Ein Artikel der Redaktion

Rückblick, Wünsche und Visionen "Homeric bauen? Dazu gab es keine Alternative" - Werft-Chef Bernard Meyer im Interview

24.06.2011, 07:00 Uhr

1983 stand die Meyer Werft vor einer Schicksalsfrage: Entweder würde das Papenburger Unternehmen den Auftrag für das Kreuzfahrtschiff Homeric bekommen, oder es gab nichts mehr zu tun. Heute gehört das Familienunternehmen zur Weltspitze im Bau von Kreuzfahrtschiffen. Werftchef Bernard Meyer blickt auf die spannenden Anfangszeit zurück, erinnert sich an schwere Entscheidungen und spricht über die Unternehmenszukunft und das Zusammenspiel mit der nächsten Generation.

Herr Meyer, können Sie sich noch an das Gefühl erinnern, als Sie den Auftrag für das erste Kreuzfahrtschiff »Made in Papenburg « gegengezeichnet haben?

Das war ein sehr gemischtes Gefühl. Wir sind ins kalte Wasser gesprungen. Die Situation im Schiffbau war 1983/84 sehr, sehr schlecht und wir bekamen plötzlich die Chance, die Homeric zu bauen. Die Vorgabe war eine relativ kurze Bauzeit von zwei Jahren. Es ging alles sehr schnell. Die Reederei musste im Mai 1986 mit dem Schiff auf den Bermudas antreten, sonst hätten sie die Exklusiv- Rechte auf den Bermudas verloren. Sehr schwierig war auch die Finanzierung. Den Auftrag zu bekommen, war wichtig und gut. Das Risiko, mit dem Bau eines neuen Schiffstyps unter diesem Zeitdruck zu beginnen, war uns bewusst. Woher haben Sie die Überzeugung genommen »Ja, so ein Schiff zu bauen, das schafft meine Mannschaft«?

 Alle auf der Werft wussten: Entweder bekommen wir den Auftrag oder wir haben nichts mehr zu tun.

So einfach war das…

Ja, es gab keine Alternative. Das Auf und Ab im Schiffbau wird oft verkannt. Es gibt nicht die sieben guten und sieben schlechten Jahre wie in der Bibel. Mein Vater sagte immer: Im Schiffbau gibt es ein bis zwei gute Jahre und dann wieder sieben schlechte.Können Sie beschreiben, was vor 25 Jahren die größten Herausforderungen waren?

Die waren vielfältig. Der Standard der Inneneinrichtung war ein ganz anderer als bei den Fähren, die wir zuvor gebaut hatten. Die Maschinenanlage musste wesentlich ruhiger sein und gleichzeitig eine höhere Geschwindigkeit ermöglichen. Und dann eben auch die Herausforderung für uns als damals kleines Unternehmen solch ein großes Projekt finanziert zu bekommen. So könnte ich noch vieles aufzählen.Gab es damals nicht auch Stimmen, die sagten: Nun sind die Meyers völlig verrückt geworden…

 Ja, es gab da einige, die behaupteten: Wenn dieses Schiff die Ems heruntergeht, wird auch die Meyer Werft den Bach heruntergehen. Wir haben das Gegenteil bewiesen. Diese Einschätzungen waren für uns ein zusätzlicher Ansporn.

Wenn Sie nun auf das Vierteljahrhundert des Kreuzfahrt-schiffbaus in Papenburg zurückschauen: Was sind für Sie die wichtigsten Meilensteine auf dem Weg zu der heutigen Marktführerschaft auf dem Weltmarkt?

Am Anfang haben wir alle zwei Jahre ein Schiff gebaut mit einer Größe von ca. 40.000 BRZ, dann jährlich ein Schiff. Im Jahr 2000 waren es dann erstmals zwei Schiffe mit 90.000 BRZ. Heute sind es drei Schiffe pro Jahr und sie sind noch größer. Wenn ich meinem Vater 1984 gesagt hätte, dass wir in 25 Jahren 30 Kreuzfahrtschiffe gebaut und zwei Kreuzfahrtschiffe mit 158.000 BRZ im Auftrag haben werden, dann hätte er sicher gesagt: »Mein lieber Sohn, du bist wohl verrückt«. Das war alles nicht abzusehen. Wir haben uns Schritt für Schritt weiterentwickelt und Risiken und Chancen abgewogen. Für mich ist das Tolle: unsere Schiffe sind vielseitiger geworden und haben uns immer neue Aufgabenstellungen gebracht. Wir haben uns den Anforderungen des Marktes gestellt und konnten uns so an die Weltspitze arbeiten. 

Wann haben Sie gedacht: »Ja, dieses Schiff ist unser Durchbruch zur Weltspitze…«

Dieses Gefühl hatte ich nie, denn beispielsweise in den vergangenen Jahren hatten wir eine lange Durststrecke: zweieinhalb Jahre ohne einen neuen Auftrag. Wir sahen ein großes Loch auf uns zukommen und sind heute froh, nach langen harten Verhandlungen mit unseren Kunden die neuen Aufträge erhalten zu haben. Diese Unsicherheit kennen wir und ich befürchte, dass das auch in Zukunft so weitergehen wird. Kein Auftrag ist ein Selbstgänger. 

Wie gehen Sie als Mensch mit dieser Belastung der Wellenbewegungen um?

Wenn ich darüber den ganzen Tag nachdenken würde, dann wäre das in der Tat etwas schwierig. Sicherlich muss ich auch eine dicke Haut haben und auch ruhige Nerven. Ich weiß um die guten Mitarbeiter und unsere innovativen Produkte, doch gleichwohl bleibt immer auch die Frage, wie es denn in den nächsten Jahren weitergeht. Was mir besonders große Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass die großen Konzerne in Korea und Japan verstärkt in unseren Markt eingreifen. Die Frage ist, ob wirklich alle mit den gleichen Mitteln kämpfen. 

Seitdem die großen Schiffe in Papenburg gebaut werden, ist der Standort der Werft viele Kilometer im Inland ein gern genommenes Streit- und Diskussionsthema. Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten – würden Sie noch einmal von Papenburg aus die Welt des Kreuzfahrtschiffbaus erobern oder gleich an die Küste gehen?

Die Situation, die wir im vergangenen Jahr mit dem Ausbleiben neuer Aufträge hatten, beschreibt die Lage gut. Ich hätte keine Bank und keine Regierung gefunden, die mich bei der Umsiedlung der Werft unterstützt hätte. Für so einen Sprung braucht ein Familienunternehmen mit seiner im Verhältnis zu Aktiengesellschaften dünnen Kapitaldecke die Banken, die eine langfristige Beschäftigung sehen wollen. Diese konnten wir nicht darstellen. Jetzt, wo wir wieder Aufträge haben, hätte diese neue Werft stehen müssen. Dieses Thema haben wir bei jeder großen Investition mit Bund, Land, Kreis und Stadt diskutiert, z.B. als wir aus der Stadt hierher gezogen sind. Weitere Diskussionen folgten, als wir das erste und das zweite Baudock gebaut haben. Immer wieder gab es das kritische Hinterfragen und die gleichen Probleme: nicht genug Aufträge und zu wenig Eigenkapital. Als mein Vater und ich vor fast vierzig Jahren über den Standort der Werft nachgedacht haben, konnten wir nicht wissen, dass wir einmal so große Schiffe bauen müssen, denn unsere Kunden erwarten es von uns. Und bis heute geht das in Papenburg sehr gut.

Auffällig ist, dass Sie im vergangenen Jahrzehnt immer dann große Summen in die Werft investiert haben, wenn eigentlich gerade eine Krise mit Auftragsrückgängen zu verbuchen war. Ganz direkt gefragt: Woher kommt all die Jahre der unternehmerische Mut, so große Millionenbeträge in die Hand zu nehmen?

 In der Tat: Jedes Mal, wenn wir investiert haben, passierte etwas, womit wir nicht rechnen konnten. Beispielsweise beim Bau des zweiten Docks die Anschläge vom 11. September 2001. Zum Thema Mut: Als wir das erste überdachte Baudock planten, habe ich bei einer uns nahestehenden Bank angerufen und erklärt, warum wir dieses Baudock benötigen. Darauf hat der befreundete Banker geantwortet: »Herr Meyer, wenn Sie nichts tun, dann werden sie langsam dahinsiechen aber sicher sterben. Wenn Sie dieses große Investment wagen, dann werden Sie entweder ganz schnell sterben oder langfristig überleben.« Ich denke auch an 1973. Ich war 25, mein Vater 65 Jahre, als der Sprung an den neuen Standort anstand. In einer Zeit, als nach der Ölkrise die Werften in Hamburg und Bremen zusammenbrachen. Bei allen Entscheidungen ist es auch immer so, dass der Bauch eine große Rolle spielt. Ich bin Ingenieur und eher rational. Daher habe ich es sehr geschätzt, mich mit meinen Vater austauschen zu können. Manches Mal hat er, auch wenn es mir eher aussichtslos erschien, emotional gesagt, dass wir das machen sollten. Beispielsweise beim Indonesien-Geschäft. Da dachten wir jungen, dass das Projekt viel zu kompliziert sei. Mein Vater verwies auf seine guten Erfahrungen in den 1960er Jahren. Wir wissen heute, dass diese Bauchentscheidung richtig war. 

Oft vergessen wird bei der Betrachtung Ihres Unternehmens die Neptun Werft in Rostock-Warnemünde. Auch mit dieser Werft unterstreichen Sie, dass mit dem Schiffbau Geld verdient wird, während an der Ostsee ansonsten nahezu alle Schiffbaustandorte schwer zu kämpfen haben. Was ist dort das Erfolgsrezept?

Auch dort haben wir eine gute Mannschaft, die sicherlich am Anfang uns gegenüber sehr skeptisch war. Sie hatten das Vorurteil gegenüber einem Privatunternehmer, der mit seinem dicken Auto mit dicker Zigarre im Mund vorfährt. Zu viel Schlechtes war ihnen schon passiert. Das hat sich aber schnell gelegt, die Mitarbeiter stehen hinter unserem Familienbetrieb. Wir haben dort investiert und es ist uns mit den Flusskreuzfahrtschiffen, den Gastankern, komplexen Schiffsmodulen und Fähren gelungen, neue Produkte zu etablieren, die die anderen Werften nicht bauen. Und jetzt kommt noch ein Forschungsschiff hinzu. Wir haben Know-how dorthin transferiert, sind dort in der Fertigungstechnologie den anderen Werften deutlich voraus und haben aktuell zehn Schiffe im Auftragsbuch. Mit 430 Mitarbeiten ist diese Werft heute eine kleine, aber feine Adresse im anspruchsvollen Schiffbau. 

Sie haben vor zwei Jahren sogar angekündigt, dass in Papenburg jährlich zukünftig vier Kreuzfahrtschiffe im Jahr gebaut werden sollen. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Wir können zwei große und zwei kleinere Schiffe im Jahr bauen. Als ich das damals gesagt habe, habe ich allerdings nicht geglaubt, dass wir für Royal Caribbean International zwei 158.000 BRZ große Schiffe bau-en dürfen. Unsere Herausforderung wird in den kommenden Jahren sein, die kleine Baudockhalle mit Aufträgen zu füllen. Der Markt für diese kleineren Schiffe ist sehr begrenzt geworden. Aber auch da bin ich überzeugt: Kommt Zeit, kommt Rat. 

Seit einigen Jahren verstärkt die Werft die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern, beispielsweise durch die Gründung der Meyer Werft Akademie. Was ist der Hintergrund?

Die Gründung der Akademie hat den Hintergrund, dass wir die duale Ausbildung und die Fortbildung unserer Mitarbeiter mit Blick auf einen schlanken Schiffbau weiter intensivieren wollen. Unser Personal mit den Erfahrungswerten hier aus dem Berufsalltag zu qualifizieren, ist ein wichtiges Kernstück, damit wir weiterhin Erfolg haben werden. Zudem ist es die Chance, dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Wir ermöglichen so professionelles lebenslanges Lernen.

Wie wird sich die Mitarbeiterzahl der Werft entwickeln?

 In der Vergangenheit haben wir Wachstum auch durch Neueinstellungen realisiert. Heute müssen wir Wachstum durch mehr Produktivität erreichen, so dass ich nicht glaube, dass die Zahl der Mitarbeiter auf der Werft ansteigen wird. Aber wir werden hoch spezialisierte Fachkräfte einstellen und bei den Zuliefern und Partnerunternehmen um uns herum sehe ich noch Wachstumspotenzial. Bundesweit hat ein Gutachten ergeben, dass wir für die Beschäftigung von 24.000 Menschen sorgen. Wir als Werft machen 25 Prozent bei den Schiffen selbst, weitere 23 Prozent kommen von Partnerfirmen aus Niedersachsen. 

Als Werft engagieren Sie sich beim Förderverein für eine Landesgartenschau in Papenburg 2014. Was motiviert einen Schiffbauer für dieses Engagement?

Wir als Werft sind ein Teil von Papenburg. Ich habe mit einer gewissen Sturheit immer an diesem Standort festgehalten und wir haben aus der Region immer viel moralische Unterstützung bekommen. Als ich von der Idee einer Gartenschau in meiner Heimatstadt hörte, war für mich klar, dass wir uns engagieren. Denn so wie wir zu Papenburg gehören, gilt das auch für die Gartenbaubetriebe. Ich sehe die Landesgartenschau als ein Leuchtturm- Projekt, ähnlich wie vor Jahren der Bau des Forum Alte Werft und der Bau des Golfplatzes. Eine solche Schau wird für die Stadt ein ganz großer Gewinn. Deshalb unterstützen wir die Realisierung finanziell und ideell mit einer engen Verzahnung in Richtung unseres Besucherzentrums. Ich will auch einmal sagen, dass es mich stolz macht, wie viele Firmen aus Papenburg sich überregional behaupten und erfolgreich sind. Ich war vor einigen Wochen bei der Maritimen Konferenz in Wilhelmshaven. Dort baut die Firma Bunte den JadeWeserPort und wird damit pünktlich fertig. Auch das ist ein Beispiel dafür, dass sich emsländische Firmen nicht scheuen, sich schwierigen Aufgaben zu stellen. Und auch die Papenburger Gärtnereibetriebe haben eine marktführende Rolle. Das ist doch toll. 

Wie skizzieren Sie die unternehmerische Mentalität der Region?

Die Emsachse hat sich durch die permanente Aufbruchstimmung in der Wirtschaft hervorragend entwickelt. Wir haben hier in der Region ein positives Denken, in der Politik, in der Gesellschaft, bei den Bürgern. Das ist kennzeichnend. Ich finde es immer wieder beeindrukkend, wie wir als Werft die Unterstützung für unser unternehmerisches Handeln aus dem Emsland und Ostfriesland bekommen. 

Was macht Ihnen mit Blick auf die Zukunft Sorgen?

Die Überalterung der Gesellschaft und der Umstand, dass zu wenig darüber nachgedacht wird, Deutschland auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu erhalten. Sehen Sie nach China, dort findet seit 20 Jahren eine einmalige Entwicklung statt. In Deutschland habe ich manches Mal das Gefühl, dass nur noch abgewartet wird, statt zu agieren. Das gilt in der Frage der Verbesserung des Bildungsstandards, dem Erhalt und dem Ausbau einer funktionierenden Infrastruktur und mit Blick auf die hohen Sozialkosten. Ich vermisse einen Art Masterplan als Antwort auf die Herausforderungen aus Asien. 

Sie sind heute mit vielen Erfahrungen ausgestattet, werden aber natürlich auch nicht jünger. Wie stellen Sie das Unternehmen für die nächsten Jahrzehnte auf?

Die nächste Generation, mein Sohn Jan, läuft sich gerade im Unternehmen warm. Ich wünsche mir für die nächsten Jahre ein genauso gutes Verhältnis im Zusammenspiel mit meinem Sohn wie ich es mit meinem Vater hatte. Ich bin überzeugt, dass das funktioniert und sehr fruchtbar für die Werft sein wird. Die nächste Generation wird es noch viel schwieriger haben, als ich es hatte. Wir stellen uns gemeinsam den Herausforderungen mit Kompetenz, Engagement, viel Herz und Gestaltungswillen. 

 Zum Jubiläum werden über 25.000 Menschen zum Musikfestival vor die Werft kommen. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie ihre Werft und ihr neues Schiff als Kulisse für die Begeisterung der Menschen sehen?

 Ich war überrascht, dass die Karten so schnell verkauft waren. Es wird – unabhängig ob es regnet oder die Sonne scheint – ein toller Abend werden. Wir können als Werft stolz und zufrieden sein, dass es mit unseren Partnern erneut gelungen ist, dieses Festival so auf die Beine zu stellen.

Und auf welchen Musiker oder Band freuen Sie sich bei dem diesjährigen Festival?

Die Mischung ist wieder gut. Natürlich stehe ich den etwas älteren Gruppen etwas näher, aber ich bin ja lernfähig. Ich freue mich einfach auf den Abend, eine tolle Stimmung und tolle Eindrücke. 

Zum Abschluss dürfen Sie sich drei Dinge wünschen…

Erstens noch lange beste Gesundheit für meine Familie, meine Mitarbeiter und mich. Zweitens für unser Familienunternehmen, dass ich es in die nächste und die dann in die übernächste Generation weitergeben kann. Drittens, dass die Meyer Werft es in dem immer schwieriger werdenden Markt schafft zu überleben und auch in 200 Jahren noch Schiffe in Papenburg bauen darf.