Lyriklesung in Quakenbrück Ben Becker hat „keinen Bock“ auf das Dschungel-Camp

„Privater Abend mit sehr schönen Gedichten“: Ben Becker präsentiert am 28. Januar in Quakenbrück seine musikalische Lesung „Der Ewige Brunnen“.Foto: Faceland.com„Privater Abend mit sehr schönen Gedichten“: Ben Becker präsentiert am 28. Januar in Quakenbrück seine musikalische Lesung „Der Ewige Brunnen“.Foto: Faceland.com

Quakenbrück. Auf die RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ hat Ben Becker „keinen Bock“, obwohl ihm der Sender eine satte Gage angeboten hat. Stattdessen plant der Schauspieler und Sänger ein gemeinsames Album mit Udo Lindenberg und kommt am Sonntag, 28. Januar 2018, ins Artland-Gymnasium nach Quakenbrück, wo er mit der musikalischen Lesung „Der Ewige Brunnen“ eine alte Familientradition wiederaufleben lässt, wie er im Interview verrät.

Herr Becker, Sie begeistern seit Monaten mit „Ich, Judas“ Publikum und Kritiker in ganz Deutschland. Am 28. Januar präsentieren Sie in Quakenbrück aber die Literatur-Performance „Der Ewige Brunnen“. Ist die musikalische Lesung mit deutscher Lyrik für Sie ein Kontrastprogramm zum Jesusverräter Judas Ischariot?

Nein, Kontrastprogramm ist nicht ganz treffend. Es ist ein anderes Programm. Man beschäftigt sich mit diesem Thema und mit jenem Thema und bemüht sich dabei, einigermaßen genau vorzugehen, um nicht zu sagen intensiv. „Der Ewige Brunnen“ hat überhaupt nichts mit „Ich, Judas“ zu tun. So wie meine Judas-Inszenierung überhaupt nichts zu tun hat mit der vergangenen großen Show „Die Bibel – eine gesprochene Symphonie“.

Bibel und Judas – das werfen sicherlich viele Leute in einen Topf.

Man sagt mir ständig nach: „Jetzt beschäftigen Sie sich nur mit religiösen Themen.“ Das ist natürlich total falsch und etwas schade.

Im Vergleich zur Bibel sind die Werke, die Sie am 28. Januar in Quakenbrück präsentieren, ja nahezu aktuell. Die Gedichtsammlung „Der Ewige Brunnen“ umfasst deutsche Lyrik der vergangenen acht Jahrhunderte. Wie haben Sie sich durch die mehr als 1600 Gedichte gequält, um die schönsten rauszusuchen?

Na, ich quäle mich da nicht durch. Es macht ja immer noch riesigen Spaß, das zu lesen, und ich finde immer wieder etwas Neues. Nun, „Der Ewige Brunnen“ von Ludwig Reiners sind gesammelte Werke deutscher Geschichte, deutscher Gedichte und Balladen. Ich habe das Buch mit seinen ca. 1600 Gedichten nicht von A bis Z komplett durchgearbeitet.

Sondern?

Ich habe mich hier und da reingekniet, habe die Gedichte mitgenommen auf diese Reise zu Ihnen und meinem Publikum, die mich irgendwie beschäftigt haben – und die mich auf meiner Reise begleitet haben.

Inwiefern?

Das ganze Projekt „Der Ewige Brunnen“ gestaltet sich aufgrund einer alten Tradition meiner Familie, Wir lasen daheim Weihnachten immer Gedichte vor. Dann habe ich gesagt: „Da machen wir jetzt einen Abend raus.“ Und das ist daraus geworden. Es ist ein sehr privater Abend mit sehr schönen Gedichten von Goethe oder Theodor Fontane bis „Nis Randers“ von Otto Ernst.

Wer hat die Begeisterung für die Lyrik in Ihnen geweckt?

Ach, ich möchte nicht sagen das Gymnasium und auch nicht die Hauptschule. In bin ja im Theater aufgewachsen. Insofern konnte ich gar nicht anders. Das ist auch ein bisschen meine Erziehung. Ich bin mit Literatur groß geworden. Ich habe viele Dinge lange nicht verstanden, aber irgendwann habe ich angefangen zu verstehen, es lieb zu gewinnen, um es dann es in etwas zu verwandeln, was ich schön finde und wert ist, den Leuten vorzulesen.

Wie hoch waren denn die Überlebenschancen Ihrer Reclamhefte in Ihrer Schulzeit?

Ich habe alle zu Hause, und ich werde keines in das Antiquariat in der nächsten Straße abgeben.

Die haben alle überlebt? Das haben meine nicht geschafft.

Selber schuld. Deswegen lese ich ja auch die Gedichte und nicht Sie.

Das ist für das Publikum auch besser. Waren Sie bei den familiären Weihnachtsabenden damals denn nur Zuhörer, oder haben Sie auch ein paar Gedichte zum Besten gegeben?

Nein, das durfte ich nicht. Das hat mein verstorbener Vater Otto Sander gemacht. Aber der hat es mir beigebracht. Von dem habe ich es stibitzt.

Er hat Ihnen das Rezitieren verboten? Ich dachte, Otto Sander hätte es bei Ihrer Erziehung nicht so mit Verboten gehabt?

Stimmt, verboten hat er mir eigentlich gar nichts.

Sie haben es aber trotzdem lieber genossen, Ihrem Ziehvater zuzuhören?

Das war wunderbar. Das vermisse ich heutzutage sehr.

Wie sahen denn solche Weihnachtsabende bei Familie Sander/Hansen/Becker aus?

Da kamen ganz viele tolle Schauspieler, Künstler und Kollegen zusammen, ein David Byrne oder Willem Dafoe oder Wim Wenders. Und jeder hat ein Gedicht vorgetragen oder etwas gelesen. Das war einfach toll. Das werde ich nie vergessen. Und diese Tradition ist bei uns zu Hause unter anderem durch den Tod meines Ziehvaters verloren gegangen, und ich habe sie wiederaufgenommen mit diesem Abend „Der Ewige Brunnen“.

Wie kommt da Yoyo Röhm ins Spiel, der am Piano für den musikalischen Teil der Lesung sorgt?

Damals an Weihnachten war es auch Tradition, dass jemand Klavier spielte, wenn jemand anderes Gedichte vortrug. Ob das Gerd Wameling war oder ein Udo Samel oder Peter Stein. Dazu Klavier zu spielen war einfach schön. Weil Lyrik, Stimme und Musik – wenn man es schön vereinbart – ein wundervolles Ganzes ergeben.

Wie bringen Sie beide Ihre Vorstellungen unter einen Hut, wenn Sie mit Ihrem langjährigen Freund Yoyo Röhm so ein Programm erarbeiten?

Indem wir zu Hause sitzen im Wohnzimmer, ein Klavier stimmen lassen und dann zusammen arbeiten, uns Sachen einfallen lassen und sagen, was könnte hierhin passen, was geht da und was geht nicht. Indem man miteinander redet.

Aber da gibt es sicher doch auch mal Meinungsverschiedenheiten? Ich arbeite ungern mit Freunden zusammen…

Da habe ich Ihnen etwas voraus. Ich arbeite gerne mit besten Freunden zusammen. Auch wenn es mal eine kleine Meinungsverschiedenheit gibt.

Wie lange sind Sie denn schon künstlerisch gemeinsam unterwegs?

Oh, da muss ich ja fast rechnen. Seit 1996. Damals sind wir rein zufällig über meinen Schwager (Ben Beckers Schwester Meret war von 1996 bis 2002 mit dem Musiker und Produzenten Alexander Hacke verheiratet; Anm. d. Redaktion) zusammengekommen. Gemeinsam haben wir am Album „Und lautlos fliegt der Kopf weg“ gearbeitet.

Sie habe lange kein Musik-Album mehr herausgebracht.

Das wird sich aber demnächst ändern. Ich habe gerade mit meinem Freund Udo Lindenberg gesprochen, und da ist was im Gange.

Das klingt nach großen Plänen für 2018.

Absolut.

Da bleibt keine Zeit für den australischen Dschungel und „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“?

So sieht es aus.

Was hätte Sie am Dschungelcamp gereizt?

Am Dschungel? 1,5 Millionen Euro, sonst gar nichts (lacht).

Die Gage wollte RTL vermutlich nicht zahlen.

Wohl doch, aber ich habe trotzdem Nein gesagt.

Warum? Sind Ihnen die anderen Campbewohner zu langweilig?

Nö, mir ist die Sendung wirklich zu banal.

Aber Sie haben sich doch bei der Talk-Show „Drei nach Neun“ selbst als Kandidat ins Spiel gebracht…

Das habe ich nicht. Das war ein provokanter Jux, und der wurde ernst genommen. Ich habe da keinen Bock drauf!


Ben Becker wird am 19. Dezember 1964 in Bremen geboren. Seine Mutter ist die Schauspielerin Monika Hansen, sein Vater der Schauspieler Rolf Becker. Aus der Ehe geht auch Ben Becker Schwester Meret hervor, die ebenfalls als Schauspielerin und Sängerin Karriere macht.

Als sich seine Eltern trennen, Monika Hansen den Schauspieler Otto Sander (Foto) heiratet und die Familie fortan in Berlin lebt, wird sein Stiefvater eine prägende Figur in Ben Beckers Leben.

Schon als Kind übernimmt Becker kleine Filmrollen und wirkt bei Hörspielen mit. Später verdient er sein Geld einige Zeit als Bühnenarbeiter, ehe er in Bremen seine Schauspielausbildung absolviert.

Es folgen Engagements an Bühnen, unter anderem in Hamburg, Stuttgart, Düsseldorf und Berlin. Der Durchbruch auf der Kinoleinwand gelingt Ben Becker 1991 mit der Hauptrolle im Vilsmaier-Film „Schlafes Bruder“.

Trotz weiterer Kino- und Fernsehproduktionen bleibt Ben Becker stets der Bühne treu. Große Beachtung findet 2008 seine Show „Die Bibel – Eine gesprochene Symphonie“. Von 2009 bis 2012 gibt Becker bei den Salzburger Festspeilen den Tod im „Jedermann“.

Seit 2015 füllt er mit dem Soloprojekt „Ich, Judas“, bei dem er auch Regie führt, Theater und Kirchen. Außerdem ist Ben Becker als Musiker und Kinderbuchautor aktiv.

2012 heiratet Ben Becker seine langjährige Lebensgefährtin Anne Seidel. Die gemeinsame Tochter Lilith wird 2000 geboren. nor

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