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Umweltverbände wollen Alternativen prüfen Idee eines Emskanals vom Tisch?

02.09.2011, 16:31 Uhr

Der Bau eines Emskanals quer durch Ostfriesland hat jetzt auch aus Sicht von Naturschutzorganisationen keine Chance mehr.

Nach einem unabhängigen Gutachten sehen NABU, BUND und WWF in einer Kanalverbindung zwischen Leer und Papenburg keine ausreichende ökologische Verbesserung des Flusses. Sie wollten daher die Kanalidee nicht weiterverfolgen, erklärten Vertreter der Organisationen gestern in Bremen. Stattdessen müssten Alternativen zur Renaturierung der Ems geprüft werden. Der Fluss leidet nach vielen Ausbaggerungen für Schiffsüberführungen der Papenburger Meyer Werft an Sauerstoffmangel und Verschlickung.

Bereits im Februar hatte die Staatskanzlei einen rund 20 Kilometer langen Emskanal als machbar, aber auch als zu teuer bezeichnet. Die Kosten werden auf rund eine Milliarde Euro geschätzt.

Die Umweltverbände hatten das Kanal-Projekt Ende 2008 nach Verhandlungen mit der Meyer Werft und der Landesregierung überraschend ins Spiel gebracht. Lokale Umweltgruppen, Anwohner und Lokalpolitiker lehnen die Kanalidee ab. Die Bürgerinitiative „Rettet die Ems“ in Leer pocht stattdessen auf einen Umzug der Papenburger Meyer Werft an die Küste. Das lehnt die Werft mit Hinweis auf die Arbeitsplätze in der Region ab.

„Die Kanalidee war nicht falsch, aber wir müssen sie jetzt beerdigen“, sagte der niedersächsische BUND-Geschäftsführer Carl-Wilhelm Bodenstein-Dresler. Die alte Forderung nach einer Verlagerung der Werft sei derzeit jedoch kein Thema: Naturschützer hätten dies seit 25 Jahren vorrangig verfolgt, ohne dass die Politik dies aufgegriffen habe. Jetzt müssten dringend Alternativen her.

Geprüft werden derzeit vor allem Veränderungen am Emssperrwerk bei Gandersum, das etwa zur Manipulation der Wasser- und Schlickmassen bei Ebbe und Flut herhalten soll. Entsprechende Versuche hatten Ende 2010 jedoch zu einer schweren Panne geführt, da die Strömung zu stark war.

Im Juni 2009 hatten die drei Organisationen ihren jahrzehntelangen Streit mit der Meyer Werft um Schiffsüberführungen auf der Ems überraschend beigelegt. Details der als „Generationenvertrag“ gelobten Regelung für das Aufstauen der Ems im Sommer sind bislang jedoch nicht veröffentlicht worden, da mit der Werft Stillschweigen vereinbart wurde. Die Organisationen verzichteten seitdem auf die Forderung nach einem Werftumzug.

„Vielleicht kommen am Ende des Prozesses wieder alte Fragen auf den Tisch“, schloss Bodenstein-Dresler ein Umdenken nicht aus. „Der Fluss wird seit 1984 vergewaltigt und schlägt irgendwann zurück.“ „Wenn nichts passiert, müssen wir uns neu sortieren“, sagte auch Beatrice Claus vom WWF.

Inzwischen habe auch ein Umdenken in der Landespolitik stattgefunden. „Es wird erstmals anerkannt, dass die Verhältnisse in der Ems katastrophal sind“, sagte Bodenstein-Dresler.

Unter Leitung der Landesregierung werden zusammen mit BUND, NABU und WWF umfangreiche Verbesserungsmaßnahmen geprüft. Eine davon sei, dem Fluss mehr Raum zu geben, eine andere, das Tidewehr bei Hebrum zu verlegen. Die Möglichkeiten sollen in einem Gutachten untersucht und bewertet werden.

Die Wirtschaft habe aber noch nicht erkannt, „dass sie sich mehr Gedanken zum Thema machen muss“, kritisierte Marike Boekhoff vom NABU Niedersachsen. Bis zum Finden einer Lösung müsste ihrer Ansicht nach eigentlich ein Moratorium ausgesprochen werden, sodass keine weiteren Eingriffe im Fluss gemacht werden dürften. Auch durch die Ausbaupläne am Rysumer Nacken in der Emsmündung in Emden gerate die Ökologie des Flusses weiter unter Druck.

Beatrice Claus vom WWF sagte, sie wundere sich, dass die Meyer Werft nicht selbst inzwischen zur Überzeugung gekommen sei, den falschen Standort zu haben. Die Schiffe würden immer größer, „aber es gibt Grenzen beim Ausbau der Ems“.