Kulturring zeigt „Die Glasmenagerie“ Thalbach-Inszenierung in Quakenbrück vor ausverkauftem Haus

Von Bernard Middendorf

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Den Verehrer „wider Willen“ spielte Sven Scheele überzeugend; links Anna, rechts Nellie Thalbach. Foto: Bernard MiddendorfDen Verehrer „wider Willen“ spielte Sven Scheele überzeugend; links Anna, rechts Nellie Thalbach. Foto: Bernard Middendorf

Quakenbrück. Es war ein gelungener Start in die neue Spielzeit: Der Kulturring Quakenbrück zeigte das Stück „Die Glasmenagerie“. Die Vorstellung war ausverkauft.

Wenn es mal über eine längere Phase keinen Beifall auf offener Szene gab, lag das eindeutig daran, dass die Aufführung des Theaterstückes „Die Glasmenagerie“ die Besucher in ihren Bann schlug – nicht die Handlung selbst, die vielen bekannt sein dürfte, sondern vielmehr die atemberaubende Leistung der Darsteller. Insbesondere Anna und Nellie Thalbach glänzten vor ausverkauftem Haus und rissen ihre „Opfer“ in einen Strudel der Emotionen. Der lang anhaltende Schlussapplaus setzte erst etliche Sekunden nach der letzten Szene ein, als wollte das Publikum nicht loslassen – oder das eben Erlebte länger genießen, aber Zugaben gibt es im Theater leider nicht.

Ein spannendes Stück Zeitgeschichte

Dabei waren es keinesfalls zwangsläufig nur Sympathien, die den Darstellern in ihren lebensecht präsentierten Rollen zuflogen. Sollte man Amanda Wingfield (bissig-liebenswert: Anna Thalbach) ins Herz schließen, weil sie wie eine Löwin um ihre Tochter kämpfte – oder verabscheuen ob ihrer Geltungssucht und Rücksichtslosigkeit? Auch ihr Sohn Tom (Louis Held) schaffte es buchstäblich spielend, die Gefühle – ob positiv oder negativ – zu strapazieren.

Aufsehenerregend ist der Inhalt dieses Klassikers von Tennessee Williams eigentlich nicht, aber die Qualität der Schauspieler machte daraus ein dichtes Geflecht von menschlichen Abgründen, Verzweiflung, Hoffnung und Euphorie, ein spannendes Stück Zeitgeschichte aus dem Amerika der 1930er-Jahre, der Zeit der großen Depression. Amanda lebt mit Tom und Laura in ärmlichen Verhältnissen in St. Louis. „Es gibt noch eine fünfte Figur, die aber nicht auftritt“ sagt Tom im Prolog bitter-sarkastisch: Der Vater verschwand (oder floh?) schon vor vielen Jahren.

Gegen ihre Über-Mutter rebellieren beide geradezu verhaltensauffällig: Tom lebt in Scheinwelten des Kinos, Laura, leicht behindert, tröstet sich mit ihrer zerbrechlichen Menagerie aus Glastieren – bis Jim O’Connor in ihr Leben stürmt. Eigentlich ein Rauhbein und Aufschneider, gelingt es ihm überraschend einfühlsam, das vom Verkuppelungsdruck ihrer Mutter beinahe panische Mädchen zu beruhigen, ja zu wecken und ihr Selbstwertgefühl behutsam zu steigern: „Du bist anders als andere.“ Der jäh aufflammenden Liebe folgt bei ihr der Sturz in den Abgrund: Jim ist gebunden, steht kurz vor der Heirat.

Mitreißende Spielfreude

Dass Veranstalter und Theaterkritiker das Stück – weit auseinanderdriftend – mal als Komödie, mal als Familiendrama bezeichnen, zeigt die emotionale Zerrissenheit der damit „Konfrontierten“. Teils tragisch, teils komisch: Man fragt sich gespannt, wie der Autor selbst es wohl genannt hätte.

Das Publikum in der Aula entschloss sich, es einfach zu genießen – mit einer anrührend-schutzbedürftigen „Laura“, die wohl mancher am liebsten in den Arm genommen hätte, und einer brillanten „Amanda“, die auch im wahren Leben wohl polarisiert hätte. Tom und Jim (Sven Scheele) standen ihnen in puncto Ausstrahlung und mitreißende Spielfreude wenig nach.

„Die Spannungen zwischen Amanda und Laura kamen sehr gut raus. Man spürt, wie die Mutter ihre Tochter drangsaliert“ – dieses Urteil von Petra Schmähling teilten hinterher viele Besucher. Ein Lob, das Darsteller, Regisseurin und Veranstalter verdient hatten. Prädikat: sehr sehenswert.


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