Serie „Mein Job und ich“ Landmaschinentechniker aus Brual über Melkautomaten, Gerüche und Notfälle

Von Daniel Gonzalez-Tepper


Rhede. In unserer Serie „Mein Job und ich“ spricht diesmal Stefan Tülp, Landmaschinentechniker für automatische Melksysteme bei der Firma Wittrock in Rhede-Brual, über Gerüche bei Einsätzen in Kuhställen, der Einsatz von Kameras beim Melken und das Fachwissen von Landwirten.

Herr Stefan Tülp, sind Sie als Servicetechniker für automatische Melksysteme ausschließlich außerhalb des Betriebs in Rhede-Brual tätig, oder gibt es auch Tätigkeiten im Büro?

Ich bin im Durchschnitt an vier von fünf Arbeitstagen in der Woche im Außendienst tätig und an etwa einem Tag in der Woche im Büro. Dort müssen wir beispielsweise Einsatzberichte, auf denen die Einsatzzeit beim Kunden oder die verwendeten Materialien festgehalten sind, bearbeiten und abgeben. Oder wir sprechen mit den Kollegen, die im Innendienst mit der Planung neuer Anlagen und dem telefonischen Kundendienst beschäftigt sind. Und ab und zu muss auch der Servicebulli mit Ersatzteilen aufgefüllt werden. Manche Dinge an den Melkanlagen lassen sich auch per Fernzugriff, also über das Internet, oder über ein Telefonat mit dem Landwirt regeln. Es ist also gar nicht immer ein Vor-Ort-Besuch notwendig, was auch Kosten spart für beide Seiten.

Und wenn Sie doch vor Ort bei den Landwirten sind, welche Aufgaben stehen dann für Sie an?

Da gibt es eigentlich drei große Dinge: Neuaufbau einer Anlage, eine Wartung oder eine Reparatur. Beim Neuaufbau sind wir mit zwei bis drei Technikern bis zu vier Wochen vor Ort, bauen die Anlage auf, nehmen sie in Betrieb, geben dem Landwirten eine Einweisung, und auch die Milchkühe müssen an die neuen Abläufe gewöhnt werden. Bei einer Wartung oder auch einer Reparatur bin ich, je nach Aufwand, alleine vor Ort. Wichtig ist eine richtige Einstellung der Melkanlage, zum Beispiel dass das Vakuum passt und der Euter ausreichend geleert wird. Wenn nicht, justieren wir nach. Außerdem gibt es natürlich Verschleißteile, die regelmäßig ausgetauscht werden müssen.

Gibt es auch Notfälle, bei denen sie sofort zum Kunden müssen?

Ja, die gibt es. Da wir es bei Melkanlagen immer auch mit Tieren zu tun haben, die gemolken werden müssen, ist eine möglichst zeitnahe Reparatur sehr wichtig. Außerdem ist der Einnahmeausfall für den Landwirten, wenn die Anlage nur eine Stunde nicht melkt, gleich erheblich. Deshalb gibt es einen 24-Stunden-Notdienst, und zwar im nördlichen Emsland, in Ostfriesland bis zur Nordseeküste und der Provinz Groningen in den Niederlanden. Auch hier ist wie bereits gesagt nicht immer eine Fahrt zum Landwirt notwendig, manches lässt sich auch am Telefon oder per Fernzugriff am Computer erledigen.

Wie gehen Sie mit den Gerüchen im Stall um, die einem zwangsläufig begegnen?

Das gehört zu meinem Beruf einfach dazu, ich habe mich relativ schnell daran gewöhnt. Sich jeden Abend zu duschen und umzuziehen ist ja auch in anderen Berufen normal, das ist für mich kein Problem. Wir bekommen vom Arbeitgeber fünf Garnituren Arbeitskleidung gestellt, das genügt für eine Arbeitswoche.

Wie lange sind Sie bereits für Wittrock tätig?

Seit inzwischen fast zehn Jahre, drei Jahre hat die Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker gedauert. Als Angestellter folgte eine Zusatzausbildung zum Mechatroniker und weitere Aus- und Fortbildungen, damit wir zum Beispiel auch mit Elektrik und Kältemitteln arbeiten können, was bei Melkanlagen wichtig ist. Bei den Herstellern müssen zudem Zertifikate gemacht werden, damit deren Maschinen gewartet und repariert werden können und dürfen. Es ist wirklich so: Man lernt nie aus und darf auch nie aufhören, sich fortzubilden. Weil sich Techniken und Abläufe immer wieder ändern.

Sind Sie bei der Arbeit schon einmal von einer Kuh verletzt worden?

Ja, das kommt manchmal vor, aber es waren bisher zum Glück nur Kleinigkeiten, kleine Schrammen und ähnlich. Man muss bedenken: Eine neue Melkanlage ist für eine Kuh in der Anfangszeit auch eine Umstellung, sie müssen neue Wege im Stall gehen, das Melken am Euter fühlt sich vielleicht anders an und ähnlich. Manche Tiere reagieren dann nervös, treten zum Beispiel aus und können einen dann treffen. Wir müssen also vor allem bei der Inbetriebnahme neuer Anlagen sehr vorsichtig sein und dürfen selber nicht hektisch werden.

Wie groß sind die Melkanlagen im Regelfall, die Sie aufbauen und betreuen, und was kosten diese etwa?

Der Regelfall ist heute zwei Melkboxen für maximal 120 Tiere, die Anlage schafft also im Schnitt 240 erfolgreiche Melkungen am Tag. Wir haben aber auch schon Anlagen mit fünf Melkboxen für bis zu 300 Kühe aufgebaut. Der Landwirt investiert zwischen 100.000 und 250.000 Euro für die Melkanlagen.

Wenn es technische Probleme gibt, was tritt am häufigsten auf?

Manchmal gibt es Kabelbrüche, bei den HD-Kameras zum Beispiel, die in den Melkanlagen verbaut sind, damit jeder einzelne Melkvorgang dokumentiert wird und ein Blick auf die Anlage von auswärts möglich ist. Wenn die Kameras dann ausfallen, tauschen wir die kleinen feinen Drähte, die manchmal vom Hersteller verbaut sind, gegen stabiliere aus.

Außer die Kühe mit einer HD-Kamera beim Melken zu beobachten, was kann eine automatische Melkanlage heutzutage noch alles?

Weil die Hygiene beim Umgang mit dem Lebensmittel Milch wichtig ist, spielt Sauberkeit eine große Rolle. Das Euter wird deshalb durch ein Wasser-Luft-Gemisch innerhalb des Zitzenbechers gereinigt und später durch eine Creme automatisch gepflegt. Außerdem erkennt die Anlage Verunreinigungen in der Milch, zum Beispiel durch Blut, Medikamente, Keime oder Ausflockungen automatisch und sondert dann die Milch ab. Die Milch muss rein sein, es gibt eine Null-Prozent-Toleranz. Sensoren beziehungsweise eine Wärmebildkamera messen zudem die Temperatur der Milch und des Euters. Ist sie zu hoch, könnte das Euter entzündet sein, ist sie zu niedrig, könnte die Zitze des Euters keine Milch abgeben, zum Beispiel weil sie verstopft ist. Dann gibt es Handlungsbedarf für den Landwirten, die Kuh wird dann automatisch durch die verstellbaren Gitter der Anlage in einen gesonderten Bereich des Stalls geleitet, damit die Ursache für die Probleme abgestellt werden kann. Die Temperatursensoren erkennen auch den Gefrierpunkt der Milch, was Rückschlüsse auf die Konzentration der Milch zulässt.

Bei so viel Technik: Sind nicht manche Landwirte damit überfordert?

Die Ausbildung in der Landwirtschaft ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ja immer besser geworden. In eine neue Melkanlage investieren ja in der Regel junge Landwirte. Und ich würde sagen, der Anteil der selbstständigen Landwirte unter 25 Jahre ohne eine gute Ausbildung tendiert gegen null Prozent. Das ist heutzutage wegen der Digitalisierung und Automatisierung auf den Höfen oder den Dokumentationspflichten auch kaum mehr anders möglich. Das gilt auch für die betriebswirtschaftliche Seite, die Bilanzsumme der Betriebe hat sich über die Jahre ja vervielfacht.


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