Fütterung mit Pflanzenkohle DIL in Quakenbrück forscht an Alternative zur Ferkelkastration

Meine Nachrichten

Um das Thema Samtgemeinde Artland Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Fleisch wird von Nino Terjung und Doktorantin Dana Schubert genau begutachtet. Foto: Harm BöckmannDas Fleisch wird von Nino Terjung und Doktorantin Dana Schubert genau begutachtet. Foto: Harm Böckmann

Quakenbrück. Weil das Fleisch von Ebern möglicherweise streng riecht, werden noch immer zahlreiche Ferkel ohne Betäubung kastriert. Ende 2020 soll damit endgültig Schluss sein. Eine mögliche Alternative zur Kastration erforscht das Deutsche Lebensmittelinstitut (DIL) in Quakenbrück.

Süßlich, aber nicht gut, fäkalartig: So wird der Geruch von Skatol und Indol beschrieben. Diese beiden Stoffe sind der Hauptgrund, warum Eberfleisch stinkt, erklärt Dr. Nino Terjung (32). Er ist gelernter Fleischer und Leiter des Geschäftsbereichs Produktinnovation am DIL. Sein Forschungsgebiet ist das Fleischwissen. 

Eine Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration sucht Dr. Nino Terjung mit seinem Team. Foto: DIL


Terjung betreut das Projekt, das Mitte 2018 gestartet ist. Die Wissenschaftler am DIL beschäftigen sich seitdem mit der Frage, wie sich die beiden Geruchsstoffe im Schweinefleisch reduzieren lassen. Ihre Idee ist, dass die Tiere zusätzlich mit Pflanzenkohle gefüttert werden.

Pflanzenkohle

Im Prinzip sind Aktiv- und Holzkohlen auch Pflanzenkohlen. Holzkohle wird aus Holz, Aktivkohle hingegen aus Holz, Torf, Nussschalen, Braun-, Steinkohle oder verschiedenen Kunststoffen hergestellt. Pflanzenkohle besteht entsprechend aus verschiedenen pflanzlichen Biomassen und neben Mineralien wie Chrom, Kupfer und Nickel hauptsächlich aus Wasser und Kohlenstoff. Die Verhältnisse können stark schwanken. Der Einsatz von Pflanzenkohle in der Tierfütterung ist erlaubt. Pflanzenkohle kann Stoffe binden, allerdings auch Vitamine und Nährstoffe. Eine Vermutung ist, dass die Porengröße dabei eine Rolle spielt. Welche Pflanzenkohlen geeignet sind, soll erforscht werden. Übrigens: Pflanzenkohle im Mist und schließlich im Boden kann auch den Nitratgehalt im Boden und Grundwasser reduzieren.


Ein Pflanzenkohlehersteller hatte Kontakt mit dem DIL aufgenommen. Der habe von Landwirten, die ihre Schweine mit Pflanzenkohle gefüttert haben, sehr gute Rückmeldungen bekommen, erklärt Terjung. Bislang habe es dazu jedoch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse gegeben. Mit der Fragestellung, ob es vielleicht bei Ebergeruch hilft, machte das DIL Vorversuche und stellte schließlich den Antrag für das Projekt, das über 30 Monate läuft und ein Volumen von 500.000 Euro hat.

Eigentlich sollte die betäubungslose Ferkelkastration bereits verboten sein. Foto: Carmen Jaspersen/dpa


Eigentlich sollte die betäubungslose Kastration von Ferkeln schon seit Beginn dieses Jahres verboten sein. Der Bundestag hatte aber die Übergangsfrist bis Ende 2020 verlängert. Dennoch würde schon jetzt ein Teil des Handels kein Fleisch von betäubungslos kastrierten Schweinen mehr verkaufen, sagt der 32-Jährige. Zwar weisen nur zwei bis 25 Prozent des Eberfleisches den unangenehmen Geruch auf. Laut Terjung werden derzeit deshalb jedoch etwa 900 Tonnen Eberfleisch pro Woche entsorgt, weil es als ungeeignet für den menschlichen Verzehr erklärt wurde. Deshalb werden Alternativen zur betäubungslosen Kastration benötigt.

Die Geruchsstoffe

Ebergeruch wird als unangenehmer Geruch und Geschmack bezeichnet. Verantwortlich dafür sind Androstenon und Skatol/Indol. Studien kommen zu unterschiedlichen Erkenntnissen, welche Stoffe hauptsächlich für den Geruch zuständig sind. Androstenon kann allerdings nicht jeder riechen. Das ist genetisch bedingt. Nur 56 Prozent der Männer und 92 Prozent der Frauen können den Stoff überhaupt wahrnehmen. Des Weiteren beschreiben auch nicht alle den Androstenongeruch als unangenehm. Skatol wird von den meisten Menschen hingegen als höchst unangenehm beschrieben.Deshalb konzentriert sich das Projekt auf Skatol/Indol.


Die beiden Geruchsstoffe entstehen vor allem, wenn die Schweine geschlechtsreif sind. Eine Lösung wäre daher, so Terjung, die Tiere vorher zu schlachten, wie es zum Beispiel in Spanien geschieht. Damit wären die Schweine aber auch zehn Prozent kleiner. Weitere Alternativen seien die Verzögerung der Geschlechtsreife durch eine Impfung oder die tierärztliche Kastration unter Betäubung. Beide Varianten würden aber als ungeeignet oder zu kostenintensiv gelten.

Die Idee, die Geruchsstoffe über die Fütterung zu reduzieren, ist nicht ganz neuNino Terjung


"Die Idee, die Geruchsstoffe über die Fütterung zu reduzieren, ist nicht ganz neu", erklärt Terjung. Mit roher Kartoffelstärke wurden Erfolge erzielt. Allerdings können die Schweine das nicht verwerten und es komme zu Verzögerungen bei der Mast.

Zwar können die Schweine Pflanzenkohle auch nicht verwerten, die Wissenschaftler sind aber der Ansicht, dass man sie nicht permanent, sondern gezielt und in deutlich geringeren Dosen einsetzen kann.

Die Pflanzenkohle in sechsfacher Vergrößerung: Die Mitarbeiter analysieren zunächst die Pflanzenkohlen. Foto: DIL


Zunächst haben Terjung und sein Team die Pflanzenkohlen, die es gibt, analysiert. Sie unterscheiden sich beispielsweise in der Beschaffenheit ihrer Oberfläche. Die verschiedenen Typen wurden dann Schweinekot beigemischt und getestet, inwiefern sie die Geruchsstoffe Skatol und Indol binden. Aufgrund dieser Fähigkeiten wurden Pflanzenkohlen ausgewählt, die in der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, die Projektpartner ist, an Schweine gefüttert wurden.

Die Tiere wurden vor kurzem geschlachtet. Im DIL werde nun untersucht, wie die Konzentration der beiden Stoffe im Fleisch ist und wie sich die Kohle auf die Nährstoffe auswirkt. Danach wird weiter an der optimalen Menge und Länge der Fütterung bei den Schweinen gearbeitet. Zum Schluss soll eine Anwendungsempfehlung für Pflanzenkohle entwickelt werden.

Erste vielversprechende Erkenntnisse

Die Versuche am Schweinekot haben aber bereits erste Erkenntnisse gebracht. "Es gibt Riesenunterschiede zwischen den Kohlen", sagt Terjung. Manche hätten sehr gut gewirkt, andere hingegen gar nicht.

Terjung und sein Team sind davon überzeugt, dass sich die Forschungsergebnisse in der Fleischwarenindustrie und bei Erzeugern umsetzen lassen. Sollte die Reduktion gelingen, könnten auch kleine Unternehmen Eberfleisch schlachten und vermarkten. Die betäubungslose Kastration wäre dann nicht mehr notwendig.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN