Aktionstag In Quakenbrück Zeichen gesetzt gegen Gewalt an Frauen

Von Gilda Goharian

„Nein zu Gewalt an Frauen“: Auch in Quakenbrück gab es Aktionen, die auf das Thema aufmerksam machten; von links: Claus Peter Poppe, Martina Niermann, die Ratsmitglieder Marion Haidukiewitz, Wolfgang Becker, Johannes Jordan, Ann Kristin Schneider und Harald Nehls. Foto: Gilda Goharian„Nein zu Gewalt an Frauen“: Auch in Quakenbrück gab es Aktionen, die auf das Thema aufmerksam machten; von links: Claus Peter Poppe, Martina Niermann, die Ratsmitglieder Marion Haidukiewitz, Wolfgang Becker, Johannes Jordan, Ann Kristin Schneider und Harald Nehls. Foto: Gilda Goharian

gsg Quakenbrück. In Deutschland ist häusliche Gewalt die häufigste Verletzungsursache bei Frauen, die Täter sind oft Partner oder Ex-Partner. Zum Internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen zeigten auch die Quakenbrücker Flagge.

„Hochaktuell“ sei das Thema und die „Anzahl der Fälle von Gewalt in deutschen Familien erschreckend“, sagte Samtgemeindebürgermeister Claus Peter Poppe. Als Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen weht auch in Quakenbrück die Fahne von Terre des Femmes, und eine Reihe von Aktionen verdeutlichte die vielen Facetten des Themas. Ein Rundgang über den Quakenbrücker Wochenmarkt mit der Gleichstellungsbeauftragten der Samtgemeinde Artland, Ann Kristin Schneider, sowie den Polizisten Henrik Marten und Harald Nehls zeigt, dass das Thema die Leute nicht kaltlässt. Unter dem Motto „Null Zentimeter Toleranz – Nein zu häuslicher Gewalt“, verteilt das Team Rollmaßbänder in Häuschenform und kommt schnell mit den Marktbesuchern ins Gespräch. Viele signalisieren ihre Zustimmung, und so mancher berichtet von eigenen Erfahrungen mit der Thematik.

Ungleiches Machtgefüge

Dabei wird deutlich, dass Gewalt viele Gesichter hat – es geht nicht immer nur um ihre physische Form, sondern auch um psychischen Missbrauch wie systematische Erniedrigung, Abhängigkeit oder Stalking. Auch wenn nicht nur Frauen Gewalt erfahren, sondern manchmal auch Männer betroffen sind: Der Großteil der Opfer ist weiblich und die Problematik das Resultat eines noch immer ungleichen Machtgefüges zwischen Mann und Frau.

„Bis sich eine Frau bei der Polizei meldet, hat sie häufig schon viel ertragen“, erzählt der Quakenbrücker Polizeichef Henrik Marten. Das Problem zeige sich in allen Gesellschaftsschichten, häufig sei Alkohol im Spiel, wenn Männer gewalttätig werden. Präventionsexperte Harald Nehls ergänzt, dass die Zahl der gemeldeten Fälle sich erhöht habe, weist aber darauf hin, dass dies auch mit der sogenannten Istanbul-Konvention zusammenhängen könne. Diese ist in Deutschland im Februar 2018 in Kraft getreten. Deutschland verpflichtet sich damit, alles zu tun, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen, Betroffenen Schutz und Unterstützung zu bieten und Gewalt zu verhindern. „Vielleicht trauen sich betroffene Frauen dadurch eher, Hilfe zu holen“, so Nehls.

Vortrag im Rathaus

„Gewalt ist auch beim käuflichen Sex weit verbreitet“, weiß Martina Niermann von der Organisation Solwodi (Solidarity with women in distress) bei ihrem Vortrag im Rathaus zu berichten. Niermann hält nichts davon, die Arbeit in der Prostitution als „Beruf wie jeden anderen“ zu sehen: „In all den Jahren bei Solwodi habe ich nicht eine Frau kennengelernt, die sich freiwillig prostituiert.“ Dafür so manche, die durch ihre Arbeit ihre Gesundheit und Würde aufs Spiel setzte.

Das Gewerbe, im Volksmund oft als das älteste der Welt bezeichnet, habe seine Ursprünge vor etwa 4000 Jahren. Prostituierte waren häufig ehemalige Sklavinnen, und schon damals erfuhren sie Armut, Gewalt und Diskriminierung. Daran hat sich laut Niermann bis heute wenig geändert. „Wussten Sie, dass Frauen im Gewerbe eine bis zu 40 Prozent höhere Sterberate haben und zu 80 Prozent missbraucht werden?“, fragt die Osnabrückerin ins Publikum.

Niermann berichtet von ständig wachsenden Opferzahlen und so manchem Einzelschicksal. Da gibt es die Roma-Frau, die auf dem Straßenstrich Geld für die Familie in Rumänien verdient, die Prostituierte, die mit ihrem Freund in einem alten Auto auf einem Parkplatz haust, oder die 18-jährige Serbin, die von der eigenen Mutter zur Prostitution überredet wurde. Auch wenn Bordelle heute oft „Sauna- oder Nightcub“ heißen und die Sexarbeiterinnen „Models“ oder „Escorts“: „Das Gewerbe ist, was es ist – knallhart, brutal und frauenverachtend.“ Martina Niermann lobt das sogenannte Nordische Modell, was Prostitution in Schweden seit 1999 unter Strafe stellt. Das Sexgewerbe sei zwar nicht komplett verschwunden, die Zahl der Freier jedoch deutlich gesunken. „Ein Schritt, um zu zeigen, dass Frauen keine Ware sind.“

Schärfere Gesetzgebung gegen Prostitution

Die in Deutschland lange sehr liberale Gesetzeslage habe Menschenhändler geradezu eingeladen, Frauen unter falschen Versprechungen ins Land zu schleusen. Zwar reagierte die Bundesregierung 2016 mit einem Gesetz, wonach sich Prostituierte bei den Behörden anmelden und versichern müssen, dass sie ohne Zwang arbeiten. Eher gut gemeint als wirklich gut, findet Niermann: „Viele Frauen fühlen sich durch die Anmeldepflicht gegängelt, zudem kostet der Ausweis zehn Euro, was für viele Prostituierte enorm viel Geld ist.“ Hinzu kämen die Fahrtkosten und der Verdienstausfall.

Trotz schärferer Gesetzgebung werde sich wenig ändern, solange die Nachfrage nach käuflichem Sex bestehe. Was also tun? Niermann ist der Meinung, dass Prostitution und die grundsätzliche Diskriminierung von Frauen eng zusammen hängen. Nur deswegen können Frauen als Ware gesehen und gekauft werden. Aufklärung sei nötig, und man müsse hellhörig werden, wenn von käuflichem Sex die Rede ist.

Respektvollen Umfang von klein auf vermitteln

Allgemein rät Niermann, Jungen und Mädchen schon von klein auf einen respektvollen Umgang miteinander beizubringen und gleiche Chancen zu gewähren. Nur so könnten aus Kindern respektvolle Erwachsene werden. Gleichstellungsbeauftragte Ann Kristin Schneider kann das nur bestätigen: „Frauen und Männer müssen auf Augenhöhe sein und die gleichen Möglichkeiten bekommen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“


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