Alter macht verlorene Jahre wett 90-Jähriger Borsumer litt im Zweiten Weltkrieg

Hermann Kassens
              
              Foto: EdenHermann Kassens Foto: Eden

jed Borsum. Als 18-Jähriger wurde Hermann Kassens aus Borsum zur Wehrmacht eingezogen. Er sah, wie seine Kameraden im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront starben, erlebte Hunger, Angst und Kälte in russischer Kriegsgefangenschaft. Sein gesegnetes Alter – Kassens vollendete am Dienstag sein 90. Lebensjahr, sieht er „als eine Art Wiedergutmachung für die verlorenen Jahre des Krieges“. Seine zentrale Botschaft: Es darf nie wieder Krieg geben.

Im Sommer 1942 erhielt Kassens seinen Einberufungsbefehl zur Grundausbildung in Lettland. Kurze Zeit später wurde der damals 18-Jährige nach Charkour an die Ostfront kommandiert. Dort erlebte er schwerste Gefechte. Die Russen waren an mehreren Stellungen durchgebrochen. Kassens sah, wie seine ersten Kameraden starben. Er selbst wurde durch einen Granatsplitter an der Schläfe verwundet. Der Operation im Lazarett und einem kurzen Heimaturlaub folgte das nächste Himmelfahrtskommando. Im Viehwaggon ging es an die Front nach Leningrad (heute St. Petersburg). Auch dort hatten die Russen bereits die Linie durchbrochen. „Die Infanteristen wurden gleich gefangenen genommen, und wir mussten alles zurücklassen“, erinnert sich Kassens. Beispielsweise die Pferde, die von den Bauern durch die Wehrmacht beschlagnahmt worden waren, und die Geschütze.

Später wurde der Borsumer dem Regiment „Groß Deutschland“ zugeteilt und sollte einen Brückenkopf halten – ohne Chance. Der Rückzug sollte über Danzig erfolgen: Dort lag zum letzten Mal vor ihrem Beschuss und Untergang die „Wilhelm Gustloff“, ein Kreuzfahrtschiff der NS-Organisation Kraft durch Freude. „Aus einer Mitfahrt wurde nichts. Wir wären dann alle abgesoffen. Dann säße ich heute nicht hier“, sagt Kassens. Seine Tochter Agnes Bollingerfähr ergänzt: „Dann säßen wir wohl alle nicht hier.“

Kurze Zeit geriet Kassens in russische Kriegsgefangenschaft. Zehn Tage dauerte der Gefangenentransport in Güterwaggons in einen sibirischen Wald weit hinter dem Ural. Dort gab es nur einige Holzbaracken. Mit Handsägen mussten die Gefangenen Bäume von Ästen befreien, die zuvor von Russen mit Motorsägen gefällt worden waren. Außerdem wurden sie befehligt, die Stämme aus dem Wald zu Eisenbahnwaggons hochzuziehen. Dafür gab es Tagesnormen, die aufgrund der schweren Arbeit und des schlechten Essens nicht einmal zur Hälfte zu erfüllen waren, wie Kassens sich erinnert. „Das Schlimmste an der Gefangenschaft war der Hunger.“ Die Tagesration bestand aus einer Scheibe Brot und Wasser sowie aus einer Suppe, die aus Zuckerrübenschnitzeln gekocht wurde. Die Zuckerrüben waren eigentlich für die Pferde bestimmt. Dazu gab es gekochte Hirse. Die Portion war so groß wie ein Eierbecher. „Hunger tut weh. Wir haben manchmal die Blätter von den Bäumen oder Blumen vom Wegesrand gegessen“, sagt Kassens. Einen Groll gegen die Russen hegt er aber nicht. „Die hatten ja selber nichts.“

Der Borsumer erinnert sich auch an einen deutschen Lagerkommandanten aus dem Emsland. Der war von den Russen für die Arbeitseinteilung und Disziplinierung eingesetzt worden. Zimperlich sei er nicht mit seinen Untergebenen umgegangen. Im Juli 1948 wurde Kassens aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kam total abgemagert bei der elterlichen Gaststätte in Borsum an. Drei Monate später starb seine Mutter an einem Herzinfarkt.

In den 1950er-Jahren bot ein Schädlingsbekämpfer seine Dienste in Borsum an. Es war der deutsche Lagerkommandant aus Sibirien. Doch als Kassens ihn auf seine russischen Dienste ansprach, leugnete er diese zunächst vehement.

Auch wenn Hermann Kassens die Zeit der russischen Gefangenschaft als die schlimmste Zeit seines Lebens bezeichnet, so sind seine Töne versöhnlich: „Die Gefangenschaft war schlimm – immer Hunger und Kälte. Sonst kann ich aber sagen, dass wir von den Russen nicht misshandelt oder geschlagen worden sind.“


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