Ein Interview mit dem Autor Egon Garstick: „Junge Väter in seelischen Krisen“


Quakenbrück. 1972 machte Egon Garstick aus Nortrup sein Abitur am Artland-Gymnasium Quakenbrück. Sein Buch „Junge Väter in seelischen Krisen“ ist Anlass für ein Gespräch mit dem „Vater von Elternschaftstherapie und Vaterschaftsentwicklungshilfe“.

Nach einem Studium der Sozialpädagogik in Kassel absolvierte Egon Garstick eine psychoanalytische Ausbildung in Zürich. Nach 13 Jahren Tätigkeit in einem Sonderschulheim für verhaltensauffällige Kinder arbeitet er heute als Psychotherapeut mit Kindern, Eltern und Familien im Zürcher Stadtspital Triemli und in der Stiftung Mütterhilfe. Weiterhin ist er Lehranalytiker am Züricher Psychoanalytischen Seminar und Supervisor in psychiatrischen und sozialpädagogischen Institutionen.

Herr Garstick, was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Da kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen meine Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Arbeit mit älteren Kindern und Eltern und, damit verbunden, das erlebte Problem, die Väter zu erreichen, sie in die Therapie einzubeziehen. In diesem Zusammenhang haben Eltern häufig bedauert, solche Gespräche nicht schon früher geführt zu haben, bevor sie größere Krisen in ihrer Beziehung feststellten. Das wiederum hat mich schließlich fragen lassen: Was passiert eigentlich mit den Eltern schon während der Schwangerschaft und in den Babyjahren ihrer Kinder?

Parallel dazu habe ich in Fortbildungen für Sozialarbeiterinnen der Beratungsstelle Mütterhilfe, die mit alleinerziehenden Müttern arbeiteten, des Öfteren die Frage gehört: Was machen wir mit den Vätern?“

Beide Fragestellungen waren wesentliche Motivationen und führten zum Buch „Junge Väter in der Krise“ , wobei der Begriff „jung“ sich nicht nur auf das Alter bezieht. Gemeint sind auch Männer, die zum ersten Mal oder nach langer Zeit noch einmal Vater werden.

Was kann denn bei diesen „jungen Vätern“ eine Krise auslösen?

Die Geburt eines Kindes ist eine entscheidende Wende im Leben. Es beginnt ein neues Kapitel: Die eigene Jugend ist ein Stück weit vorbei. Aus dem Sohn wird ein Vater. Man(n) wird mit Vergänglichkeit, mit der Begrenztheit des eigenen Lebens konfrontiert. Diesen Statuswechsel, die Elternrolle und damit auch das Älterwerden gilt es zu akzeptieren. Es gilt, Verantwortung zu übernehmen, die eigene Selbstverwirklichung zurückzustellen.

Das ist eine große Herausforderung, ganz besonders, wenn Männer noch unerledigte adoleszente Entwicklungsaufgaben in ihrem Rucksack haben. Dann kann der Wunsch, jugendlich zu sein, in Konkurrenz geraten zu der Notwendigkeit, als guter Vater Frau und Kind zu unterstützen. Diese Herausforderung und die Angst, ihr nicht gewachsen zu sein, können Krisen auslösen.

Wie äußert sich solch eine Krise bei Männern?

Sie sieht anders aus als bei Frauen und kann sich äußern in Form von Gewalttätigkeit, in übermäßigem Alkoholkonsum oder einem „Sich-exzessiv-in-Arbeit-stürzen“ – typische Fluchtreaktionen vor einer möglichen depressiven Verstimmung.

Auslöser der Krise ist die Geburt des Kindes. Was aber sind ihre „inneren“ Ursachen?

Die liegen in der Regel in der Geschichte des Vaters. Welche Vorbilder hat er? Hat er über seine eigenen Eltern die Erfahrung vermittelt bekommen, dass es schön sein kann, mit einer Frau, die man liebt, ein Kind zu haben? Hat er „positive Dreiecksbeziehungen im Kopf?“ Wo das nicht der Fall ist, kann die Geburt eines Kindes eine Krise zur Folge haben.

Übrigens gilt dieses Angewiesen-Sein auf gute innere Bilder von schönen Interaktionen zwischen Eltern und Kind auch für junge Mütter. Wenn die Frau keine positiven Erinnerungen an ihren Vater hat, dann besteht die Gefahr, dass sie sich zu sehr mit ihrer Mutter verbündet und das partnerschaftliche Gespräch, die Erziehung des Kindes, nicht mit dem Vater des Kindes, sondern mit der eigenen Mutter stattfindet.

Was sollten junge Väter beherzigen?

Frauen brauchen die fürsorgliche Toleranz des Vaters. Väter müssen aber nicht die zweite oder gar bessere Mutter sein. Sie haben ihre eigene Beziehung zu ihrem Kind, dürfen mit ihm auch anders umgehen als die Mutter. Und ganz wichtig: Väter müssen dafür sorgen, dass die Familie nicht in die soziale Isolation gerät, müssen Außenkontakte aufrechterhalten.

Welche Rolle spielt die Erwartung der Gesellschaft an Männer beziehungsweise Väter?

Wir haben eine zunehmende Verschlechterung der humanen Kultur, erleben den ungebremsten Turbokapitalismus. Im Beruf werden Durchsetzungsfähigkeit Flexibilität, Schnelligkeit und zeitlich unbegrenzte Verfügbarkeit erwartet. Die Familie dagegen braucht den einfühlsamen Vater, liebevolle, verbindliche Beziehungsgestaltung, die wichtig ist für gesunde biopsychosoziale Gesundheit. Es ist ein gewaltiger Spagat, der jungen Vätern hier abgefordert wird, und nicht wenige zerreißt er. Insbesondere die Unkultur der Zeitlosigkeit macht Familienleben sehr schwierig.

Sind wir also im Begriff, wieder eine vaterlose Gesellschaft zu werden?

An die Familie werden enorme Anforderungen gestellt. Sie muss funktionieren, steht unter einem gewaltigen Anpassungsdruck. Die Frage ist: Darf in dieser Situation noch Trennungsangst eine Rolle spielen, dürfen wir uns noch Gedanken darüber machen, ob es zu früh ist, ein sechs Monate altes Kind in die Krippe zu geben, dürfen wir Bedenken haben ob der Verbindlichkeit von Bezugspersonen (personelle Fluktuation)?

Ich bin skeptisch. Da droht der Verlust von verbindlichen Beziehungen im Frühbereich. Warum nicht mehr Halbtagsstellen schaffen, warum Eltern nicht dabei unterstützen, für Kinder länger da zu sein?

Welche Strategien können Väter aus der Krise führen?

Wir brauchen gute interdisziplinäre Netze im Frühbereich – angefangen bei Hebammen, Frauenärzten und Psychologen. Väter brauchen Partnerinnen oder Kolleginnen, die sie auf Hilfsangebote hinweisen, Freunde, mit denen sie reden können, die vielleicht auch Väter sind und die Probleme aus eigener Anschauung kennen. Insbesondere, wenn der eigene reale Vater eine Enttäuschung war, benötigen Männer väterliche Freunde, mit denen sie gegebenenfalls auch über ihre – zunächst nur ganz diffus empfundene – Ambivalenz gegenüber der neuen Lebensphase reden können.

Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Eltern. Gute Erfahrungen haben wir in der Schweiz mit Geburtsvorbereitungskursen gemacht. In deren Verlauf gibt es einen Abend nur für Väter, an dem es darum geht, inwiefern diese wichtig sind für ihre Kinder.

Wie können Gesellschaft und Politik helfen? Welche Rahmenbedingungen müssen geschaffen werden, um Familie gelingen zu lassen?

Wenn wir eine humane demokratische Kultur haben wollen, brauchen wir eine Umwelt, in der es Spaß macht, Kinder zu haben, in der man sich dafür nicht schämen muss. Eltern müssen die Möglichkeit bekommen, die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes mit den eigenen Selbstverwirklichungsbedürfnissen zu verbinden, sie brauchen dafür Zeit und Räume. Wir leben in einer Zeit des Selbstverwirklichungswahns. Das kann dazu führen, dass Bedürfnisse der Kinder auf der Strecke bleiben. Wir brauchen ein verändertes Wachstumsdenken, sonst sind wir mit unserem Bedürfnis nach einer humanen, solidarischen Gesellschaft, in der der Generationenvertrag noch eingehalten wird, verloren. Uns fehlt in unserem Zeitalter, das recht narzisstisch ausgerichtet ist, die sogenannte generative Reife, die Lust, etwas Wesentliches für die nächste Generation zu tun, wozu auch Verzicht auf ungebremste Ausbeutung von Ressourcen gehört.


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