Von der Titanprothese zum Mikrochip Der Cyborg in mir - Menschen berichten vom Leben mit Hightech-Implantat

Von Anja Polaszewski

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Ein Mann hält einen Microchip in der Hand. Ein solcher Chip kann in eine menschliche Hand implantiert werden und dort verschiedene Zwecke erfüllen. Foto: Ole Spata/dpaEin Mann hält einen Microchip in der Hand. Ein solcher Chip kann in eine menschliche Hand implantiert werden und dort verschiedene Zwecke erfüllen. Foto: Ole Spata/dpa

Quakenbrück. Andrea Bruns aus Quakenbrück ist ein Cyborg. In der Lendenwirbelsäule der 48-Jährigen befindet sich eine komplexe, flexible Prothese aus Titan und Kunststoff. Die Hightech-Innovation für Schmerz- und Bewegungsfreiheit, eine Verschmelzung von Natur und Technik, ist Teil ihres Körpers geworden. Damit ist die Arbeitsvermittlerin im Jobcenter laut Definition ein „kybernetischer Organismus“. Die Möglichkeiten von High-Tech-Implantaten gehen heute aber weit über solch einen Nutzen hinaus.

Moderne Technologien wie die Implantate von Andrea Bruns sind in unserem Alltag angekommen. Sie vereinfachen das Leben, verhelfen zu besserer Gesundheit, verschaffen neue Möglichkeiten. Bevor der 48-Jährigen das Hightech-Implantat eingesetzt wurde, ist ihr bereits eine herkömmliche Bandscheiben-Prothese in die Halswirbelsäule implantiert worden. Sie spürt heute „leider einen großen Unterschied“ zwischen dem herkömmlichen und dem Hightech-Implantat. „Die Halswirbelsäule wurde an einer Stelle versteift: Ein Titanteil wurde als Ersatz für die Bandscheibe eingefügt. Drumherum wächst seitdem neuer Knochen.“ 

Andrea Bruns aus Quakenbrück ist eine Hightech-Prothese eingesetzt worden. Foto: Andrea Bruns

Rückblickend war diese erste Operation keine gute Lösung: „Durch die Versteifung fühle ich mich eingeschränkt, schmerzfrei bin ich auch nicht.“ Ganz anders die Hightech-Lendenwirbelsäule: Zwar wurde sie als künstliche Bandscheibe eingesetzt. „Sie ist aber flexibel und macht alle Bewegungen mit.“ Warum ließ sich die Mutter zweier erwachsener Söhne diese neue Technologie damals nicht auch für die Halswirbelsäule einsetzen? „Leider war ich zu dieser Zeit nicht gut informiert.“ 

Schlüsselbund und Portemonnaie adé

Weltweit tragen annähernd 50.000 Menschen Implantate – und nicht mehr nur, um körperliche Defizite zu kompensieren, sondern, weil es möglich ist. Immer mehr Experimentierfreudige – meist sind es Mitglieder der „Biohacking“-Szene – lassen sich Chips einsetzen. Viele Implantate sind „Marke Eigenbau“. Bisher sind nicht viele Ärzte bereit, sie einzusetzen – oder sie wissen nichts darüber. Das eigenständige Implantieren ohne medizinisches Fachpersonal kann gefährlich sein und zu schweren Infektionen führen. Deshalb gründete der Unternehmer und Biohacker Amal Graafstra 2013 die Firma „Dangerous Things“. 

In einem Online-Shop stellt er „sicheres“ Material und Anleitungen für Bodyhacks zur Verfügung. In den vergangenen fünf Jahren verkaufte Dangerous Things mehr als 10.000 solcher Chips. Verkaufsplattformen wie diese gibt es inzwischen in vielen Ländern; ganz legal sind sie allerdings nicht: Vielen Chips fehlt die Zulassung von offizieller Seite. Aus diesem Grund versehen die Betreiber entsprechende Produkte mit Warnhinweisen.

Chips unter der Haut

Werden derartige Technologien bald Alltag sein? Ja, meint Ralf Neuhäuser, Botschafter am Düsseldorfer "Factory Campus", einem Startup-Hub auf dem 34.000 Quadratmeter großen Gelände einer ehemaligen Recyclingmaschinenfabrik. Der 52-Jährige bezeichnet sich als „Neu-Cyborg“. Innerhalb eines halben Jahres ließ er sich zwei Chips implantieren – ein dritter ist in Planung. Warum in aller Welt macht man so etwas? Der gelernte Goldschmied lacht. „Das passierte spontan auf einer Veranstaltung, die sich um Digitales drehte. Ich bin Botschafter; und als solcher habe ich PR-Aufgaben zu erfüllen. Mich chippen zu lassen war die Gelegenheit, auf den Factory Campus aufmerksam zu machen.“ 

Ralf Neuhäuser. Foto: Hajo Müller / Grey

Ralf Neuhäusers Chips sitzen in den Hautfalten zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände. Es sind kleine Glaszylinder, die aussehen wie Kapseln – mit je einer Größe von etwa zwei mal zwölf Millimetern. „Nur wenn ich dagegen drücke, spüre ich sie etwas.“ In einem solchen Implantat befinden sich ein Stück Kupferdraht und eine Platine – eine Art passiver Datenspeicher ohne Batterien, den man auslesen kann. Die Energie stammt von der Antenne eines Lesegerätes, zum Beispiel dem Handy. Etwas Neues sei diese Technologie übrigens nicht, erklärt Ralf Neuhäuser: „Im zweiten Weltkrieg führte man damit zum Beispiel die Freund-Feind-Erkennung durch, allerdings im Fernbereich.“

Das Injizieren der Chips erfolgt mit einer sterilen Nadel. „Es pikst ein bisschen – wie bei einer Impfung.“ Mit seinem Smartphone kann Ralf Neuhäuser Daten auf seine Chips schreiben, zum Beispiel Notfall- und Kontaktdaten. Er könnte seine Implantate außerdem als Türöffner und Fernbedienung benutzen – oder sie als Zahlungsmethode einsetzen. „Ich kann damit alles tun, was mit Chipkarten möglich ist. Mein Ziel ist, Schlüsselbund und Portemonnaie loszuwerden.“

Mit einem Chip unter der Haut lassen sich auch Türen öffnen. Symbolfoto: Ole Spata/dpa

Was genau ist ein Cyborg? Vereinfacht ausgedrückt ist er ein Lebewesen, das technisch ergänzt oder erweitert wurde – ein Mensch-Maschine-Komplex. „Eigentlich ist das aber schon jemand, der eine Brille oder Kontaktlinsen trägt“, findet Ralf Neuhäuser. „Am Körper befindet sich ein Gerät, das Dich um Fähigkeiten erweitert, die Du nicht mehr hast oder noch nie hattest.“ Für andere wiederum ist erst derjenige ein Cyborg, wenn er – der Mensch – mit einem technischen Gerät verschmilzt, ein Implantat oder eine Prothese besitzt.

„Dann bist du ja jetzt ein Cyborg"

Enno Park ist Journalist und Vorsitzender des Berliner Vereins Cyborgs e.V., der sich intensiv mit medizinischen Prothesen und Implantaten auseinandersetzt. Der 44-Jährige verlor im Alter von zehn Jahren nach und nach sein Gehör. „Ich hatte ein Restgehör, mit dem ich ohne Hörgeräte quasi taub war.“ Mit einem Cochlea-Implantat (CI) kann der Biohacker heute nach mehr als zwanzig Jahren innerer Stille wieder hören. 

Das CI ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktionsfähig ist. „Cochlea-Implantate gab es 1990 schon, davon wurde mir beim damaligen Stand der Technik aber selbst von Experten abgeraten, die ansonsten auf diesem Gebiet Pioniere in Deutschland waren“, erklärt Park, der in seiner linken Hand auch einen Chip trägt. „Dass das CI über die Jahre immer besser und ich Zielgruppe wurde, habe ich nicht mitbekommen.“ Als aber 2010 ein Freund erfolgreich operiert wurde, besorgte sich Enno Park einen Termin am Berliner Virchow-Klinikum; ein Jahr später ließ er sich im Abstand von sechs Monaten beide Ohren operieren. „In den Monaten danach stieg mein Sprachverständnis auf einhundert Prozent.“

Während Andrea Bruns den „Verschmelzungsprozess“ des Körpers mit der Technik als befremdlich beschreibt, reagierte Enno Parks Gehirn auf sein Implantat „wie ein Hund, der sich freut, endlich wieder apportieren zu dürfen“. Er lacht. „Das Neu-Hören-Lernen war wie ein spannendes Abenteuer mit immer neuen Entdeckungen. Etwa wenn Du merkst, dass in dem einen Song, den Du seit der Kindheit kennst, ein Regenmacher vorkommt. Den hast Du vorher aber nie wahrgenommen.“

Oft hört Enno Park seitdem Worte wie: „Dann bist du ja jetzt ein Cyborg." „Oberflächlich gesehen stimmt das auch, denn in meinen Körper ist Technik eingebaut, die mein Nervensystem mit Signalen versorgt.“ Die Technik im Körper zu haben oder sie herkömmlich zu nutzen, das mache keinen großen Unterschied. „Mein Handy trage ich ja auch immer mit mir herum, und es ist höchst unangenehm, wenn es einmal nicht funktioniert. Schließlich ist ein Smartphone ein Sinnesorgan für das Internet, über das wir heute große Teile unseres Soziallebens abwickeln.“ 


Krieg der Welten?

Besonders gut passt der Begriff des Cyborg für Enno Park auf die Gesellschaft: „Unsere Kultur ist eng mit technischen Infrastrukturen verwoben – vom Strom über die Wasserversorgung bis hin zum Internet und dem ÖPNV. Unsere Gesellschaft als Ganzes ist also ein Cyborg.“ Dabei sei die Vorstellung, wir könnten in einen Naturzustand zurückkehren, ziemlich unsinnig und sogar gefährlich. „Das hieße ja nicht nur Verzicht auf Internet und Medien, sondern auch auf Medizin, Nahrungsmittelversorgung und so weiter. Würden wir versuchen, wie die Steinzeitmenschen zu leben, würde der Planet binnen kürzester Zeit unbewohnbar werden, weil sieben Milliarden Menschen den Wald abholzen würden, um Feuer zu machen.“ Anders ausgedrückt: „Die Technik ist die Natur des Menschen. Und aus dem Dilemma von Überbevölkerung und Klimawandel kommen wir – wenn überhaupt – nur durch den intelligenten Einsatz von Technik wieder raus.“

Wäre auch der Einsatz von Prothesen, Körpererweiterungen und Implantaten beim Militär möglich? Enno Parks Verein lehnt das ab, immerhin würden hier aggressive Ziele verfolgt. Ralf Neuhäuser hält es für denkbar, dass der Soldat der Zukunft technische Prothesen haben wird. „Momentan benutzen wir weitestgehend Technik, um Mängel auszugleichen, doch ich kann mir gut vorstellen, dass es später einmal um mehr Leistungsfähigkeit gehen wird.“  

Werden menschliche Körper und Technik also in Zukunft zu „Superwesen“ verschmelzen? Für Viele ist das vorstellbar. Einige gehen sogar so weit in ihrer Annahme, dass in gar nicht mehr so ferner Zukunft Maschinen Gehirne nachbauen können. „Es wird wohl Zeiten geben, in denen Mensch und Technik auf eine Weise konkurrieren werden, die wir uns bisher noch schlecht vorstellen können“, philosophiert Ralf Neuhäuser. „Es könnte sogar auf eine Art Krieg zwischen analoger und digitaler Welt hinauslaufen: Mensch und Technik rivalisieren oder es kommt zu einer Fusion.“

Warum Computer nicht intelligent sind

Enno Park steht dem Ganzen skeptisch gegenüber. Die Vorstellung, dass Mensch und Maschine eines Tages Kämpfe um die Vorherrschaft führen werden, „setzt das Eintreten der technologischen Singularität voraus: dass ein intelligenter Computer einen noch intelligenteren baut, der wiederum einen noch intelligenteren baut. Solange, bis es zu einer exponentiellen Intelligenzexplosion kommt.“ Dies setze voraus, dass die dazu nötigen Computer ebenfalls exponentiell schneller würden. „Das war jahrzehntelang der Fall, stagniert aber seit einiger Zeit. Immer, wenn wir dachten, ein Computer, der etwas Bestimmtes kann, müsse intelligent sein, haben wir das revidiert. Nämlich dann, als der Computer es konnte, aber trotzdem nicht intelligent war, sondern nur maschinell Algorithmen abarbeitete.“ Als Beispiele nennt er unter anderem die Strategiespiele Schach und Go. 

„Es kann tatsächlich passieren, dass wir eines Tages einer 'echten' künstlichen Intelligenz gegenüberstehen, mit der wir vielleicht sogar 'Krieg' führen müssen, aber ich erwarte das nicht", sagt Park. „Hinter den jetzigen Künstliche-Intelligenz-Systemen stecken Menschen und Organisationen mit Zielen und Profitinteressen. Ich glaube, dass das Problem nicht sein wird, gegen Maschinen zu kämpfen, sondern gegen Menschen, die Macht über Maschinen ausüben.“

So detailliert hat sich die Quakenbrückerin Andrea Bruns bisher nicht mit der Cyborg-Thematik auseinandergesetzt. „Ich bin einfach dankbar für die neue Lebensqualität, die mir das Lendenwirbelsäule-Implantat ermöglicht und hoffe, es hält noch viele Jahre.“


Die Idee vom Cyborg

Die Idee vom Cyborg gibt es schon lange. Erstmals taucht der Begriff 1960 im Aufsatz „Cyborgs and Space“ für die Fachzeitschrift „Astronautics“ auf. Geschrieben haben ihn der Amerikaner Nathan S. Kline und der Spanier Manfred E. Clynes, beide zu jener Zeit in einem Nasa-Programm tätig. In ihrem Text fragen sich die beiden Wissenschaftler, wie wohl menschliche Körper technisch ausgerüstet sein müssten, um im Weltall zu überleben. Ihre Antwort: Sie müssten sich den dortigen Bedingungen anpassen. 

Heute, bald sechzig Jahre später, sind neue Ideen auf dem Vormarsch: Amazon-Milliardär Jeff Bezos will den Weltraum als Touristenziel attraktiv machen, Tesla-Gründer Elon Musk schwebt die Besiedlung des Mars mit seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX vor. Der Plan des gebürtigen Südafrikaners: die Erdbevölkerung im Falle eines Dritten Weltkriegs in Sicherheit zu bringen, eine menschliche Kolonie auf dem Roten Planeten gründen. Ein Fall für die Cyborg-Technologie.

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