Abtreibung überlebt "Oldenburger Baby" Tim mit 21 Jahren in Quakenbrück gestorben

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Tim war ein fröhlicher Junge. Foto: Archiv/Simone GuidoTim war ein fröhlicher Junge. Foto: Archiv/Simone Guido

Quakenbrück. Eigentlich sollte Tim gar nicht leben. Doch er überlebte eine Spätabtreibung und wurde als "Oldenburger Baby" bekannt. Aufgrund lang anhaltender gesundheitlicher Probleme ist er nun dennoch plötzlich im Alter von 21 Jahren im Krankenhaus in Quakenbrück gestorben.

"Wir vermissen ihn unendlich", sagte sein Pflegevater Bernhard Guido am Montag im Gespräch mit unserer Redaktion. Es gebe so viele Dinge, die Tim ausgemacht haben. "Er war ein Kämpfer. Er hat sich immer wieder zurückgekämpft." Dieser Lebenswille und diese Lebensfreude bleiben in Erinnerung. "Er hat uns so viel zurückgegeben, auch wenn es ein großer Aufwand und viel Pflege war, mit ihm zusammenzuleben."

Tims Fall hatte im Sommer 1997 für viel Aufsehen gesorgt. Durch eine Fruchtwasseruntersuchung erfuhr seine Mutter, dass ihr Kind eine geistige Behinderung haben würde: Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt. Das war am Ende des sechsten Monats ihrer Schwangerschaft. Eigentlich sind Schwangerschaftsabbrüche nur innerhalb der ersten zwölf Wochen beziehungsweise drei Monate einer Schwangerschaft straffrei. 

Nach den Regelungen zur medizinischen Indikation wurde aber von einem ärztlichen Gutachter eine Gefahr für das Leben oder die körperliche und seelische Gesundheit der Mutter festgestellt, die einen Schwangerschaftsabbruch auch nach dem dritten Schwangerschaftsmonat ermöglicht.

Behandlung erst nach neun Stunden

Deshalb ließ die Mutter in der 25. Schwangerschaftswoche in den Städtischen Kliniken Oldenburg eine Spätabtreibung vornehmen. Doch das von den Medien als "Oldenburger Baby" titulierte Kind überlebte die eingeleitete Geburt. Es starb auch nicht in den ersten Stunden danach, obwohl es lediglich in ein Tuch gewickelt worden war. Erst nach etwa neun Stunden begannen die Ärzte mit der intensiv-medizinischen Behandlung. Bei seiner Geburt wog Tim 690 Gramm bei einer Größe von 32 Zentimetern. Ein halbes Jahr dauerte es, bis Tim so stabil war, dass er entlassen werden konnte.

Tims Schicksal löste eine Diskussion über Spätabtreibungen aus und viele hinterfragten die Einstellung der Gesellschaft zum Leben mit Behinderten. 1997 war es noch nicht üblich, dass Föten, die an der Grenze zur Lebensfähigkeit oder darüber hinaus abgetrieben werden sollten, durch eine Kaliumchlorid-Injektion vor der Geburtseinleitung präventiv getötet wurden. Man ging davon aus, dass die Föten die Geburt nicht überleben würden.

Quakenbrücker Pflegefamilie

Doch Tim überlebte. Seine leiblichen Eltern nahmen ihn nicht an und so kam er zu seiner Pflegefamilie. Die Quakenbrücker Simone und Bernhard Guido kümmerten sich um ihn. Dort wuchs er mit den beiden leiblichen Kinder des Paares auf und bekam später zwei weitere Geschwister mit Down-Syndrom.

Als wir ihn zu uns holten, waren seine Prognosen negativ Bernhard Guido


Und Tim blieb ein Kämpfer. "Als wir ihn zu uns holten, waren seine Prognosen negativ", sagt Bernhard Guido. Die Ärzte gaben ihm ein Jahr. Doch er überstand Infektionen, Krankenhausaufenthalte und mehr als 15 Operationen.

Weiterlesen: Die Guidos: eine ziemlich sichtbare Familie aus Quakenbrück

Während er für viele das Kind war, das seine Abtreibung überlebt hat, war er für die Familie Guido dagegen Tim, ihr nicht immer ganz leicht zu handhabender Pflegesohn, in den sie sich „auf den ersten Blick verliebt haben“, wie sie in einem Gespräch zu seinem 18. Geburtstag erzählten.

Buch über sein Leben

Zu Tims 18. Geburtstag machten sie ihm auch ein besonderes Geschenk. Sie schrieben ein Buch über sein Leben. Der Leser begleitet Tim auf seiner Wohnwagen-Reise durch Amerika, beobachtet seine Pflegeeltern dabei, wie sie – vergeblich – versuchen ihn zum Essen zu bewegen – und erfährt, mit welcher Energie der Heranwachsende die Herausforderungen, die sich ihm stellen, annimmt und mit Unterstützung seiner Familie meistert. 

Besonders wichtig war Tim die Delfintherapie, die er machen durfte. "Sie hat sein Leben stets geprägt", sagte Bernhard Guido. Deshalb bittet die Familie statt Blumen auch um Spenden für "dolphin aid e.V."


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