Kriegstage vor 70 Jahren „Rhede war nur noch ein Trümmerhaufen“

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Rhede. Exakt in diesen Tagen vor 70 Jahren ist Rhede durch die durchziehende Front des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört worden. Am Freitag veranstaltet die Gemeinde ab 19 Uhr eine öffentliche Gedenkfeier in der Alten Rheder Kirche. In diesem Rahmen wird das Buch „Als Rhede vom Krieg überrollt wurde“ vorgestellt, in dem Zeitzeugen über das Kriegsende in Rhede berichten.

Die schwersten Kämpfe finden zwischen dem 15. und 17. April 1945 statt. Am zweiten Tag des Feuersturms, den das letzte Aufgebot der deutschen Wehrmacht gegen das unaufhaltsame Vorrücken der Alliierten aus Richtung Niederlande irrsinnigerweise entfacht, hockt der damals elfjährige Heinrich Vinke am Eingang eines Laufgrabens auf dem Schoß seines Vaters. Der Graben liegt genau in der Schusslinie. Ein Granatsplitter trifft Heinrich Vinke am Hals. Der Junge verblutet an Ort und Stelle in den Armen seines Vaters und vor den Augen seines jüngeren Bruders Albert, in dessen Gedächtnis sich dieses furchtbare Erlebnis tief einbrennt. Eindrucksvoll beschreibt der heute 77-jährige Heimatforscher und Ehrenbürger der Gemeinde seine Erlebnisse in seinem neuen Buch über die letzten Kriegstage in Rhede, in denen nicht nur Vinkes ältester Bruder ums Leben kommt, sondern auch weitere sieben Zivilisten sowie 75 Soldaten sterben.

„Wahrscheinlich ist Heinrich durch ein von deutschen Soldaten aus Borsum abgefeuertes Geschoss getroffen worden“, vermutet Vinke. Der Heimatforscher räumt ein, dass es ihm mit zunehmendem Alter schwerer fällt, mit diesem Schicksal umzugehen. „Als Kinder war uns damals nicht bewusst, wie traurig unsere Eltern gewesen sind.“ Nach dem Krieg sei darüber lange überhaupt nicht gesprochen worden, sagt Vinke.

Dem Ehrenbürger geht es aber keineswegs „nur“ um seine persönlichen Erinnerungen an die Schrecken des Krieges, im Gegenteil. Anspruch des Herausgebers ist es, die Erinnerungen in einer Zeit, in der naturgemäß immer weniger Rheder vom eigenen Erleben des Kriegsendes berichten können, wachzuhalten. „Nicht zuletzt als eine Mahnung und Warnung vor Fanatismus und blinder Gefolgschaft“, wie Vinke im Vorwort des Buches mit einer Vielzahl historischer Fotos schreibt.

Das Buch fußt auf bewegenden Zeitzeugenberichten und Aufzeichnungen, die Gegenstand einer im Jahr 1985 von dem damaligen Gemeindedirektor Siegfried Lammers organisierten Gedenkveranstaltung mit dem Titel „40 Jahre danach“ waren. Unter anderem umfassen das Buch Aufzeichnungen des früheren Pfarrers Heinrich Lammen und Tagebucheinträge des Landwirtes Hermann Dickebohm. Die Zeitzeugenberichte richten sich auch auf die Ereignisse in Borsum, Neurhede und Brual. Einen zusätzlichen Wert gewinnt das Buch durch eine äußerst gelungene Einordnung der regionalgeschichtlichen Ereignisse in den gesamthistorischen Kontext durch Albert Vinkes Bruder Hermann, Journalist und Sachbuchautor, früher unter anderem ARD-Korrespondent und Hörfunk-Programmdirektor bei Radio Bremen.

Nach den Worten von Bürgermeister Gerd Conens (parteilos) wurde Rhede zu etwa 90 Prozent zerstört und stünde damit leider an der Spitze der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte und Gemeinden im Landkreis Emsland. „Rhede war nur noch ein Trümmerhaufen“, heißt es in den Aufzeichnungen von Pfarrer Lammen.

Albert Vinke (Hrsg.): Als Rhede vom Krieg überrollt wurde, 144 S., 18 Euro. Erhältlich nach der Gedenkveranstaltung im Landwirtschaftsmuseum, in der Rheder Filiale der Sparkasse Emsland sowie beim Herausgeber.


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