Notlandung am 15. April 1944 Der Tag, an dem in Holsten die Erde bebte

Von Carsten van Bevern


Salzbergen. „Die Schule brennt“, ging es am 15. April 1944 durch Salzbergen. Aber es ist nicht die Volksschule in Holsten, die brennt, sondern ein benachbartes Waldstück. Es ist 14.28 Uhr, als der US-Pilot Tunis J. Lyon dort notlanden muss. Und mit schweren Verbrennungen überlebt.

33 Jagdflugzeuge verliert die US-Airforce am 15. April 1944. Darunter sind drei Jagdbomber vom Typ Lockheed P-38 der 55. Fighter Group. In einer Maschine saß der gerade 20-jährige Second Lieutnant Tunis J. Lyon aus Michigan. Freie Jagd und Bekämpfung von Bodenzielen lautete an diesem Tag sein Auftrag. Es war kurz vor halb drei, als er nach einem Angriff auf Schleppkähne im Tiefstflug an Rheine vorbeiflog.

Von Flak-Geschossen getroffen

Plötzlich ist er über dem gut getarnten Flugplatz Rheine-Bentlage. „Als ich merkte, wo ich mich befand, da war es schon zu spät. Alle deutschen Flugabwehrgeschütze des Platzes müssen auf mich geschossen haben. [...] Nur mit Gottes Hilfe wurde ich selbst nicht getroffen. Aber ohne Antrieb konnte ich nicht fliegen, rief meinen Rottenflieger und sagte: Meine Motoren sind ausgefallen, Bill, ich muss den Vogel hinsetzen! Er antwortete: In Ordnung und viel Glück“, erinnerte sich Lyon nach dem Krieg an seinen Abschuss.

Schwere Verbrennungen

Er entdeckt ein für eine Landung eigentlich zu kleines Feld und rauscht mit seinem Flugzeug prompt am anderen Ende in das Waldstück Ruers Tannen. „Das Heck riss zuerst ab, danach die Tragflächen, und dann rutschte ich nur noch mit den Motoren, dem Cockpit und ungefähr 1100 Liter 130-Oktan-Treibstoff unter mir“, schreibt er weiter. Seine missglückte Notlandung endete schließlich rund 60 Meter neben der Holstener Schule vor einem großen Baum.

Dreijähriger entdeckt den Piloten

Als Tunis J. Lyon wieder zu sich kommt, ist Feuer um ihn herum. Nach einer weiteren Explosion schlagen Flammen in sein Gesicht. Irgendwie aber kann er das Wrack verlassen und marschiert zu einem Feldweg. Der zu diesem Zeitpunkt knapp vierjährige Bernhard Stallkamp stand nach dem Absturz in der Lehrerwohnung der Schule an einem Fenster und sah den schwarz verkohlten, schwer verletzten Piloten über den Schulhof laufen.

Diesen Anblick hat der heute 77-Jährige nie vergessen, obwohl er sich an weitere Einzelheiten des Flugzeugabsturzes nicht erinnern kann: „Warum hat dem verletzten Piloten niemand geholfen? Dies war als kleiner Junge mein Gedanke.“

„Ich bin vor ihm weggelaufen“

Die Durchsicht der Korrespondenz seiner Eltern führte ihm das Unglück vor einiger Zeit wieder vor Augen. Seine Mutter berichtet dort in einem Brief an die Geschwister ihres zur Wehrmacht eingezogenen Mann von dem Unglück: „Der Pilot ist lebend herausgekommen, hatte aber Gesicht und Hände tüchtig verbrannt. Er war auf der Straße vor unserem Garten und kam auf mich zu. Da ich aber ganz allein war, Frau Kues alarmierte die Feuerwehr, bin ich vor ihm weggelaufen.“

Umfangreiche Recherchen nach 73 Jahren

Die eigentliche Anregung zu den Recherchen für ein Buch über das Unglück am Ort seiner Kindheit erhielt Bernhard Stallkamp aber erst durch eine Reportage von Hermann-Josef Mammes in der „Ems-Zeitung“ vom 20. April 2016 über einen Flugzeugabsturz bei Oberlangen beziehungsweise den Besuch von Angehörigen des verunglückten Piloten an der Absturzstelle. „Von ihm erhielt ich den Hinweis auf den pensionierten Lehrer und Vorsitzenden der Vermisstensuchgruppe Ikarus, Joachim Eickhoff. Er hat diese Arbeit mit seinem Wissen und seiner Hilfe erst ermöglicht.“

Viele Zeitzeugen befragt

Auf 140 Seiten haben beide das Unglück, die Erstversorgung des Schwerverletzten und den kompletten Lebensweg von Tunis J. Lyon zusammengefasst und Quellen gesammelt. Der aus Holsten stammende und heute in Lingen-Darme wohnende Fotograf Richard Heskamp hat sich um die Fotos gekümmert, viele Zeitzeugen aus Salzbergen und die Söhne von Lyon und deren Familien in den USA haben ihre Erinnerungen beigetragen. Georg-Wilhelm Hanna aus Bad Soden hat mit seinen Forschungen den weiteren Lebensweg des Piloten maßgeblich weiter erhellt.

Pilot kehrte 1945 in die USA zurück

Wie aber ging es weiter für den schwer verletzten Kampfpiloten? Lyon, dessen Eltern aus den Niederlanden in die USA eingewandert waren, wurde zunächst im Lazarett für Kriegsgefangene im Lingener Gefängnis, später in Oberursel, Obermaßfeld und im St.-Vinzenz-Heim in Bad Soden weiterbehandelt und operiert. Am 31. März 1945 wurde er dort von amerikanischen Truppen befreit. Über Paris, den Kanaren und New York ging es schließlich zurück in seine Heimat in ein Hospital in Phoenixville, wo er seine spätere Frau, die Armee-Krankenschwester Alice Sowers, kennenlernte.

Mit 88 Jahren 2012 gestorben

Noch oft musste er operiert werden. Doch er überlebte, heiratete 1946, wurde zweifacher Vater, studierte Forstwirtschaft und ging 1983 als Staatsförster in den Ruhestand. 2010 zog er nach Texas zu seiner Tochter. Dort ist er am 17. April 2012 im Alter von 88 Jahren gestorben.