Im Zweifel für den Angeklagten Bersenbrücker Gericht spricht Messerstecher frei

Von Holger Schulze

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Vor dem Amtsgericht Bersenbrück ist ein 47-jähriger Mann aus Badbergen vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen worden. Foto: dpaVor dem Amtsgericht Bersenbrück ist ein 47-jähriger Mann aus Badbergen vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung freigesprochen worden. Foto: dpa

Bersenbrück. Ende 2017 hatte ein 47-jähriger Mann in Badbergen bei einer Auseinandersetzung seinem Mitbewohner ein Messer in den Oberbauch gestoßen. Jetzt musste er sich wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht verantworten.

In seinen Angaben zur Sache schilderte der Angeklagte einen Streit mit seinem Mitbewohner. Nach Beleidigungen durch das Opfer habe er den Raum verlassen und auf dem Balkon begonnen, eine Birne mit seinem Klappmesser zu schneiden. Dabei sei er mit einem Stuhl angegriffen worden und habe einen Schlag auf den Kiefer erhalten. Weil er weitere Schläge befürchtete, habe er den Angreifer mit dem Messer in der Hand weggeschubst. Dabei müsse es zur Verletzung gekommen sein. Auch der Geschädigte schilderte einen Streit mit viel Geschrei durch den Angeklagten. Ferner habe der Angeklagte damit gedroht, „ihn zu schneiden“. Bei einer weiteren Auseinandersetzung am Balkon habe der Angeklagte auf ihn eingestochen. Einen weiteren Angriff durch den Angeklagten habe er mit einem Stuhl abwehrt, so seine Zeugenaussage.

Rund drei Zentimeter große Wunde

Danach geriet die Beweisaufnahme erneut ins Stocken. Die nächsten beiden Zeugen auf der Liste waren nicht erschienen. Einer von ihnen traf dann mit rund dreistündiger Verspätung im Gerichtssaal ein. Der Arzt, der das Opfer nach der Tat operiert hatte, schilderte die rund drei Zentimeter große Wunde in dessen Oberbauch. Von ihm erfuhr das Gericht ferner, dass es nur glücklichen Umständen zu verdanken gewesen sei, dass das Opfer keine lebensbedrohlichen inneren Verletzungen davongetragen habe. Ein weiterer als Zeuge vernommener Polizeibeamte hatte den Geschädigten noch im Krankenhaus zu seinen Verletzungen vernommen. Ihm seien vom Opfer Äußerungen des Angeklagten mitgeteilt worden, in denen der Angeklagte auch mit dem Schneiden oder Stechen von außenstehenden Personen gedroht haben soll.

Staatsanwältin fordert drei Jahre Haft

Der Polizeibeamte, der nach der Tat den Angeklagten vernommen hatte, schilderte seinen Eindruck, dass dem Angeklagten die Verletzung des anderen Mannes leidgetan habe. Bei der Vernehmung kurz nach der Tat hatte der Angeklagte jedoch von einem gezielten Stich und nicht von einem Wegschubsen gesprochen. In ihrem Plädoyer sah die Staatsanwältin die Notwehrversion des Angeklagten als widerlegt an. Insbesondere deshalb, weil dieser bei der polizeilichen Vernehmung kurz nach der Tat nicht ein versehentliches Wegschubsen, sondern einen Stich zu Protokoll gegeben hatte. „Der Angeklagte war sauer, und die Geschichte hat sich über Stunden hinweg hochgeschaukelt“, stand für die Staatsanwältin nach der Beweisaufnahme fest. Ferner stufte sie die Tat als „außerordentlich rüde und unter Ausnutzung der vollständigen Arglosigkeit des Opfers“ ein. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Verteidigung: Widersprüche und Falschdeutungen

„Massive Falschdeutung der Aussagen und immer zum Nachteil des Angeklagten“, hielt der Verteidiger dem Plädoyer der Staatsanwältin entgegen. Er sah die Angaben seines Mandanten als erwiesen an. Die Aussagen des Opfers vor Gericht und bei der Polizei würden sich in extrem vielen Punkten unterscheiden. Das Motiv für die Version des Opfers sei der Umstand, dass er den Angeklagten loswerden wollte, weil dieser Stress gemacht habe und das Opfer deshalb um Arbeitsplatz und Wohnung fürchtete. Die Aggression sei vom Geschädigten ausgegangen, und sein Mandant habe in Notwehr gehandelt. Angesichts der konträren Aussagen von Opfer und Angeklagten müsse das Gericht im Zweifel für den Angeklagten zum Freispruch kommen.

Hat das Opfer den Täter zuerst angegriffen?

Freispruch und Entschädigung für die erlittene Untersuchungshaft lautete schließlich das Urteil. Die Verhandlung mit ihrem interpretationsfähigen Sachverhalt bewog das Gericht zu dieser Entscheidung. Für beide vom Opfer wie vom Angeklagten geschilderte Sachverhalte gäbe es Anhaltspunkt. Aber es gab auch mehrere Widersprüchlichkeiten in den Aussagen des Geschädigten, sodass das Gericht nicht ausschließen konnte, dass der geschädigte Zeuge den Angeklagten zuerst angegriffen hatte.


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