Dämme nicht mehr standsicher Land plant Erneuerung der Hasedeiche im Artland

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Badbergen. Das Bild der Hase zwischen Quakenbrück und Gehrde wird sich bald deutlich verändern: Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) plant auf einem 6,5 Kilometer langen Abschnitt die Erneuerung der Deiche.

Nach ersten Schätzungen rechnet der Landesbetrieb für Planung, Bauarbeiten und Grunderwerb mit Kosten von rund 16 Millionen Euro. Doch das laufende Planfeststellungsverfahren für das Vorhaben, das der Verbesserung des Hochwasserschutzes im Artland dienen soll, stößt bei Anliegern des Flusses nicht auf Gegenliebe. Sie beäugen skeptisch die vorgelegte Planung, lehnen sie in Teilen sogar ab. Ein Überblick:

Die Situation: Nach Meinung des NLWKN sind die Deiche der Gehobenen Hase zwischen der Sohlengleite in Quakenbrück und dem Gehrder Ortsteil Rüsfort nicht mehr standsicher und in einem „sehr unbefriedigenden Zustand“, ist im Erläuterungsbericht zum Vorhaben nachzulesen. Das sei das Ergebnis einer eingehenden Begutachtung, teilt die Behörde auf Anfrage des „Bersenbrücker Kreisblattes“ mit. Ein Schutz gegen Hochwasser sei künftig nur gewährleistet, wenn die Dämme gemäß den Regeln der Technik ertüchtigt würden. „Alternativen wie das Rammen von Spundwänden in die Dämme oder die Errichtung einer Hochwasserschutzmauer wurden geprüft, schieden aber wegen der Untergrundverhältnisse und der Grundwassersituation aus“, erläutert Achim Stolz, Sprecher der NLWKN-Direktion in Norden.

Das Vorhaben im Detail: Eine dauerhafte Sicherheit ist nach Darstellung des Landesbetriebes nur durch eine Erneuerung der Deiche zu erreichen. Abschnittsweise, jedoch nicht auf der gesamten Strecke, sollen diese erhöht sowie Filterschichten und Gräben für Sickerwasser angelegt werden. Zugunsten flacherer Uferböschungen werden die Deichkörper verbreitert. Auf ihnen verlaufen sogenannte Deichverteidigungswege von 3,50 Meter Breite, die von Maschinen befahren werden können. An zwei Stellen im Deich – in Wulften und vor Quakenbrück – sind sogenannte Flutmulden oder Überlaufschwellen vorgesehen, also Absenkungen im Deich mit einer Länge von 320 und 520 Metern.

Nicht ohne Grund, wie der NLWKN-Sprecher erklärt. Von der Gehobenen Hase gehe für die umliegenden Ortschaften und landwirtschaftlichen Flächen immer dann eine Gefahr aus, wenn der Wasserspiegel deutlich über der Gewässeroberkante liege. Deshalb sei eine hohe Sicherheit der Anlage erforderlich. Soll heißen: „Die Standsicherheit der Dämme muss auch bei extremen Hochwasserlagen zu jeder Zeit gegeben sein“, so Stolz. Bei der Planung sei der Landesbetrieb von sehr großen Wassermassen ausgegangen, die weder über die Gehobene Hase abfließen, noch „in ausreichendem Maß über die Schleuse II abgeschlagen werden könnten“. Bei Schleuse II handelt es sich um ein Bauwerk im Badberger Ortsteil Wulften, über das Hasewasser schon heute in die Wrau abgeleitet wird.

Um die Pläne zu verwirklichen, ist die Behörde auf die unmittelbar betroffenen Anlieger angewiesen, denn die müssten Grundbesitz abgeben. Das Land wolle nicht nur die für die Verbreiterung der Deiche notwendigen Flächen erwerben und den Landwirten nach Möglichkeit Ersatzland in unmittelbarer Umgebung anbieten, sondern ihnen auch die bisher in ihrem Eigentum befindlichen Damm- und Gewässerflächen abkaufen. Durchschnittlich bis zu zehn Meter, manchmal auch bis zu 20 Meter landwirtschaftliche Fläche werden für den Neuaufbau der Deiche benötigt. Laut Stolz handelt es sich insgesamt um bis zu 20 Hektar.

Die Stimmen: Skeptisch bis ablehnend stünden viele Anlieger dem Projekt inzwischen gegenüber, berichten Jürgen Jellmann und Eckhard Meyer zu Devern. Die beiden Badberger leben „seit Jahrzehnten“ in der Nachbarschaft zur Hase und sind nicht prinzipiell gegen eine Ertüchtigung der Deiche. „Doch das Ausmaß der Pläne hat uns schon überrascht“, sagt Meyer zu Devern. Auch ihm gehören Flächen entlang der Hase, die das Land erwerben möchte. Von den Flutmulden sei während der Planungsphase nie die Rede gewesen. „Dadurch besteht die Gefahr, dass bei einem Hochwasser unnötig wertvolles Ackerland und auch weitere Häuser unter Wasser gesetzt werden“, vermutet der Landwirt und stellt die Frage, wer für die Schäden nach einem Hochwasser aufkomme. Durch die vorgesehene Vergrößerung des Überschwemmungsgebietes müssten Landwirte ganz sicher mit zusätzlichen Einschränkungen bei der Bewirtschaftung rechnen, ergänzt Jellmann.

„Grundsätzlich werden sich Häufigkeit und Höhe der Überschwemmungen nicht erhöhen“, erklärt dazu der Landesbetrieb. Ob aufgrund des Überströmens der beiden Überlaufschwellen im Hochwasserfall Entschädigungsansprüche entstünden, werde im laufenden Planfeststellungsverfahren geprüft und entschieden. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei eine Beantwortung noch nicht möglich, so der Pressesprecher.

Gegenteilige Ansichten gibt es auch beim „Langen Damm“, einer in östlicher Richtung parallel zur Hase verlaufenden Wallanlage. Die sei, so Eckhard Meyer zu Devern und Jürgen Jellmann, einst zum Schutz vor Hochwasser angelegt worden. In der vorliegenden Entwurfsplanung des NLWKN sei er aber gar nicht berücksichtigt, stellten die beiden Anlieger fest und vermuten hier einen „Planungsfehler“. Das NLWKN kommt nach einer Begutachtung zu dem Schluss, dass der Lange Damm keine „nachhaltig gesicherte Hochwasserschutzfunktion“ besitzt. Angesichts des derzeitigen Zustandes der Verwallung, die sich in Privateigentum befinde, nicht unterhalten werde und teilweise abgetragen sei, würde ein Überströmen aller Voraussicht nach „ein Totalversagen des Bauwerks hervorrufen“. Hätte der NLWKN, so Achim Stolz, diese Verwallung in die Berechnungen einbezogen, würde „eine nicht gegebene Sicherheit für die hinter ihr liegenden Flächen vorgetäuscht“.

Enttäuscht vom Verlauf der bisherigen Grundstücksverhandlungen mit den Haseanrainern sind Jellmann und Meyer zu Devern ebenfalls. Anlieger, die dem Vorhaben anfangs positiv gegenübergestanden hätten, „sind mittlerweile deutliche Gegner“, weil man ihnen nicht die Wahrheit oder nur Teilwahrheiten gesagt und Zusagen aus Grundstücksverhandlungen nicht eingehalten habe, so Meyer zu Devern. Zu diesen Vorwürfen hält sich der Behördensprecher bedeckt. Er sagt weder etwas zum Stand der „laufenden Verhandlungen“, noch beantwortet er die Frage, wie viel Geld für den Flächenankauf zur Verfügung stehe.

Stellung bezieht er aber zu einem weiteren Kritikpunkt. Eckhard Meyer zu Devern macht darauf aufmerksam, dass die Menschen im Artland erhebliche Nachteile in Kauf nehmen müssten für die vor allem im südlichen Landkreis Osnabrück betriebene Flächenversiegelung. „Das alles führt doch erst dazu, dass bei Starkregen wie im Sommer 2010 große Wassermassen in die Hase eingeleitet werden.“ Seine Forderung: Hochwasserschutz müsse auch im südlichen Kreisgebiet beginnen. Jürgen Jellmann pflichtet ihm bei: „Das kann man doch nicht alles auf die Menschen im Artländer Becken abwälzen.“

Im südlichen Landkreis sei Hochwasserschutz schon betrieben worden, entgegnet Pressesprecher Stolz. 2011 sei an der Hase bei Bramsche eine Flutmulde angelegt worden. Zudem seien Hochwasserschutzmaßnahmen wie an der Hase auf seltene hohe Ereignisse – wie das hundertjährliche Ereignis, das statistisch einmal in hundert Jahren erreicht oder überschritten werde – ausgelegt. Stolz: „Es ist richtig, dass Versiegelungen grundsätzlich die Entstehung von Hochwasser verschärfen. Dies gilt aber insbesondere bei seltenen hohen Hochwasserereignissen, und zwar vor allem dann, wenn der Anteil der Versiegelung einen höheren Anteil des Einzugsgebietes umfasst.“

Die Samtgemeinde Artland sieht in den Plänen des NLWKN „einen wichtigen Schritt für den Hochwasserschutz in der Region“. Das letzte Hase-Hochwasser im Jahr 2010 und die dabei festgestellten Durchsickerungen im Deich hätten die Notwendigkeit nachdrücklich bestätigt, teilt die Verwaltung auf Anfrage mit. In ihrer Stellungnahme habe die Samtgemeinde darauf hingewiesen, dass die Hochwassersituation der Anlieger entlang der Hase durch das geplante Vorhaben jedoch nicht verschärft werden dürfe. Außerdem müsse der auf dem vorhandenen Hasedeich befestigte Wanderweg als Bestandteil des Hasetal-Radwanderweges erhalten und in vergleichbarer Form und Qualität wiederhergestellt werden, fordert sie. Dem Radtourismus dürfte durch die Erhöhung der Deiche keine Nachteile entstehen.

So geht es weiter: Die Landesbehörde rechnet damit, dass der Planfeststellungsbeschluss für die Erneuerung der Deiche im Januar 2015 vorliegt. Erst dann haben Anlieger die Möglichkeit, vor dem Verwaltungsgericht zu klagen. Der NLWKN strebe „einen schnellstmöglichen Baubeginn zur Wiederherstellung und Verbesserung der Hochwassersicherheit in der Region an“, teilt Sprecher Achim Stolz mit.


Januar 2011: Rodungsarbeiten auf dem Hasedeich zwischen Quakenbrück und Gehrde bewegen die Gemüter. Anlieger der Hase fühlen sich übergangen von den Plänen des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der auf den Deichen mehr als 650 Bäume fällen lässt. Während Gutachter feststellen, dass die Wurzeln der Bäume und Sträucher den Dammkörper lockerten, vertreten Anlieger die Ansicht, dass die Bäume eher zur Stabilität der Deiche beitrügen.

März 2011: Bei einem Treffen in Badbergen diskutieren Anlieger und Landesbehörde erneut über die Baumfällaktion, die als Sofortmaßnahme für den Hochwasserschutz gedacht war. Die Beteiligten einigen sich, für das weitere Verfahren einen Arbeitskreis zu bilden.

Juni 2011: In der ersten Sitzung des Arbeitskreises stellt der NLWKN das Kartierungsverfahren und die Vermessungsarbeiten vor.

2012: Die Behörde treibt die Pläne für die Erneuerung der Dämme der Gehobenen Hase voran. Im Jahr 2012 werden die Unterlagen für das Planfeststellungsverfahren zusammengestellt.

Oktober 2013: Die Betriebsstelle Cloppenburg des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz beantragt das Planfeststellungsverfahren.

November 2013: Die Unterlagen des Bauvorhabens an der Hase liegen öffentlich aus, sodass Anwohner Bedenken und Anregungen äußern können.

Juni 2014: Im Schützenhof in Quakenbrück findet ein nicht öffentlicher Erörterungstermin statt. Es liegen mehr als 60 Einwendungen gegen das Projekt vor. Nur Betroffene können an dieser anberaumten Erörterung teilnehmen. Sie berichten hinterher, dass die Zusammenkunft annährend zwölf Stunden gedauert habe. cg

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