Bedeutung der Hebamme für Familien Professorin aus Quakenbrück: Normalität der Geburt fördern

Die gebürtige Quakenbrückerin Melita Grieshop ist Professorin für Hebammenwissenschaften und setzt sich für die Akademisierung des Studiengangs ein. Foto: Melita GrieshopDie gebürtige Quakenbrückerin Melita Grieshop ist Professorin für Hebammenwissenschaften und setzt sich für die Akademisierung des Studiengangs ein. Foto: Melita Grieshop

Quakenbrück. Eine wichtige Rolle für werdende und junge Familien spielt die Hebamme. Doch es wird immer schwerer eine Hebamme zu finden. Melita Grieshop, die mehr als 20 Jahre in Quakenbrück gelebt hat, ist in Berlin Professorin für Hebammenwissenschaften und erklärt im Gespräch die Probleme und Hintergründe.

Warum sind Sie Hebamme geworden? 

Der Wunsch war schon recht früh vorhanden, ich denke in der elften Klasse. Die Vorstellung, Frauen in der Phase von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu unterstützen, hat mich begeistert. Meine Mutter fand den Beruf zu anstrengend und hat mir nach dem Abitur ein Praktikum empfohlen. Dieses hat mich in meinem Berufswunsch bestärkt und so war ich sehr glücklich, als ich einen Ausbildungsplatz an der Hebammenschule in Hildesheim erhalten habe. Die Entscheidung für den Beruf habe ich bis heute nicht bereut.

Zur Person

Prof. Dr. rer. medic. Melita Grieshop ist 54 Jahre alt. Sie hat mehr als 20 Jahre in Quakenbrück gelebt und in der Region gearbeit. Sie hat selbst zwei erwachsene Kinder. Sie ist Dipl.-Pflegepädagogin und war 20 Jahre als Hebamme tätig. Von 2001 bis 2007 war sie Lehrerin für Hebammenwesen an der Hebammenschule Thuine/Lingen. Seit Ihrer Promotion an der Universität Osnabrück im Jahr 2014 ist sie Professorin für Hebammenwissenschaft und Studiengangsbeauftragte für das Bachelorprogramm Hebammenkunde an der Evangelischen Hochschule Berlin-Zehlendorf. In der Deuschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft ist sie Sprecherin der Sektion Hochschulbildung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der mütterlichen Gesundheit, der Versorgung von belasteten Familien (Frühe Hilfen)und der Akademisierung des Hebammenwesens/hochschulischen Ausbildung von Hebammen.


Wie sind Sie Professorin für Hebammenwissenschaften geworden und was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin die erste in Berlin und eine der ersten in Deutschland. Die erste Professorin für Hebammenwissenschaft wurde 2009 an der Hochschule Osnabrück berufen. Damals war ich dort als Diplom-Pflegepädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und habe bei der Entwicklung des bundesweit ersten Studiengangs für Hebammen mitgewirkt. Das war der Startschuss für die Akademisierung der Hebammenausbildung. Damals wurde mir klar, dass die fachschulische Ausbildung von Hebammen mittelfristig an die Hochschulen überführt wird. Ich wollte die hochschulische Ausbildung mitgestalten. Da dafür die Dissertation erforderlich ist, bin ich diesen Schritt an der Universität Osnabrück gegangen und konnte 2014 meine Promotion abschließen. Danach war die Bewerbung auf eine Professur die logische Konsequenz. Dass es gleich bei der ersten Bewerbung in Berlin geklappt hat, hat mich gefreut.

Was macht Ihnen an Ihrem Beruf so viel Spaß? Und was vielleicht auch nicht?

Seit dem Abschluss meiner Ausbildung 1988 habe ich in verschiedenen Bereichen gearbeitet: Im Kreißsaal bei der Geburt, in der Schwangerenberatung, in der außerklinischen Wochenbettbetreuung, in Projekten mit belasteten Familien, in der Hebammenausbildung, in der Studiengangskoordination an der Hochschule Osnabrück und jetzt in Forschung, Lehre und Berufspolitik. Und immer noch habe ich den direkten Kontakt zu Hebammen sowie zu den Frauen, ihren Kindern und Familien in der Praxis. Und immer konnte ich relativ selbstbestimmt arbeiten. Das macht den Beruf für Frauen, die mit Menschen arbeiten und zugleich selbstbestimmt tätig sein wollen, so interessant.

Und das führt leider auch zu dem, was nicht so viel Spaß macht. Ich finde es äußerst bedauerlich, dass die gesundheitsfördernde Versorgung durch Hebammen in der Gesundheitspolitik so wenig Anerkennung und Unterstützung erhält. Die Überführung der Ausbildung an die Hochschule ist ein extrem zäher Prozess. In der gesamten EU wird die hohe Kompetenz von Hebammen anerkannt, so dass man den Beruf in allen anderen Ländern studiert.

Warum ist eine Hebamme so wichtig für junge Familien?

Hebammen unterstützen werdende Mütter/Eltern in der Familiengründungsphase. Das Besondere an der Hebammenarbeit ist, dass sie gesundheitsfördernd ausgerichtet ist. Das heißt, Hebammen fördern die Normalität in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillzeit und somit die Gesundheit von Mutter und Kind. Dies ist ein wichtiges Element in einer Zeit, in der das Kinderkriegen von Risikodenken und Medizintechnik bestimmt ist. Hebammen legen außerdem besonderen Wert auf eine psychosoziale Betreuung der Eltern, denn die Geburt ist mit neuen Herausforderungen und auch Unsicherheiten der Eltern verbunden. 

Wie kann eine Hebamme Familien unterstützen?

Werdende Mütter haben bereits vom Beginn der Schwangerschaft gesetzlichen Anspruch auf Vorsorgeuntersuchungen bei der Hebamme und können deren Beratung in Anspruch nehmen. Das wissen leider viele Eltern nicht, da es von den Frauenärzten nicht mitgeteilt wird. Viele Ärzte sehen Hebammen als Konkurrenz an. Hebammen stärken Mütter und ihre Partner in ihren Fähigkeiten, Eltern zu werden und zu sein. 

Wie hat sich der Hebammenberuf verändert? 

Geändert hat sich vor allem die Geburtshilfe. Die modernen Möglichkeiten der Medizintechnik haben im Kreißsaal Einzug gehalten, ohne dass es in jedem Fall von Vorteil für den Geburtsverlauf ist. Zu oft steht zurzeit eine technische Überversorgung einem echten Personalmangel gegenüber. Das führt zu zahlreichen unnötigen Eingriffen in den eigentlich normalen Prozess des Kinderkriegens. Viel zu hohe Kaiserschnittraten sind nur ein Ergebnis davon.

Für viele werdende Mütter ist die Suche nach einer richtigen Hebamme sehr wichtig. Was macht diese besondere Beziehung aus?

Hebammen gelten im Allgemeinen als Vertrauenspersonen. Vielleicht, weil sie keine Kontrollfunktion haben, sondern im Interesse der Eltern und des Kindes tätig sind. Für Hebammen ist es selbstverständlich, dass alle Entscheidungen gemeinsam mit den Eltern und nicht autoritär getroffen werden. Daneben ist die psychische Betreuung der Frauen ein Kernelement. Gerade beim ersten Kind erleben Frauen oft Unsicherheit, die sich bis zu Sorge oder Angst verstärken kann. Mit der Hebamme kann die Frau über ihre Ängste sprechen un dlernen , mit ihren Gefühlen gut umzugehen.

Allerdings wird es auch immer schwieriger eine Hebamme zu finden. Woran liegt das?

Seit vielen Jahren sind die Arbeitsbedingungen für Hebammen sowohl in Kliniken als auch in der freiberuflichen Arbeit schlecht. Insbesondere die Vergütung entspricht nicht der großen Verantwortung. Unter der Geburt darf die Hebamme die „Geburt leiten“. Das ist rechtlich so geregelt. Einen Arzt muss sie eigentlich erst hinzuziehen, wenn die Geburt nicht mehr normal verläuft. Dieser Sachverhalt wird in den Kliniken ignoriert. Zudem sind Geburten in Kliniken hochgradig durch Medizintechnik bestimmt. Dies entspricht nicht dem Verständnis von Gesundheitsförderung. Daher fühlen sich Hebammen in den Kliniken in ihrer Berufsausübung beschränkt. Wer Alterativen hat, nutzt diese. Leider ist damit inzwischen ein Personalmangel in den Kliniken entstanden. Ich hoffe, dass die Geschäftsführer der Geburtskliniken diese Schräglage endlich erkennen. Unterstützt werden sollte dies durch eine neue Finanzierung der Geburtshilfe in Deutschland. Kliniken sollten für die Förderung der normalen Geburt „belohnt“ werden.

Die Hebammen kämpfen noch immer um mehr Anerkennung, haben auch viele Belastungen. Wieso wäre ein Studium, wie es kürzlich Gesundheitsminister Jens Spahn ins Spiel brachte, gut? 

Die Akademisierung ist ja keine neue Idee. Kurz nach Herrn Spahns Statement haben wir in Osnabrück das zehnjährige Jubiläum des ersten Hebammenstudiengangs gefeiert. Und eine EU-Richtlinie fordert das Studium bereits seit 2013. Es wird also Zeit, dass Hebammen endlich diesen Bildungsabschluss erwerben. 

Das Studium befähigt Hebammen, ihre Arbeit auf der Grundlage von aktuellen Forschungsergebnissen auszuüben. Darüber hinaus lernen sie, die Qualität ihrer Arbeit selbsttätig zu prüfen, belastete Eltern intensiv zu betreuen und neue, gesundheitsfördernde Versorgungsmodelle in die Praxis zu tragen. Dies bietet die Chance auf eine weitere Qualitätsverbesserung in der geburtshilflichen Versorgung. Allerdings ist das abhängig von einer guten interdisziplinären Zusammenarbeit mit den Frauenärzten. 

Was fordern Sie für die Hebammen?  

Endlich eine vollständig hochschulische Ausbildung, die in den Bundesländern ausreichend über Wissenschaft und Gesundheit finanziert wird. Die Umsetzung einer gesundheitsfördernden Geburtshilfe, in der Kinder normal geboren werden können. Die bessere Bezahlung der Hebammenarbeit in den Kliniken und in der Freiberuflichkeit. Und dazu gehört auch der Erhalt der Hausgeburtshilfe.


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