Geschichte und Geschichten erlebbar Quakenbrücker St.-Sylvester-Kirche nun verlässlich geöffnet

Von Heiko Bockstiegel

Viele spannende Details aus der Stadt- und Kirchengeschichte gibt es rund um das Gestühl der St.-Sylvester-Kirche zu sehen. Foto: Heiko BockstiegelViele spannende Details aus der Stadt- und Kirchengeschichte gibt es rund um das Gestühl der St.-Sylvester-Kirche zu sehen. Foto: Heiko Bockstiegel

Quakenbrück. Das einprägsame Zeichen am Turm der St.-Sylvester-Kirche verkündet es: Hier steht der Besucher vor einer "verlässlich offenen Kirche", und das täglich von 10 bis 18 Uhr. Und der Druck auf die Klinke der Kirchentür lohnt sich, denn hier ist nicht nur ein Ort der Besinnung, sondern auch ein Kirchenraum mit viel Geschichte und Geschichten aus mehr als sieben Jahrhunderten.

Dass der wenig feine Ausdruck "Halt die Klappe!" seinen Ursprung bereits im Mittelalter hatte, dürfte den Wenigsten bekannt sein. Damals fanden sich die Klosterbrüder täglich in der nicht sehr wohltemperierten Kirche ein, um zu beten oder am Gottesdienst teilzunehmen. Dort nahmen sie auf hölzernen Klappstühlen Platz, welche nach dem Aufstehen zurückschnappten, weshalb die Gläubigen die Sitzklappe stets festhalten mussten. Versäumte das einer von ihnen, machte das in den hohen Kirchenräumen und bei der ansonsten stillen Angelegenheit einen wahrhaftigen Höllenlärm. Mit "Halt die Klappe" kam prompt die Rüge!

"Halt die Klappe!"

Solche Klappen gibt es auch im spätgotischen Chorgestühl aus Eichenholz in der St.-Sylvester-Kirche zu entdecken. Die Rückkehr des Sylvesterkapitels von Bramsche nach Quakenbrück im Jahre 1489 dürfte der Anlass für deren Einbau gewesen sein. Um den Chorherren das lange Stehen während der Gottesdienste zu erleichtern, wurden unter den hochklappbaren, aber nicht wie eingangs geschildert zurückschnappenden Sitzen sogenannte "Miserikordien" (Barmherzigkeiten) angebracht. Auf denen nahmen die Chorherren eine halbsitzende Haltung ein und konnten sich zudem auf den seitlichen Brüstungen mit den Ellbogen abstützen. Diese Miserikordien sind im Normalzustand des Gestühls nicht sichtbar, da sie sich an der Unterseite der Klappsitze befinden. Offiziell hatten sie die Aufgabe, den Chorherren eine gewisse Erleichterung während der langen Offizien zu verschaffen. Diese konnten sich mit halbem Gesäß auf den konsolenförmigen Klötzchen abstützen. Und wer genau hinsieht, wird überall im Chorgestühl die teilweise kunstvoll eingeritzten Namen bekannter Quakenbrücker Familien entdecken.

Foto: Heiko Bockstiegel

Das Kirchengestühl selbst verdankt seine Geschlossenheit der Tatsache, dass es in relativ kurzer Zeit einheitlich entstand. Als bei der Durchführung der Reformation alle Nebenaltäre abgeschafft wurden, muss es zu einer Neuanfertigung des gesamten Gestühls gekommen sein, das gleichartig konzipiert wurde. Begonnen wurde es in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, beendet gegen Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Gliederungsformen sind aus der Baukunst der Spätrenaissance übernommen. Hauptmotiv ist der auf seitlichen Pilastern ruhende Rundbogen mit betont vorgestellten Halbsäulen und Ornamenten im Ohrmuschelstil, wegen der wulstigen Formen auch "Knorpelwerk" genannt.

Artländer Drache schützt vor Gefahr

Unter den ornamentalen Motiven ist besonders der Artländer Drache zu nennen, auch "Drudemänneken“"genannt, eine Schmuckform, die dann zur Zierde von Artländer Bauernmöbeln und auch Hausgiebeln übernommen wurde. Seine ursprüngliche Aufgabe aber war es, die Artländer – und somit auch die Quakenbrücker – gegen Feinde und Gefahr zu verteidigen.

Und wer sich die Türen des Gestühls mit ihren kunstvoll geschnitzten Burgmannswappen näher betrachtet, kann an ihnen ein Stück Quakenbrücker Geschichte ablesen. So taucht allein das Wappen der Familie von Dincklage gleich mehrfach auf. Eine plattdeutsche Türinschrift im Gestühl besagt, dass dieser Kirchenstuhl Johann von Dincklage (1467 bis 1538), dem Begründer des Gutes Loxten bei Nortrup und Besitzer des Quakenbrücker Burgmannshofes Nr. 6 (ehemaliger Standort der „Burg“), gehörte: „De Stol hort tom hos vp der Borch Johan van Dinklage tho lokesten (Loxten) thostendich A 97“. Was für Geschichten, die dank der nun „verlässlich geöffneten“ St.-Sylvester-Kirche noch intensiver erfahrbar geworden sind.


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