Kartoffeln können in den beiden eigenen großen Hallen auf dem Hof in Nortrup gelagert werden, dazu noch einmal gut 2000 Tonnen in einer Gemeinschaftshalle mit vier anderen Landwirten. Hallenisolation und Lüftungscomputer sorgen für eine gleich bleibende Temperatur von vier Grad für die Pflanz- und sechs bis zehn Grad für Pommes- und Chipskartoffeln.

In der Aufbereitungshalle sortieren die auf 450-Euro-Basis angestellten Saisonkräfte alle grünen, angefaulten oder missgebildeten Knollen sowie Steine und Fremdkörper aus. „Wir arbeiten mit sehr viel Wasser und Magneten, um alle Fremdkörper rauszukriegen“, so Hinrich Diersing-Espenhorst.

Es gebe zwar Maschinen für die optische Sortierung, aber die kosten rund 120000 Euro. Und sie schaffen es nicht, den Zivilisationsmüll zu entfernen, der sich oft zwischen Kartoffeln von jenen Äckern finde, die an Straßenrändern liegen: „Glasscherben kann man schwer erkennen“, zeigt er eines der Probleme unserer globalisierten Konsum- und Wegwerfgesellschaft auf.


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