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Verdopplung in zehn Jahren Betreuungen durch das Jugendamt nehmen im Emsland stark zu

Von Jan-Hendrik Kuntze, Jan-Hendrik Kuntze | 05.02.2017, 18:09 Uhr

Die Anzahl der durch das Jugendamt des Landkreises Emsland betreuten Kinder und Jugendlichen hat sich im Laufe eines Jahrzehntes fast verdoppelt. Als Grund nennt der Landkreis den gesellschaftlichen Wandel, der zur zunehmenden Auflösung fester Familiengefüge geführt habe.

Das Emsland folge damit dem bundesweiten Trend steigender Fallzahlen in der Jugendhilfe, erklärte die Behörde auf Anfrage unserer Redaktion. Wurden im Jahr 2006 noch 1274 emsländische Kinder und Jugendliche vom Jugendamt betreut, hat sich diese Zahl im Jahr 2015 auf 2491 Heranwachsende erhöht.

Die Steigung verläuft bis auf eine Ausnahme kontinuierlich. Nur im Jahr 2014 war die Anzahl der betreuten Kinder und Jugendlichen noch höher und summierte sich auf 2517. Alle genannten Zahlen beziehen sich auf die Kinder- und Jugendlichen, „die das Jugendamt des Landkreises Emsland in eigener Kostenträgerschaft betreut“, wie es in der Antwort des Landkreises heißt. Die Zahlen gelten demnach für das gesamte Kreisgebiet mit Ausnahme der Stadt Lingen.

Als Grund für den Anstieg nennt die Kreisverwaltung den sozialen Wandel. „Die Familie als Keimzelle primärer Sozialisation und Erziehung ist generell seit einigen Jahrzehnten im Umbruch. Sie unterliegt nach dem Wandel von der Groß- zur Kleinfamilie einem erneuten Wandlungsprozess, und zwar von der Kleinfamilie hin zum offenen Beziehungsgefüge mit vielen Personenwechseln und -verlusten.“ Das klassische Familienbild werde dabei zunehmend durch neue Formen wie Patchwork-Familien, offene Lebensgemeinschaften oder alleinerziehende Elternschaften verdrängt. Allerdings spiele auch der demografische Wandel eine entscheidende Rolle. Denn immer weniger Kinder würden mit mehreren Geschwistern aufwachsen, was zu einer „symbiotischen Eltern-Kind-Beziehung mit der Tendenz zur Überbehütung oder Vernachlässigung“ führe.

Aufgrund dieser Entwicklungen kommt es laut dem Landkreis zu einer Orientierungslosigkeit bezüglich gültiger Werte und Normen bei den Heranwachsenden, denn traditionelle Instanzen wie Kirche oder Familie würden vermehrt wegbrechen. Das habe auch Einfluss auf die Eltern: „Eine klare Werte- und Normenvermittlung bereitet Eltern große Schwierigkeiten“, stellt die Kreisverwaltung fest. Jedoch würden die steigenden Betreuungszahlen auch die zunehmende Sensibilisierung von Behörden, Schulen und der Bevölkerung bezüglich des Erkennens eines eventuellen Hilfsbedarfes abbilden.

Zumindest statistisch nicht belegen lässt sich nach Angaben der Kreisverwaltung hingegen die Behauptung, dass es vermehrt zu sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche im nördlichen Emsland komme. Öffentlich entsprechend geäußert hatte sich eine Mitarbeiterin des Jugendamtes im vergangenen Jahr anlässlich des 30-jährigen Bestehens des in Papenburg ansässigen Arbeitskreises gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder. „Wir nehmen vermehrt Fälle zur Kenntnis“, hatte die Mitarbeiterin bei einem Pressegespräch erklärt. Diese Aussage lässt sich nach Angaben der Kreisverwaltung auch statistisch nicht belegen, da die Fälle von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche nicht gesondert erfasst würden. Jedoch sei die generelle Fallzahl der Betreuungsfälle steigend.

Auch mit Blick auf die Statistik der Polizei kann nicht von einer generellen Steigerung der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche die Rede sein. Die Fallzahlen im gesamten Emsland zwischen 2011 und 2015, die sowohl die vollendeten Taten als auch die Tatversuche aufführen, sind schwankend. So ist die Höchstzahl an Opfern von Sexualdelikten unter 18 Jahren im Jahr 2011 mit 119 Opfern gemessen worden. Die geringste Opferzahl war im Jahr 2013 mit 90 Geschädigten zu beklagen. Im Jahr 2015 waren 100 Kinder und Jugendliche Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Zahlen, die weiter zurückreichen, konnten von der Polizei nicht zur Verfügung gestellt werden.

Die Zählweise solcher Fälle bleibt aber grundsätzlich problematisch. Denn in der polizeilichen Statistik tauchen nur die Fälle auf, die auch zur Anzeige gebracht werden.

Der Papenburger Arbeitskreis gegen sexuelle Übergriffe auf Kinder kümmert sich aber auch um Fälle, bei denen nicht unbedingt eine Straftat vorliegt. So ist es zum Beispiel möglich, dass eine Heranwachsende erotische Selbstaufnahmen an einen Chatpartner im Internet sendet und zu einem späteren Zeitpunkt psychisch darunter leidet, auch wenn seitens des Chatpartners keine Drohung der Veröffentlichung der Bilder besteht. Vom Arbeitskreis würde sie unterstützt, auch wenn ein solcher Fall in den Polizeistatistiken nicht auftaucht.