Nach Feuer an Windrädern im Emsland "Eine Frage der Zeit, bis Menschen zu Schaden kommen"

Von Daniel Gonzalez-Tepper, 16.10.2018, 15:15 Uhr
Ende August 2018 brannte in Haren-Rütenbrock ein Windrad fast vollständig ab. Foto: Tobias Böckermann

Haren/Rhede. Zu bereits zwei ausgedehnten Bränden von Windrädern ist es in diesem Jahr im Landkreis Emsland gekommen. Nach den Ereignissen in Rhede und Haren fragen sich viele: Wie sicher sind Windkraftanlagen? Der Landkreis, der TÜV und die Firma Enercon nehmen Stellung.

In diesem Jahr ist es bereits zu zwei großen Bränden an Windenergieanlagen (WEA) gekommen, in beiden Fällen wurden die Anlagen fast vollständig zerstört. Im Harener Ortsteil Rütenbrock ist der Brand am 30. August gegen 9.40 Uhr entstanden, beim Eintreffen der Feuerwehr brannte der Kopf des rund 100 Meter hohen Windrades bereits so stark, dass die dunklen Rauchwolken bis ins mehrere Kilometer entfernte Haren zu sehen waren. Mechaniker hatten nach Angaben der Polizei zuvor Wartungsarbeiten an der Anlage durchgeführt. Bei einem anschließenden Probelauf war es dann aus bislang ungeklärter Ursache zu dem Feuer gekommen.

Im Rheder Ortsteil Brual war das  Feuer am frühen Freitagmorgen, 12. Oktober 2018, um kurz nach 3 Uhr ausgebrochen. Nach Angaben der Windpark-Betreibergesellschaft wird ein technischer Defekt als Ursache vermutet. Vor der Anlage hatte ein Wartungswagen gestanden, er wurde schwer beschädigt, weil ein brennender Flügel direkt auf ihn fiel.

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Ursache für Brände im Emsland noch offen

Beide im Emsland betroffenen Anlagen stammen vom Auricher Windradhersteller Enercon, der weltweit mehr als 28.300 Anlagen in Betrieb hat. Dessen Sprecher Felix Rehwald teilte auf Anfrage mit, die Untersuchung der Vorfälle dauere noch an. Zur Ursache könne er daher noch keine Angaben machen.

Die Teile der Flügel des Windrades bestehen zu großen Teilen aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK). Beide Anlagen waren 98 Meter hoch. Die Anlage in Rhede stammte aus dem Jahr 2001, war also 17 Jahre alt, die in Haren-Rütenbrock aus dem Jahr 2004 – also 14 Jahre alt.

Am 12. Oktober 2018 war in Rhede-Brual ein Windrad von einem Brand betroffen. Foto: Hermann Hinrichs

TÜV sieht „Regelungslücke“ bei Windrad-Überprüfungen

Die beiden Ereignisse innerhalb kürzerer Zeit werfen die Frage auf, wie sicher die „Mühlen“ sind, von denen es im Emsland weit mehr als 500 gibt. Der TÜV-Bundesverband meint: Die Vorgaben für die Prüfung seien unzureichend, Schäden an Windrädern würden immer wieder Mensch und Umwelt gefährden. Joachim Bühner, Geschäftsführer des TÜV-Verbandes, fordert regelmäßige Prüfungen von Windrädern, die dazu führen würden, Windräder sicherer zu machen, „um die Menschen besser zu schützen, zumal Windparks immer näher an Straßen und Siedlungen heranrücken“, wie Bühner sagt. Er ergänzt: „Im Grunde ist es nur eine Frage der Zeit, bis bei einer Windrad-Havarie Menschen zu Schaden kommen.“ Der TÜV hält eine Kontrolle nach verbindlichen Vorgaben alle zwei Jahre, wie bei einem Auto im Straßenverkehr, für sinnvoll.

Bisher seien die Vorgaben unterschiedlich, wie der TÜV mitteilt. Windräder, die nach dem Jahr 2004 errichtet wurden, müssen laut der Sachverständigen-Organisation alle zwei Jahre überprüft werden. Allerdings könnten die Betreiber den Zeitraum auf vier Jahre verlängern, wenn sie die Anlagen regelmäßig warten, was im Regelfall auch passiere. Eine unabhängige Prüfung erfolge demnach im Regelfall nur alle vier Jahre. „Aus Sicht des TÜV eindeutig zu lang“, stellt der Geschäftsführer fest.

Für ältere, vor 2004 aufgestellte Anlagen gelten laut TÜV Regeln aus dem Jahr 1993, die keine wiederkehrenden Prüfungen vorsehen. Diese „Regelungslücke“ müsse geschlossen werden.

Bisher fünf Meldungen zu Schäden an Windrädern im Emsland

Dass die Prüfungsintervalle auf vier Jahre verlängert werden können, bestätigt der Landkreis Emsland. „Die Prüfintervalle betragen höchstens zwei Jahre, dürfen jedoch auf vier Jahre verlängert werden, wenn durch von der Herstellerfirma autorisierte Sachkundige eine laufende Überwachung und Wartung der Windenergieanlage durchgeführt wird“, teilte Landkreissprecherin Anja Rohde auf Anfrage mit. Prüfungen seien in regelmäßigen Intervallen durch Sachverständige an Maschine und Rotorblättern sowie an der Tragstruktur durchzuführen. Die Prüfintervalle würden sich aus den gutachterlichen Stellungnahmen der Prüfer ergeben.

Vor 2004 wurden insgesamt 360 Windenergieanlagen genehmigt und in Betrieb genommen. Davon wurden 57 Anlagen bereits zurückgebaut. In der gesamten Zeit ist es Rohde zufolge einschließlich des Schadensfalls vom 12. Oktober 2018 in Rhede bisher zu fünf Meldungen von Schäden bei Windenergieanlagen im Emsland gekommen. Meldepflichtige Schäden sind Brände oder beschädigte Rotorblätter. Aktuell in Betrieb sind 529 Anlagen. Es gibt 543 genehmigte Anlagen, von denen 14 noch nicht in Betrieb sind.

Bei Windrädern gehe man üblicherweise von einer Lebensdauer von 20 Jahren aus, so Rohde. „Nach Ablauf dieser Dauer ist eine Beurteilung der Gesamtanlage nach der Richtlinie für den Weiterbetrieb von Windenergieanlagen durchzuführen; das heißt, es ist ein Nachweis über die Standsicherheit und Betriebsfestigkeit zu erbringen. Die Einhaltung der Anforderungen zur Durchführung der wiederkehrenden Prüfung und dem Weiterbetrieb nach Ablauf der Entwurfslebensdauer werden durch den Landkreis Emsland überwacht. Dieses gilt also sowohl für Windenergieanlagen, die vor 2004 als auch danach genehmigt und errichtet wurden“, teilte die Sprecherin mit.

Enercon: TÜV will an Prüfungen verdienen

Enercon-Sprecher Felix Rehwald vermutet ein großes Eigeninteresse des TÜV an den Prüfungen. „Uns sind die Forderungen der Sachverständigenorganisationen bekannt, die diese wohl nicht ohne ein erhebliches Eigeninteresse erheben. Man darf vermuten, dass die Sachverständigen gerne an WEA-Prüfungen mitverdienen möchten“, teilte Rehwald auf Anfrage mit.

Aus Sicht von Enercon bestehe keine Notwendigkeit, neue Prüfvorschriften für in Betrieb befindliche WEA zu erlassen. „In den Typenprüfungen der Anlagen ist genau beschrieben, wann und von wem die Anlage überprüft werden muss. Prüfungsgrundlage ist das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt). Deutschland ist neben den Niederlanden das einzige Land, das diese Regeln speziell auch für ältere WEA nach 20 Jahren Betriebsdauer vorhält“, so der Sprecher.

Die WEA-Hersteller würden den Betreibern der Windparks enge Wartungsvorgaben machen, die in der Regel von der Servicegesellschaft von Enercon übernommen würden. Das Konzept sehe unter anderem eine Fernüberwachung und „wiederkehrende Prüfungen relevanter Anlagenkomponenten“ vor, so der Sprecher, der betont: „Dadurch, dass unser Service vorausschauend agiert – lange, bevor Schäden eintreten – können wir Kunden eine technische Verfügbarkeit der Anlage von 97 Prozent garantieren.“

Fehler an Windrädern nicht gänzlich auszuschließen

Weil es sich um „komplexe technische Anlagen“ handele, so Rehwald, könne man trotz der Überwachung und Wartung „technische Fehler nie hundertprozentig ausschließen“. Diese Gewissheit würden dem Sprecher zufolge auch zusätzlichen Prüfungen, die der TÜV fordert, „in keiner Weise bieten“. Bezogen auf die große Zahl an Betriebsstunden, die Enercon-Anlagen ohne Störung laufen, „bleiben Vorfälle dieser Art im Promillebereich und somit die absolute Ausnahme“, meint Rehwald.

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