Bonmots, Gedichte und Rollenspiele Ungewöhnliches Experiment im Stadtmuseum Quakenbrück

Von Bernard Middendorf


Quakenbrück. Ein Experiment war es schon, was da im Stadtmuseum Quakenbrück über die Bühne ging, aber ein sehr gelungenes – das dürfte uneingeschränkte Bestätigung finden im Kreis der Teilnehmer. Ja, Teilnehmer, denn das Duo Thiele/Neumann aus Osnabrück erlaubte kein bequemes Zurücklehnen im Theatersessel, hatte stattdessen für jeden nur einen kleinen Hocker zum Mitnehmen parat – und entführte sein Publikum auf eine kurzweilige, manchmal sogar skurrile, jedoch stets spannende Reise durch historische „Szenarien“ des Kleinods am Marktplatz.

„Inspiriert von Räumen und Objekten haben das Thiele-Neumann-Theater, das Stadtmuseum Quakenbrück und das Literaturbüro Westniedersachsen ein neues Veranstaltungsformat unter dem Titel ‚Vorhang auf‘ entwickelt“ – den trockenen Text solcher Ankündigungen karikierten Regina Neumann und Helmut Thiele mal eben zum Einstieg: „Beginnen wir gleich mit was Hochoffiziellem – einem Standard für Museen: Museen...informieren und bilden, bieten Erlebnisse und fördern Aufgeschlossenheit, Toleranz und den gesellschaftlichen Austausch. Diesen Dozententon wollen wir natürlich nicht beibehalten.“

Auch der zweite Abend war ausverkauft

Der PR-Text riss im Vorfeld wohl niemand vom Hocker, eher schon die Neugier auf das versprochene „Theater-Tandem ohne eigene Spielstätte an ungewöhnlichen Aufenthaltsorten“, denn: Auch der zweite Abend war ausverkauft. Als Wachmacher diente – wenn überhaupt nötig – die erste Spielaufgabe: Ein Sprechchor, besser: Ein Kanon über den Namen der Stadt: „Quack-enbrück, Quack-salber, Quacke-di-quak“ – auch das eine gekonnte Parodie; prompt ging die Schlusshymne über „des Artlands Perle“ im allgemeinen Gelächter unter.

Rollen- und Kostümwechsel im Akkord

„Die Führer in den Museen sind nichts anderes als eitle Geschwätzmaschinen“, behauptete Faktotum Ralf Brune. Mitnichten, denn was folgte, war ein mitreißender Wirbel an literarischen Bonmots, ernsten und heiteren Zitaten sowie „gehobener und weniger gehobener Prosa“, und daran war er nicht ganz unschuldig. Rollen- und Kostümwechsel im Akkord, ein locker beherrschtes Spannungsfeld von Nestroy- Anekdoten bis zu nicht weniger philosophischen verschmitzten Gedichten von Eugen Roth – da blieb kein Wunsch offen und kein Auge trocken.

Themen-Räume im Museum ausgenutzt

Das Duo nutzte und genoss das Angebot an Themen-Räumen weidlich: Thiele ließ sich im Schlachterladen von August Wulf über gebratene Spanferkel aus – Neumann funkte mit „vegetarischen Aphorismen“ dazwischen. Die üppigen Einkommen von Apothekern wurden mit dem bissig-ironischen Lied „Travnicek in der Apotheke“ des unsterblichen Helmut Qualtinger aufgespießt – mitten im Apotheken-Inventar, das ironischerweise mal einem Egon Arbeiter gehörte. Köstlich ebenfalls: Der Kampf der Witwe Bolte um ihre Hühner. „Max und Moritz“ in historischer Artländer Küche – das hätte selbst Wilhelm Busch gefallen. Unmöglich, den literarischen Zickzack-Kurs durch das Museum komplett zu beschreiben; selbst Treppenaufgang und Türen mussten zu wirklich geistreichen Gedankenspielen herhalten. Vergebliche emanzipatorische Bekehrungsversuche von Katharina von Bora, der „Reformator“ Martin Luther das Bier wegtrank, die beeindruckend vorgetragen Burleske „Die schlimmen Buben in der Schule“ vor altem Abc-Schützen-Mobiliar, physikalische Archimedes-Experimente im Raum mit Waagen und Gewichten – all das regte unwiderstehlich zur Interaktion an – trotz der Enge.

Finale mit Ammerländer Löffeltrunk

Nur gut, dass oben im Kaufmannsladen der Ammerländer Löffeltrunk serviert wurde; so waren Stellen aus „Aufzeichnungen eines Außenseiters“ von Charles Bukowsky oder das Hobellied aus „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund gedanklich leichter zu verarbeiten, ehe nach dem „Ferngespräch“ von und mit Eugen Roth das Ende drohte, zum Glück versüßt mit Appetithäppchen von Ricarda Huch und Ludwig Brill (Singschwan).


„Vorhang auf für das Stadtmuseum“

Weitere Aufführungen sind am Freitag, 15. Juni, und Samstag, 16. Juni, jeweils um 20 Uhr, im Stadtmuseum Quakenbrück. Da die Zuschauerzahl begrenzt ist, sollten Eintrittskarten (Vorverkauf neun Euro, Abendkasse zehn Euro) rechtzeitig im Stadtmuseum Quakenbrück, Markt 7, erworben werden (Öffnungszeiten: Donnerstag, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr). Tickets gibt es auch in der Tourismus-Information Artland, Markt 4 (Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 13 Uhr und 14 bis 16 Uhr, Samstag 10 bis 13 Uhr).