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Das Schmallenbergvirus lässt Lämmer und Kälber sterben – Papenburger Schäfer hofft auf Impfstoff Das Leiden kam per Mückenstich

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Ein Lamm mit steifem Hals hält der Papenburger Schäfer Horst Seeler auf dem Arm. Foto: Tobias BöckermannEin Lamm mit steifem Hals hält der Papenburger Schäfer Horst Seeler auf dem Arm. Foto: Tobias Böckermann

Rhede. Wenn es ein Geräusch gäbe für das Schmallenbergvirus, dann wäre es ein leises Summen. Denn Mücken haben den bis 2011 hierzulande unbekannten Erreger in die Rinder- und Schafställe der Republik geflogen – vermutlich jedenfalls. Wie dramatisch die Folgen kleiner Insektenstiche sein können, hat der emsländische Schäfermeister Horst Seeler leidvoll erfahren.

58 Jahre ist der Mann mit dem grauen Rauschebart alt und „quasi im Schafstall geboren“. Zehntausende Lämmer sind in seiner Obhut gesund aufgewachsen, manchmal aber auch Tiere durch die Maul- und Klauenseuche oder die Blauzungenkrankheit gestorben. „Auch das war schon ein Elend“, sagt Seeler. Aber was das Schmallenbergvirus mit seinen Tieren gemacht hat, „das übersteigt das Vorstellungsvermögen eines jeden“.

Seeler sagt’s und stiefelt in den Stall am Emsdeich in Rhede, wo viele der 1800 Mutterschafe des Sozialen Ökohofes Papenburg, für den Seeler arbeitet, gelammt haben oder noch lammen werden. Gott sei Dank sei etwas Ruhe eingekehrt, was das Virus angehe, sagt Seeler, und 1000 Schafe und Lämmer fangen an zu meckern – es ist Zeit für das Frühstück.

Seeler führt durch den Stall. Prachtvolle Lämmer der Rasse Merino-Landschaf fressen putzmunter in ihren Abteilen – sie kamen im Dezember zur Welt und blieben vom Virus verschont. Daneben stehen 350 Schwarzkopfschafe samt Nachwuchs. Alles sieht normal aus. „Aber es sind zu wenig Lämmer“, klagt der Schäfermeister. „20 bis 25 Prozent sind verendet, etwa 70 Lämmer insgesamt.“ Andere leben, verhalten sich aber merkwürdig. Im Gewusel entdeckt Seeler solch ein auffälliges Lamm. Es schaut nur nach oben, penetrant. Ein „Hans Guckindieluft“, aber kein Glückskind. „Das sind die Spätfolgen des Virus“, sagt Seeler.

Bundesweit 402 Fälle

Was den anderen Lämmern widerfuhr, sei nur kurz angedeutet. Die Beine mancher Tiere waren krumm oder steif. Einigen schienen Hals und Kopf wie ans Rückgrat angenäht zu sein. Andere kamen als totes Wollknäuel zur Welt, manch ein Lamm konnte nach der Geburt zwar aufstehen, dann aber nicht am Euter der Mutter saugen, weil es orientierungslos umherirrte oder der Unterkiefer zu kurz war. Selbst skelettierte Lämmer haben Tierärzte im ganzen Land bereits zur Welt gebracht. Ohne menschliche Hilfe hätten die Mutterschafe diese Geburten kaum überlebt, einige starben dennoch. Über die Details der Nothilfen sei hier geschwiegen. Seeler sagt nur: „Das müssen sie mental erst mal verarbeiten.“

Die schweren Zeiten erlebt er nicht alleine. Auch seine Frau arbeitet im Betrieb, insgesamt gibt es sechs Schäfer und Auszubildende. Und niedersachsenweit gab es bis Donnerstag 59 bestätigte Schmallenbergfälle. Nach Angaben von Klaus Gerdes, Zuchtleiter beim Landes-Schafzuchtverband Weser-Ems, hatte ein Schäfer an einem Wochenende 50 Geburten, nur jedes zweite Lamm war gesund. „Da spielen sich Dramen ab“, sagt Gerdes.

Dabei befällt das Schmallenbergvirus keineswegs nur Schafe, sondern auch Ziegen und Bisons. Niederländische Milchkühe waren als erste Tiergruppe auffällig geworden, weil sie kaum noch Milch gaben. Später wurden verkrüppelte Kälber geboren.

Neben 374 Betrieben mit Schafen und 18 mit Ziegen ist der Krankheitserreger bundesweit erst bei zehn Rinderhaltungen nachgewiesen worden, und dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen existiert keine allgemeine Melde- und Anzeigepflicht für Tierärzte und Tierhalter. Zudem lässt sich offenbar auch bei äußerlich eindeutig befallenen Jungtieren das Virus nicht immer nachweisen. Vor allem aber haben Milchkühe eine weitaus längere Tragzeit. Während Schafe fünf Monate trächtig sind, benötigen Kühe neun. Viele Kälber kommen also erst in einigen Monaten zur Welt.

Wie es weitergeht, weiß niemand so genau. „Man hofft“, dass einmal infizierte Tiere immun werden“, sagt Klaus Gerdes vom Schafzuchtverband. Dann wäre das Problem bald vorbei, und möglicherweise könne bis zur nächsten Deckzeit ein Bluttest entwickelt werden. Nur Tiere mit Antikörpern sollten dann wieder Lämmer bekommen. Auch denke man über die Anwendung von Insektiziden nach, um Ansteckungen während der Trächtigkeit zu verhindern. Handelsrestriktionen innerhalb der EU seien derzeit nicht geplant, sagt Gerdes. Allerdings hat Russland einseitig den Import von Schafen und Ziegen bereits gestoppt.

Da das Schmallenbergvirus neu und nicht als Seuche anerkannt ist, haben Tierhalter aus der durch ihre Beiträge finanzierten Tierseuchenkasse keine Hilfe zu erwarten. Schäfern wie Horst Seeler reicht das alles nicht. Er fordert die Entwicklung eines Impfstoffes. Aber das dauert mindestens eineinhalb Jahre, normalerweise sogar fünf bis sechs.


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