Mutter kam als Gastarbeiterin Tagesschausprecherin Linda Zervakis auf Spurensuche in Quakenbrück

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In der Heimatstube des Quakenbrücker Stadtmuseums schauten sich Linda Zervakis und ihre Mutter alte Aufnahmen der Stadt an. Foto: Mirko NordmannIn der Heimatstube des Quakenbrücker Stadtmuseums schauten sich Linda Zervakis und ihre Mutter alte Aufnahmen der Stadt an. Foto: Mirko Nordmann

Quakenbrück. Als Chryssanthi Zervakis vor 56 Jahren aus Griechenland nach Quakenbrück kam, ahnte sie sicher nicht, dass ihre Tochter Linda einmal als Tagesschau-Sprecherin den Deutschen das Neueste aus aller Welt vorliest. Jetzt kamen Mutter und Tochter zurück in die Burgmannstadt.

Der Besuch in Quakenbrück war für Chryssanthi Zervakis eine Zeitreise. Mehr als 50 Jahre war sie nicht mehr dort gewesen, bis ihre Tochter Linda im Januar 2017 in der Theaterwerkstatt Quakenbrück aus ihrem Erstlingswerks „Königin der bunten Tüte“ vorgelesen hatte. Im Epilog zu ihren „Geschichten aus dem Kiosk“ schildert Linda Zervakis die Ankunft ihre Mutter im kalten Quakenbrück der 1960er Jahre. Dabei hatte Stadtdirektor Claus Peter Poppe die Gelegenheit genutzt, die Familie Zervakis zu einem weiteren Besuch nach Quakenbrück einzuladen.

Einiges im Buch ist Fiktion, aber kalt war es wirklich, als Chryssanthi Zervakis im März 1962 am Quakenbrücker Bahnhof aus dem Zug stieg. „Um 11.30 Uhr ist der Zug angekommen“, erinnert sie sich genau. Anfang 20 war sie, als sie aus Thessalien ins Artland kam, um gemeinsam mit anderen Griechen bei der Fahrradfabrik Kynast zu arbeiten. Untergebracht waren die Gastarbeiter in der ehemaligen Kaserne in der Friedrichstraße, in der sich heute das Mehrgenerationenhaus befindet.

In der Kaserne an der Friedrichstraße in Quakenbrück lebte Chryssanthi Zervakis mit anderen Gastarbeiterinnen aus Griechenland in einer Sammelunterkunft. Foto: Stadtmuseum Quakenbrück


„Es sieht ganz anders aus“, sagt Chryssanthi Zervakis, als Detlef Bülow, der sich als ehemaliger Kynast-Mitarbeiter intensiv mit der Historie des Unternehmens und der Quakenbrücker Stadtgeschichte befasst, im Stadtmuseum historische Ansichten aus Quakenbrück präsentiert. Im Museum wurden Chryssanthi Zervakis, die mit Tochter Linda, Sohn Stratos und einer guten Freundin der Familie nach Quakenbrück gekommen war, vom Vorsitzenden des Trägervereins des Stadtmuseums, Jürgen Wielage, und Claus Peter Poppe empfangen. „Bei ihrer Lesung haben Sie einen Ouzo ausgeben. Jetzt revanchieren wir uns“, sagt Wielage und serviert einen Artländer Löffeltrunk. Claus Peter Poppe zitiert den passenden Trinkspruch dazu – natürlich auf Plattdeutsch.

Plattdeutscher Trinkspruch inklusive: Bei der Begrüßung in der Heimatstube des Quakenbrücker Stadtmuseums ließ sich Linda Zervakis den Artländer Löffeltrunk schmecken. Foto: Mirko Nordmann


Als sie in Deutschland eintraf, sprach Chryssanthi Zervakis kein Deutsch, berichtet sie. Da war es wertvoll, dass ein Mann namens Andreas, ein Grieche, der mit einer Deutschen verheiratet war, den Gastarbeiterinnen half, sich zurechtzufinden. Denn nicht nur die Sprache war fremd, auch die Gebräuche. Als Detlef Bülow ein Foto vom Quakenbrücker Markt zeigt, lacht Chryssanthi Zervakis auf. „Da habe ich zum ersten Mal eine Banane gegessen.“ Allerdings mit Schale, wie sie berichtet. Es habe scheußlich geschmeckt. „Heute isst sie die Bananen ohne Schale und mag sie sehr gerne“, stellt Linda Zervakis lächelnd klar und wundert sich ein bisschen darüber, wie freimütig ihre Mutter erzählt.

Als Chryssanthi Zervakis gemeinsam mit ihrem Sohn Stratos die historischen Aufnahmen aus Quakenbrück betrachtete, die Detlef Bülow ausgesucht hatte, wurden alte Erinnerungen wieder wach. Foto: Mirko Nordmann


Ohnehin scheint die Journalistin überrascht, was sie bei ihrer Mutter mit der Recherche für ihr Buch ausgelöst hat. Die Erinnerungen an die Anfangsjahre in Deutschland seien in der Familie nie thematisiert worden. „Wir haben eigentlich immer alle gearbeitet. Da blieb keine Zeit dafür“, sagt Linda Zervakis.

Chryssanthi Zervakis strahlt vor Freude, als sie auf einem Foto das Gebäude erkennt, in dem sie vor mehr als 50 Jahren gewohnt hat. „Das ist unsere Kaserne“, ruft sie. „Da haben wir immer Verstecken gespielt“, sagt Chryssanthi Zervakis und zeigt auf zwei weiße Bauten an der Kaserne.

Wie Prinzessin Soraya

Die alten Fotos wecken immer mehr Erinnerungen bei ihr. Beispielsweise an einen Geburtstag beim Firmenchef Otto Kynast, der den Gästen stolz seine „griechischen Mädchen und Jungs“ präsentierte. „Alle waren begeistert.“ Oder daran, dass sie beim Chef zum ersten Mal einen Fernseher gesehen hat. Weil sie so aussehen wollte wie die Prinzessin Soraya, Frau vom Schah von Persien, ließ sie sich bei Friseur Ellermann die langen schwarzen Haare abschneiden. Wohl sehr zur Freude des Friseurs, der auf ein gutes Geschäft mit dem Perückenmacher spekulierte, dem er die abgeschnittene Haarpracht zum Kauf anbieten wollte.

Chryssanthi Zervakis (vorne links) mit den anderen griechischen Gastarbeitern bei der Fahrradfabrik Kynast in Quakenbrück. Foto: Familie Zervakis


Nur ein Jahr lang blieb Chryssanthi Zervakis in Quakenbrück. Dann lief ihr Arbeitsvertrag aus. Weil die Firma Kynast finanzielle Probleme bekam. Als 14 000 Fahrräder als Reklamationen aus den USA zurückkamen, mussten viele Arbeiter entlassen werden. Die Gastarbeiter mit einem Zeitvertrag wurden an eine Näherei nach Lingen weitervermittelt. „Da war es aber nicht so schön“, erinnert sich Chryssanthi Zervakis. Erst als verheiratete Frau kehrte sie später nach Deutschland zurück und ließ sich später in Hamburg nieder – da, wo Tochter Linda erst im Kiosk der Familie zur „Königin der bunten Tüte“ gekrönt wurde und 2013 zur ersten Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund aufstieg.


„Damals gab es außer uns keine Ausländer. Wir waren die einzigen.“ Chryssanthi Zervakis


Ihre Mutter gehörte vor mehr als einem halben Jahrhundert zu den ersten Gastarbeitern, die aus Griechenland nach Quakenbrück kamen. Später als Claus Peter Poppe berichtet, dass heute Menschen aus 83 Nationen in der Burgmannstadt leben, und dass mehr als 36 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben, staut Chryssanthi Zervakis nicht schlecht. „Damals gab es außer uns keine Ausländer. Wir waren die einzigen.“

Bevor die Besuchergruppe in Richtung Mehrgenerationenhaus aufbricht, hat Claus Peter Poppe noch eine Überraschung parat. Als er Chryssanthi Zervakis‘ Personalkarte von Kynast hervorzieht, ist es ganz still. Nicht nur sie hat Tränen der Rührung in den Augen. „Deine Personalakte“, entfährt es Stratos Zervakis beinahe ehrfürchtig. „Heiko Bockstiegel hat sie gefunden“, berichtet Claus Peter Poppe, ehe Detlef Bülow die andächtige Stille humorig durchbricht: „Noch einen Schnaps?“

Überraschung gelungen: Claus Peter Poppe überreicht Chryssanthi Zervakis ihre Personalkarte der Fahrradfabrik Kynast, wo sie 1962 ein halbes Jahr lang arbeitete. Auch Sohn Stratos und Tochter Linda sind gerührt. Foto: Mirko Nordmann


Den gibt es nicht, stattdessen Kaffee und Artländer Apfelkuchen im Mehrgenerationenhaus, dort wo Chryssanthi Zervakis einst gewohnt hat. „Im Parterre“, erinnert sie sich. Als sie draußen hinter dem Haus steht und auf die roten Backsteinmauern schaut, ist wieder so ein besonderer Moment, in dem Chryssanthi Zervakis in Gedanken in den 1960er-Jahren zu sein scheint. „Erinnerst du es?“, fragt Tochter Linda. „Meine Kaserne“, sagt Chryssanthi Zervakis leise fast zu sich selbst, „ich bin glücklich.“

Zurück in "ihrer" Kaserne: Chryssanthi Zervakis an der ehemaligen Kaserne an der Friedrichstraße in Quakenbrück. Dort wohnte sie 1962 ein Jahr lang. Foto: Mirko Nordmann



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