Schwarze Rauchwolken über der Stadt Vor 50 Jahren: Großbrand vernichtet Fahrradfabrik Kynast in Quakenbrück

Meine Nachrichten

Um das Thema Samtgemeinde Artland Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Quakenbrück. Es war der wohl größte Brand in Quakenbrück seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 21. August 1968 stand ein schwarzer Rauchpilz über der Burgmannstadt. Am heutigen Mittwoch vor genau 50 Jahren wütete ein Feuer in der Fahrradfabrik Kynast – und vernichtete einen Großteil der Produktionshallen.

Es ist kurz vor Mittag an diesem Mittwoch im August 1968. Friedel Zöpfgen packt gerade seine Kamera ein und will seinen Urlaubstag in der Quakenbrücker Mersch, einem Waldgebiet, verbringen. Die Naturfotografie hat es dem damals 33-Jährigen angetan. Doch als der Tischlergeselle aus dem Fenster seines Hauses an der Menslager Straße schaut, entdeckt er die schwarzen Rauchwolken über der Firma Kynast. Die liegt nur wenige Hundert Meter entfernt – und steht lichterloh in Flammen. Friedel Zöpfgen schnappt sich seinen Fotoapparat und ändert seine Pläne. Die Naturbilder müssen warten.

Sirenenalarm kurz vor 13 Uhr

Um kurz vor 13 Uhr gellen die Sirenen in der Stadt Quakenbrück. Gemeldet wurde ein Feuer in den Werkshallen der Firma Otto Kynast an der Artlandstraße. Als die Feuerwehr Quakenbrück sich auf den Weg macht, ahnt sie noch nicht das Ausmaß der Flammen. Das Feuer ist offenbar in der Lackiererei ausgebrochen und hat sich blitzschnell auf die Produktion ausgedehnt. Reichlich Nahrung finden die Flammen im Gummilager, der Werkstoff brennt wie Zunder und erzeugt mächtige schwarze Rauchwolken.

Lokalreporter schnell vor Ort

Schnell ist klar: Allein werden die Quakenbrücker Brandbekämpfer des Flammenmeeres nicht Herr werden können. Es wird Großalarm ausgelöst, nach und nach treffen nahezu alle Wehren des Kreises Bersenbrück am Brandort ein, dazu die Flughafenfeuerwehr Ahlhorn und die Freiwilligen Feuerwehren aus Vechta, Dinklage, Cloppenburg und Essen. Wenige Minuten nach dem Sirenenalarm macht sich auch Theo Thoben ein Bild von der Brandkatastrophe. Der 28-jährige Reporter des Bersenbrücker Kreisblattes hält in Wort und Bild fest, wie die Feuerwehren in den nächsten Stunden mit aller Macht versuchen, das Feuer zu löschen. Was er sieht, lässt ihn nicht kalt: Lodernde Flammen schlagen aus den Fenstern der Fabrikfront an der Artlandstraße. Tiefschwarze Rauchwolken wälzen sich auf den brennenden Gebäuden und verdunkeln den Himmel. Lackiererei und Gummilager brennen bis auf die Grundmauern nieder. Durch die ungeheure Hitze springen Teile der Verklinkerung an der Fassade ab, Außenwände stürzen ein.

Hunderte von Schaulustigen auf der Straße

Die Fotos, die Theo Thoben und Friedel Zöpfgen machen, sind ein halbes Jahrhundert später noch beeindruckend: Mit Sauerstoffmasken versuchen Feuerwehrleute, sich dem Brandherd zu nähern. Betriebsangehörige retten verzweifelt Waren, auf einem Foto ist zu sehen, wie Gerda Kynast Fahrradrahmen in Sicherheit bringt. Hilflos müssen die Kynast-Mitarbeiter mit ansehen, wie Qualm durch die Produktionshallen zieht. Und immer wieder gibt es Bilder mit Schaulustigen, die sich in Lebensgefahr bringen, auf der Straße und dem Gehweg stehen, oft nur wenige Meter vom Brandort entfernt.

Fensterscheiben der gegenüberliegenden Häuser zersplittern

Theo Thoben (78), schüttelt 50 Jahre später noch den Kopf. „Die Hitze war ja gewaltig, und der Gestank verbrannten Gummis hing in der Luft“, erinnert er sich, als er seine Zeitungsberichte von damals studiert. Der Kynast-Brand ist am nächsten Tag Aufmacher auf den überregionalen Seiten des Bersenbrücker Kreisblattes, im Lokalteil erscheint eine ganze Seite über die Brandkatastrophe. In seinem Bericht wird deutlich, in welcher Gefahr sich auch die gegenüberliegenden Wohnhäuser während des Brandes befanden. „Es war so heiß, dass sogar einige Fenster zersplitterten“, sagt Friedel Zöpfgen. Nur mithilfe einer Wasserwand sei es den Feuerwehren gelungen, hier größeren Schaden zu verhindern. „Die Feuerwehr hat mit Wasser die Wände der Häuser regelrecht abgekühlt“, ergänzt Thoben.

Brandkatastrophe fordert keine Verletzten

Doch es gibt noch weitere gute Nachrichten: Der Feuerwehr gelingt es, Teile der Fahrradfabrik Kynast, die damals mit ihren 600 Mitarbeitern zu den größten in Deutschland gehört, zu retten: das Stahlrohrwerk und die Schweißerei für die Rahmen. Damals werden pro Tag 2000 Fahrräder hergestellt, der Großteil geht in die USA. Und: Die Brandkatastrophe fordert keine Verletzten, sieht man von Brandwunden und kleineren Blessuren ab, die die Rettungskräfte des Deutschen Roten Kreuzes behandeln müssen. Gegen 17.30 Uhr, nach gut viereinhalb Stunden, haben die Feuerwehren das Feuer unter Kontrolle gebracht. Theo Thoben sitzt spätabends im Redaktionsbüro an der Kleinen Mühlenstraße über seinem Artikel: Von einem geschätzten Schaden von zwei Millionen D-Mark ist darin die Rede und von einem Rückschlag für die Firma Kynast, die ihren Betrieb aus kleinsten Anfängen aufgebaut und zu ihrer größten in Deutschland gemacht hatte. Thoben schreibt über Schaulustige, die die Polizei aus der Gefahrenzone trieb.

Feuerwehren halten Brandwache

Tags darauf, am Donnerstag, 22. August 1968, hängt immer noch eine Rauchwolke über dem Kynast-Gelände in der Neustadt. Die Artlandstraße zwischen Heilig-Geist-Kapelle und Firma ist gesperrt, die Feuerwehren, die auch über Nacht Brandwache hielten, müssen immer wieder aufflackernde Brände löschen. Erste Aufräumarbeiten beginnen, Unmengen verglühter Fahrradrahmen, Felgen und Speichen werden entsorgt. Ungeklärt ist noch die Ursache für das vernichtende Großfeuer, auch die endgültige Höhe des Schadens steht nicht fest. Vermutet wird ein technischer Defekt.

Werner Kynast gegen Kurzarbeit oder Entlassungen

Der Großbrand war in den Tagen darauf das wichtigste Thema im Lokalteil des „Bersenbrücker Kreisblattes“. Montage: Stefan Langer

Zwei Tage später, noch immer zieht Rauch über den Brandort, ordnet Unternehmer Werner Kynast erste Aufbauarbeiten an. Von Kurzarbeit oder gar Entlassungen – zunächst ist von 250 bis 300 Mitarbeitern die Rede – will er nichts wissen. „An diesem Beispiel zeigt es sich, dass weitsichtiger Unternehmergeist, ein gutes Betriebsklima und der Wille zur Aufbauarbeit Unmögliches möglich machen“, schreibt Theo Thoben über Kynasts ehrgeizige Ziele: Eine Woche nach dem Brand soll die Lackierung wieder anlaufen, in der Woche darauf die Produktion. Ein Monat nach dem Brand, so diktiert es Werner Kynast dem Reporter in den Block, sollten etwa zwei Drittel der alten Produktion erreicht werden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN