Es geht um die große Liebe Kulturring Quakenbrück wagt mit „Konstellationen“ Experiment

Von Bernard Middendorf

Parallele Wirklichkeiten zeigten Guntbert Warns und Suzanne von Borsody im Stück „Konstellationen“ in der Aula des Artland-Gymnasiums Quakenbrück. Foto: MiddendorfParallele Wirklichkeiten zeigten Guntbert Warns und Suzanne von Borsody im Stück „Konstellationen“ in der Aula des Artland-Gymnasiums Quakenbrück. Foto: Middendorf

Quakenbrück. „Konstellation: Gesamtsituation, die sich aus dem Zusammentreffen bestimmter Umstände ergibt“ – so nüchtern, ja steif definiert der Duden einen Begriff, der selbst in der schillernden Welt der Astrologie Einzug gehalten hat. „Konstellationen“ hieß auch das jüngste Stück des Kulturrings Quakenbrück.

Wer sich von diesem Titel nicht abschrecken ließ, erlebte Kaskaden von Gefühlsausbrüchen und zündende Dialoge. Dass diese Funken auf das Publikum übersprangen, ist der professionellen Leistung zweier hochkarätiger Schauspieler zu verdanken: Suzanne von Borsody und Guntbert Warns mussten sich ihren verdienten Beifall wirklich erarbeiten.

Ein Zwei-Personen-Stück um eine große Liebe

Das Fazit vorweg: Es war ein Experiment, aber eines, das aufging. Ein Wagnis bereits der Aufführungstag, aber unausweichlich, weil durch Terminnöte des stark gebuchten Ensembles bedingt. „Risikobehaftet“ war außerdem der Name dieses Schauspiels, der Neugier, aber vielleicht auch ratloses Schulterzucken hervorrufen konnte. „Was Sie erwartet: Ein raffiniert konstruiertes Zwei-Personen-Stück um eine große Liebe in all ihren Variationen“ hatte der Kulturring angekündigt. Dieses Versprechen wurde eingelöst – vor einem für einen Montag in den Ferien überraschend großen Publikum.

Über ein ungleiches Paar

Man brauchte eine Weile, um zu realisieren, dass Nick Payne Handlungsstränge, die sich – siehe oben – aus dem Zusammentreffen bestimmter Umstände ergaben, in dichter Folge viele Male fiktiv durchspielen ließ. Zurückhaltend oder draufgängerisch, romantisch oder rüde, wehleidig oder aggressiv: Das ungleiche Paar, das da mal leidenschaftlich, mal rücksichtslos aufeinanderprallte, lebte sämtliche denkbaren Variationen aus – quasi theoretisch und dabei stets mit „Open End“.

Quantenphysikerin trifft auf Imker

Ein Kunstgriff, aber verzeihlich, dass der Drehbuchschreiber der Versuchung, seinen Protagonisten absolut konträre Berufsbilder mitzugeben, erlegen war. Die beiden Zufallsbekannten – hier die überintelligente Quantenphysikerin Marianne, dort der bodenständige Imker Roland – trennten Welten. Dass sich zwei Personen mit so stark auseinanderdriftender (Vor-)Bildung und gesellschaftlicher Stellung auf einer Grillparty über den Weg laufen, ist statistisch gesehen äußerst unwahrscheinlich, aber man ahnt, warum: Daraus ergaben sich geradezu zwangsläufig Chancen für reizvolle oder „gereizte“ Situationen, die von beiden hingebungsvoll ausgeschöpft wurden.

Höchste Konzentration gefordert

„Wir befinden uns in einem Multiversum, in dem sämtliche vorstellbaren Ereignisvarianten gleichzeitig nebeneinander existieren“, gab das Renaissance-Theater Berlin vorher mit auf den Weg. Beeindruckend, wie von Borsody und Warns diese wissenschaftlich-trockene Beschreibung in pralles Geschehen umsetzten und „parallele Wirklichkeiten“ hintereinander vorführten. Blitzartig aufeinanderfolgende Szenen, Zeiten und Gefühlslagen, dazwischen nur Sekunden, um Mobiliar und Stellung zu wechseln – das forderte höchste Konzentration. Nach jeder kurzen Unterbrechung musste ja wieder ein anderer Mensch aus dem Dunkel treten.

Kraftakt für die Darsteller

Eine Pause gebe es nicht, waren Besucher vorgewarnt worden; die hätte zu den buchstäblich pausenlosen Raum- und Zeitsprüngen auch nicht gepasst. Erstes Treffen, Small Talk, dreiste Anmache und Rauswurf, ein Heiratsantrag, gegenseitige Seitensprunggeständnisse, Trennung, unverhofftes Wiedersehen, Schockdiagnose „unheilbare Krankheit“, dazu oft geradezu hektische (Re-)Aktionen und nicht immer wortgleiche Dialoge: Der Kraftakt der Darsteller, sich solch ein Stakkato einzuprägen, war genauso bewundernswert wie der Mut, ohne Souffleur anzutreten. Sogar zum Applaudieren kam man einfach nicht dazwischen; das wurde reichlich nachgeholt, als der Vorhang fiel. „Dieses außergewöhnlich neue und romantische Schauspiel packt mehr Inhalt in eine gute Stunde Theater als andere in drei“, lobte „The Daily Telegraph“ in London nach der Premiere. Wohl wahr.