Katholische Kita St. Aloysius So gelingt die Inklusion in einer Nortruper Kita

Von Christian Lang

Gemeinsame Rituale wie zum Beispiel das Kickern sind in der Kita wichtige Bestandteile beim Prozess der Inklusion.Gemeinsame Rituale wie zum Beispiel das Kickern sind in der Kita wichtige Bestandteile beim Prozess der Inklusion.

Nortrup. Seit einigen Jahren hat sich die Kita St. Aloysius in Nortrup dem Prozess der Inklusion verschrieben. Für die Mitarbeiter und die Kinder ist es ein Prozess, der langwierig ist und auf vielen Ebenen stattfindet. Bei einem Besuch vor Ort hat sich unsere Redaktion zeigen lassen, wie die Inklusion in der Einrichtung bewerkstelligt wird.

Um acht Uhr morgens füllt sich die Katholische Kita St. Aloysius in Nortrup immer mehr. Nach und nach werden die Kinder von ihren Eltern oder per Bus in die Einrichtung gebracht, wo sie von den Pädagogen bereits erwartet werden. Unter den Kindern befinden sich auch einige, die einen erhöhten Förderbedarf haben. Wie in Schulen oder anderen Kindertagesstätten, bedeutet die Inklusion auch in der Kita St. Aloysius eine große Herausforderung für die Pädagogen. Eine Aufgabe, die mit vielen Mühen verbunden ist.


Inklusion ist ein lang andauernder Prozess, der auf vielen Ebenen stattfindet. Andrea Kruse, Leiterin der Kita

Dennoch sei der Prozess letztlich alternativlos - und absolut zu begrüßen, so die Leiterin der Kita. Immerhin würde man damit auch einem christlichen Gebot entsprechen. "Man soll seinen Nächsten lieben wie sich selbst. Auch die vermeintlich Schwächeren müssen als wertvoller Teil der Gesellschaft betrachtet werden", sagt Kruse. Seit rund sechs Jahren arbeitet die Kita inklusiv – ein Zeitraum, in dem einiges passiert ist in den Räumlichkeiten der Kindertagesstätte in Nortrup. Um den verschiedenen Anforderungen gerecht zu werden, wurde das Personal in den vergangenen Jahren aufgestockt. Das Team zählt mittlerweile vier ausgebildete Fachkräfte zur Inklusion und Integration, die die anderen pädagogischen Mitarbeiter unterstützen. 


Jeder Mensch hat seine eigenen Fähigkeiten - und das ist auch gut so.Andrea Kruse, Leiterin der Kita

Vier Kindergartengruppen sind in der Kita beheimatet, davon sind zwei sogenannte "Integrationsgruppen", in denen auch jeweils vier Kinder mit erhöhtem Förderbedarf betreut werden. Die Prinzipien der Inklusion würden aber in allen vier Gruppen gelebt werden, erzählt Heilpädagogin Norina Thie. "Das Team musste erst zusammenwachsen. Aber die Mitarbeiter ziehen einfach sehr gut mit. Deshalb bin ich mit unseren Erfolgen auch sehr zufrieden", sagt Leiterin Andrea Kruse.

Doch wie genau funktioniert die Inklusion hier in Nortrup? Es gibt diverse Prinzipien und Konzepte, die täglich angewendet werden sollen. Jede einzelne Gruppe entwickelt dabei einen speziellen Leitfaden, in dem von den Erziehern und Fachkräften im Austausch mit den Kindern festgelegt werden soll, wie der Tagesablauf ist und welche Regeln eingehalten werden müssen.


In den jeweiligen Leitfäden werden Tagesablauf und Regeln festgelegt.

Die Mitarbeiter lernen ferner sehr viel Wert darauf, dass die Kinder sich viel bewegen und frische Luft abbekommen. "Wir gehen jeden Tag mit den Kindern raus", sagt Erzieherin Anja Hoffrichter. Zudem gibt es mehrere Angebote, wie therapeutisches Reiten, Ausflüge in den Wald oder gemeinsame Turnstunden, an denen die Kinder teilnehmen können.


Auf den Fotos sind die gemeinsamen Ausflüge verewigt.



Die frische Luft tut den Kindern gutNorina Thie, Heilpädagogin

Um die Inklusion in der Kita realisieren zu können, müssen viele Kleinigkeiten beachtet werden. Das fängt schon bei der Gestaltung der Räume an. So hat die Einrichtung in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Berliner Inklusionsberater Karsten Häschel  zusammengearbeitet. Eine Folge davon war unter anderem, dass Wände in den Räumen anders gestrichen wurden. "Früher war es von der Farbgestaltung viel unruhiger", sagt Anja Hoffrichter. Man habe zum Beispiel gemerkt, dass rot eine für eine Kinder eine eher ungünstige Farbe sei. 


Die Räume sind jetzt sehr hell und ruhig eingerichtet.


Architektonisch müssen viele Kleinigkeiten beachtet werden. Eine Reizüberflutung für die Kinder soll vermieden werden.Norina Thie, Heilpädagogin

Darüber hinaus spiele Ehrlichkeit eine große Rolle, so Norina Thie. Dabei meint sie vor allem Ehrlichkeit gegen sich selbst. Es sei als Fachkraft sehr wichtig, sich selbst zu kennen und stets zu reflektieren, wie man mit anderen Menschen umgeht. Erst wenn man das eigene Verhalten (kritisch) in den Blick nimmt, sei man in der Lage, auch das Verhalten gegenüber anderen zu ändern und anzupassen. 


Stetige Reflexion des eigenen Standpunkts ist die Voraussetzung dafür, um den Kindern gerecht zu werdenNorina Thie, Heilpädagogin

Ein weiterer Punkt, auf den die Kita großen Wert legt, bestehe in der Transparenz nach außen, so Anja Hoffrichter. Deshalb achten die Mitarbeiter unter anderem darauf, einen regelmäßigen Austausch mit den Eltern zu pflegen. "Wir können nur gut arbeiten, wenn wir auch die Eltern mit ins Boot holen", sagt Hoffrichter. Im Grunde genommen müsse eine Partnerschaft zwischen den beiden Parteien entstehen. Um sich mit den Eltern über die Arbeit in St. Aloysius und die Kinder auszutauschen, werden häufig spezielle Elternabende oder Elterncafés veranstaltet. "Natürlich müssen wir auch Vertrauen gewinnen. Aber das klappt sehr gut. Der Austausch mit den Eltern ist sehr produktiv", sagt die Erzieherin weiter.

Verschiedenheit ist normal

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Es ist demnach normal, verschieden zu sein. In der Kita soll deshalb jedes Kind ernst genommen werden. Ob es nun dick oder dünn, blond oder dunkelhaarig ist, oder ob es einen speziellen Förderbedarf hat oder nicht – alles egal, letztlich bleibt es ein Kind, das gleichermaßen ernstgenommen und gewertschätzt werden müsse. "Alles soll hier total normal ablaufen. Wir sind eine große Gemeinschaft", sagt Norina Thie.

Nachdem die Kinder nach und nach in der Kita eingetrudelt sind, geht es mit dem Programm los. Die Abläufe in den einzelnen Gruppen sind ritualisiert – vor allem für die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf sei dies wichtig, sagt Thie. Feste Strukturen geben den Kindern Halt und eine Orientierung. 


Mittels Fotos wird angezeigt, welche Kinder in den einzelnen Gruppen anwesend, welche krank oder unterwegs sind. Auch dadurch soll den Kindern Halt und ein Orientierungspunkt gegeben werden.

Gleichzeitig sollen die Rituale das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe stärken. Eines dieser Rituale besteht darin, dass der Tag mit einem Morgenkreis beginnt.  Die Kinder setzen sich dazu in einen Kreis, jeden Tag ist abwechselnd einer von ihnen der Chef. Er oder sie darf bestimmen, was in den kommenden Minuten passiert. 


Mit dem Morgenkreis startet der Tag.

Mit einem Gong wird das Ritual eingeleitet. In der grünen Lerngruppe hat heute Annemarie das Sagen. "Die Kinder sind immer sehr stolz darauf, wenn sie der Chef sind", sagt Norina Thie. 


Wer der Tageschef ist, wird mit Fotos und einem Pfeil dargestellt.



Heute hat Annemarie das Sagen. Hier im Bild sitzt sie in der Mitte bei Norina Thie. Foto: Lang

Annemarie zündet eine Kerze in der Mitte an und sagt dann, sie habe Lust, ein Lied zu singen. Die ganze Gruppe fängt anschließend an, ein ihr bekanntes Lied zu singen. Anschließend entscheidet sie, dass die Kinder zusammen beten sollen. Nach diesen kleinen Einlagen pustet sie die Kerze aus, alle Kinder reichen sich die Hand und beenden damit den Morgenkreis. Es ist kein besonders spektakuläres, aber ein sehr wichtiges Ritual. Immerhin soll damit verdeutlicht werden, dass jedes Kind zur Gruppe gehört.

So auch durch den nächsten Programmpunkt - das Frühstück. Jeweils acht Kinder pro Gruppe gehen gleichzeitig zum Frühstück in das Café der Kita. Sind sie fertig, sind die anderen Kinder dran. Damit wird garantiert, dass sie nicht nur mit den Kindern aus der eigenen Gruppe in Kontakt treten, sondern auch die anderen kennenlernen.


Nach dem Morgenritual folgt das Frühstück. An diesem Tag fehlen wegen Krankheit und Urlaub der Eltern nur zahlreiche Kinder.

Zu den Dingen, die den Kindern beigebracht werden sollen, gehört auch, dass sie möglichst eigenständig handeln. So holen sie sich beim Essen selbst ihr Besteck und decken ihren Platz. Wenn ein Kind Hilfe benötigt, sind nicht nur die Mitarbeiter am Zug. Vielmehr sollen sich die Kinder auch untereinander helfen - Stichwort Gemeinschaft.

Spielen, ins Freie gehen, Ausflüge: Auch der weitere Verlauf des Tages ist mit Ritualen und gemeinschaftlichen Unternehmungen strukturiert. Wenn die Kinder davon mal genug haben, gebe es noch spezielle Rückzugsorte für sie in den Räumlichkeiten, erzählt Norina Thie. 

Den Bedürfnissen gerecht werden

Die Mitarbeiter versuchen dabei, den Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Und nicht nur die derjenigen, die einen besondern Förderbedarf habe. "Um den Kindern zu helfen, müssen wir registrieren, was sie bewegt und wie sie ihre Umwelt wahrnehmen", sagt Anja Hoffrichter. Mit einem Abschlusskreis endet der Tag  Um 16 Uhr werden dann die letzten Kinder aus der Kita abgeholt.

Damit ist dann zwar der Tag beendet, aber nicht der Prozess der Inklusion. Dies ist ein langer Prozess, der auch mit Rückschlägen, Hindernissen und anderen Problemen verbunden ist. Dennoch ist es einer, der so die Mitarbeiter der Kita, absolut notwendig und alternativlos ist, wenn man alle Kinder integrieren und sie optimal fördern möchte.






Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN