Auf Pflegekräfte angewiesen Erfolg auf Facebook – Happy End für Quakenbrücker Rollstuhlfahrer

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Kommen gut miteinander aus: Sebastian Pichler und Maja Wiehe. Foto: HülsmannKommen gut miteinander aus: Sebastian Pichler und Maja Wiehe. Foto: Hülsmann

Quakenbrück. Der Quakenbrücker Sebastian Pichler sitzt seit einem Herzstillstand vor vierzehn Jahren im Rollstuhl. Um den Alltag zu bewältigen, ist er seitdem auf Pflegekräfte angewiesen. Doch nicht immer ist es einfach, geeignete Helfer zu finden. Eine Geschichte über einen tragischen Unfall, fehlende Informationen und eine Suche auf Facebook.

Es war Muttertag 2004, als sich das Leben einer Familie aus Quakenbrück schlagartig und dramatisch änderte. Der damals 15-jährige Sebastian Pichler lebte zu dieser Zeit noch in seinem Elternhaus. An diesem Tag Anfang Mai brach der Jugendliche plötzlich zusammen – sein Herz hatte aufgehört, zu schlagen. Letztlich hatte er Glück, dass seine Partnerin zu diesem Zeitpunkt zu Hause war. Nachdem sie den Notarzt gerufen hatte, gelang es den Medizinern im Krankenhaus, das Herz von Sebastian Pichler wieder in Gang zu bekommen. Der Quakenbrücker überlebte, ist seitdem aber ein Pflegefall. Da sein Gehirn eine längere Zeit nicht mit Blut und Sauerstoff versorgt wurde, erlitt er einen hypoxischen Hirnschaden. Und das kurz vor seinem 16. Geburtstag. Was zum Herzstillstand des eigentlich kerngesunden Jugendlichen geführt hatte, ist bis heute noch nicht gänzlich geklärt. „Die Ärzte vermuten, dass er eine Erkältung verschleppt hat“, erzählt seine Mutter Barbara Hülsmann.

Lebensmut nicht verloren

Fast 14 Jahre sind seit diesem Tag vergangen. Der mittlerweile 30 Jahre alte Mann ist seit dem Unfall blind und auf den Rollstuhl angewiesen, muss gewaschen und gefüttert werden. An Armen und Beinen hat er eine Spastik. Seinen Lebensmut hat Sebastian Pichler dennoch nicht verloren. „Er versteht alles und kann sich auch mit uns unterhalten“, sagt seine Mutter.

Bis 2016 lebte Sebastian Pichler in einem Pflegezentrum in Badbergen, vor zwei Jahren hat seine Mutter entschlossen, ihn nach Hause zu holen. Auch zur Freude des Mannes. „Ich finde es sehr schön, wieder hier zu wohnen“, sagt er. So sehr der Wunsch verständlich ist, seinen Sohn wieder täglich um sich herum zu haben, so schwierig waren teilweise die Begleitumstände, die mit dieser Entscheidung verbunden waren. Zum einen fühlte sich Barbara Hülsmann von den Behörden und Krankenkassen ziemlich im Stich gelassen. Ihr Sohn muss gepflegt werden, doch welche Rechte er und seine Mutter diesbezüglich genau haben, sei lange Zeit unklar geblieben. „Die Betroffenen sollten besser informiert werden“, sagt die 56-Jährige noch immer über das Verhalten der Behörden. Sie vermutet, dass es vielen Angehörigen von Pflegefällen ähnlich ergehe. „Viele wissen einfach nicht, welche Hilfen ihnen gesetzlich zustehen. Das wird nämlich häufig verschwiegen“, sagt sie. Deshalb empfiehlt sie den Betroffenen, dass sie sich selbst über ihre Rechte informieren sollen.

Kein Fremder, sondern ein Familienmitglied

Das hat auch Barbara Hülsmann gemacht. Um ihren Sohn kümmern sich mittlerweile fünf Pflegekräfte – zwei in Vollzeit, drei als 450-Euro-Kräfte. Dass täglich Fremde in ihrem Haus ein- und ausgehen, sei zu Beginn eine große und auch schwere Umstellung gewesen, erzählt Barbara Hülsmann. „Dadurch wird einem auch ein Stück vom Privatleben genommen“, sagt die Frau.

Einer dieser Pfleger ist Lars Domschke. Den 30-Jährigen bezeichnet Barbara Hülsmann nicht mehr als Fremden, sondern eher als Familienmitglied. Seit 2009 kennt er den Quakenbrücker Rollstuhlfahrer. Wer das Zusammenspiel der beiden beobachtet, sieht darin keine Pfleger-Gepflegter-Beziehung, sondern zwei Freunde. Die beiden scherzen viel – manchmal auch in einer für Außenstehenden etwas rabiaten Form. Sie sind ein eingespieltes Team. „Jeder kennt die Macken des anderen“, sagt Lars Domschke. Das war aber nicht immer so. Es habe eine gewisse Zeit gedauert, ehe die beiden miteinander warm geworden sind, verrät der Heilererziehungspfleger. „Eine lange Zeit durfte ich ihn nicht anfassen“, sagt der 40-Jährige. Für ihn ist es ein Traumberuf. Bereits mit 13 Jahren hat er entschlossen, später einmal Pfleger zu werden.

Ein eingespieltes Team: Heilerziehungspfleger Lars Domschke, Sebastian Pichler und Barbara Hülsmann. Foto: Lang

Damit gehört er hierzulande zu den Ausnahmen. Pflegepersonal wird in Deutschland derzeit händeringend gesucht – und die Situation soll noch schlimmer werden. Laut einer aktuellen Studie des niedersächsischen Sozialministeriums fehlen bis 2030 in dem Bundesland bis zu 52.000 Pflegekräfte. Ungünstige Arbeitszeiten, mäßige Bezahlung, dauerhafte Überlastung: Die Gründe dafür, dass sich nur wenige Menschen einen Beruf in der Pflege vorstellen können, sind zahlreich. Das weiß auch Lars Domschke. „Es sind halt viele Aufgaben dabei, die man für gewöhnlich nicht machen möchte“, sagt er. Man müsse schon eine gewisse Passion für den Beruf besitzen, um mit den Härten klarzukommen, die damit verbunden sind.

Aufruf auf Facebook

Dass es nicht so einfach ist, geeignetes Personal zu finden, musste Barbara Hülsmann jüngst am eigenen Leib erfahren. Nachdem eine Pflegekraft gekündigt hatte, galt es, einen Nachfolger zu finden. „Ich war bei der MaßArbeit des Landkreises. Aber die Mitarbeiter haben uns angesichts des Pflegenotstands wenig Hoffnung gemacht“, so die 56-Jährige. Die Suche gestaltete sich zunächst tatsächlich recht schwierig. Doch dann hatte Hülsmann die Idee, auf Facebook einen Aufruf zu starten, um möglicherweise private Interessenten anzusprechen. Mit Erfolg. „Die Resonanz war sehr gut. Der Aufruf wurde häufig geteilt und insgesamt sieben Bewerber haben sich bei uns gemeldet“, sagt sie. Der Quakenbrückerin war es wichtig, bei den Interessenten nicht nur auf die fachlichen Qualitäten zu achten. „Das Charakterliche muss auch stimmen. Wir wollen hier eine sehr familiäre Atmosphäre haben“, sagt sie. Bei einigen Bewerbern habe sie jedoch im Gespräch bemerkt, dass diese es nicht ernst meinen würden oder nicht genügend vorbereitet wären. „Sie haben entweder gleich nach dem Gehalt gefragt oder wussten nicht, wie viel Arbeit es bedeutet“, sagt Barbara Hülsmann. Am Ende hat es dann aber doch geklappt, eine geeignete Pflegekraft zu finden. Seit einigen Wochen unterstützt Maja Wiehe die Familie aus Quakenbrück. Und wie macht sich das neue Gesicht im Haus? „Das Zusammenspiel läuft super. Sebastian und sie verstehen sich richtig gut“, erzählt Barbara Hülsmann. Auch der Rollstuhlfahrer ist zufrieden. „Mir gefällt es sehr gut mit ihr“, sagt er.


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