Interview mit Wolfgang Niem Artland-Akademie Quakenbrück widmet sich automatisierter Mobilität

Von Ulrike Havermeyer

Wolfgang Niem (52) ist promovierter Diplom-Ingenieur und leitet seit 2015 die Forschungsabteilung „Connected Mobility an Computer Vision Systems“ bei der Robert Bosch GmbH in Hildesheim. Foto: NiemWolfgang Niem (52) ist promovierter Diplom-Ingenieur und leitet seit 2015 die Forschungsabteilung „Connected Mobility an Computer Vision Systems“ bei der Robert Bosch GmbH in Hildesheim. Foto: Niem

Quakenbrück. Warum wir wohl auch in 50 Jahren noch ganz individuell motorisiert durch die Landschaft brausen, während in den Städten Robotaxis und Shuttledienste die Straßen beherrschen, erklärt Wolfgang Niem von der Robert Bosch GmbH in Hildesheim.

Herr Niem, wie viele Kilometer legen Sie in einem normalen Monat mit welchen Verkehrsmitteln zurück?

Durchschnittlich lege ich etwa 3500 Kilometer im Monat zurück, ungefähr zehn Prozent davon mit dem Fahrrad. Zweimal im Monat fahre ich mit dem Zug auf Dienstreise, die machen rund 45 Prozent aus. Für die restlichen 45 Prozent, im Wesentlichen Urlaubs-Langstrecken, Wochenendausflüge und Großeinkauf, benutze ich das Auto.

Wird die Entwicklung des automatisierten Fahrens irgendetwas daran ändern?

Am prozentualen Anteil wahrscheinlich nicht. Ich hoffe aber, dass ich die Langstrecken künftig deutlich entspannter mit automatisiert gefahrenen Teilabschnitten zurücklegen kann.

Was ist, kurz gesagt, unter automatisiertem Fahren zu verstehen?

Beim automatisierten Fahren ist das Fahrzeug in der Lage, sich selbstständig im realen Verkehr zu bewegen. Je nach Grad der Automatisierung muss der Fahrer das Fahrzeug weiterhin überwachen oder die Situationen, in denen das Fahrzeug automatisiert fahren kann, sind eingeschränkt. Es gibt sechs Grade der Automatisierung von null bis sechs, wobei erst bei Stufe fünf das Fahrzeug sämtliche Aufgaben in jeder Situation übernehmen kann.

Wie wird das automatisierte Fahren den Straßenverkehr verändern – in den Großstädten, in eher ländlichen Regionen wie dem Artland?

In Städten werden vernetzte, automatisiert fahrende, elektromotorische Shuttle-Fahrzeuge auf bedarfsoptimierten Routen vor allem die letzte Meile abdecken. In ländlichen Gegenden werden automatisierte Fahrzeuge vor allem die älter werdende Generation mobil halten.

Welcher politischen Entscheidungen bedarf es, um die Verkehrssituation in den Städten und auf den Straßen zu entlasten?

In den Städten wird vor allem der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs durch politische Entscheidungen befördert und die Schaffung von sicheren Verkehrswegen für Fußgänger und Zweiradfahrer.

Hat das automatisierte Fahren auch Auswirkungen auf den Lkw-Fernverkehr?

Ja, in einem ersten Schritt wird man künftig Lkws in großen Platoons miteinander verbinden können, bei denen nur der erste Lkw noch mit einem lenkenden Fahrer besetzt ist. Die Fahrer der automatisiert folgenden Lkw können sich ausruhen.

In was für einem Fahrzeug sehen Sie sich in zehn Jahren sitzen?

In zehn Jahren wird ein Umdenken bereits zu erkennen sein. Die Einfahrt in die Städte wird beschränkt werden für saubere Fahrzeuge. Es ist Platz geschaffen für Fahrräder, E-Bikes und E-Scooter. In zehn Jahren werden wir Robotaxis in speziellen Bereichen sehen und individuell automatisiert fahrende Fahrzeuge auf Autobahnen und auch Lkw-Platooning.

Und wie wünschen Sie sich die Mobilität in 50 Jahren?

Mobilität in den Städten der Zukunft ist durch öffentlichen Nahverkehr und smarte Mobilitätsdienstleistungen abgedeckt. Ein Auto braucht man in den Städten nicht mehr. Alle Mobilitätsträger werden durch saubere Energien angetrieben. Wobei das Grundbedürfnis, sich in einem Fahrzeug individuell durch die Landschaft zu bewegen, auch in 50 Jahren noch existieren wird – vor allem im Urlaub.

Zur Frage der Moral: Wie entscheidet sich ein automatisiertes Fahrzeug, wenn es in eine heikle Unfallsituation gerät, bei der je nach Reaktion entweder andere Personen – Kinder, Senioren – oder der „Fahrer“ selbst zu Schaden kommen?

Die Ethik-Kommission „Automatisiertes und vernetztes Fahren“ gibt hier eine Leitlinie für die Entwicklung automatisierter Systeme, die besagt: Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung von Menschen nach persönlichen Merkmalen, also Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution, unzulässig. Das heißt, dass sehr wohl zwischen Sachen, Tieren und Menschen unterschieden wird. Der Schutz des Menschenlebens besitzt dabei die höchste Priorität. Eine weitere Qualifizierung findet aber nicht statt.

Wolfgang Niem hält auf Einladung der Artland-Akademie Quakenbrück (AAQ) am Freitag, 23. Februar, um 18.30 Uhr im Hörsaal des Christlichen Krankenhauses den Vortrag zum Thema „Automatisiertes Fahren“. Anmeldungen werden unter Telefon 05431/1875291 (Anrufbeantworter), E-Mail: Artland-akademie-quakenbrueck@t-online.de, entgegen genommen.


Zur Person

Wolfgang Niem (52) ist promovierter Diplom-Ingenieur und leitet seit 2015 die Forschungsabteilung „Connected Mobility an Computer Vision Systems“ bei der Robert Bosch GmbH in Hildesheim. Der gebürtige Gelsenkirchener kam als Neunjähriger nach Quakenbrück und machte 1985 am Artland-Gymnasium sein Abitur.