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Reaktion auf „Team Wallraff“ Caritas nach Schock-TV-Bildern aus Behindertenwohnheim betroffen

Von Gerd Schade | 27.02.2017, 09:30 Uhr

Nach einem Fernsehbericht mit erschreckenden Bildern aus Wohnheimen für Menschen mit Behinderungen geht der Geschäftsführer des Papenburger St.-Lukas-Heimes, Heinz Bernhard-Mäsker, davon aus, dass es sich dabei „um absolute Ausnahmen“ handelt.

„In den meisten Einrichtungen in Deutschland ist es mit Sicherheit nicht so“, sagte Mäsker bei einem Pressegespräch auf Nachfrage unserer Redaktion. Gleichwohl seien auch Einzelfälle inakzeptabel und in keiner Weise zu dulden. „Ich kann das nur verurteilen“, sagte Mäsker.

Erschreckende Bilder vom „Team Wallraff“

Die RTL-Enthüllungssendung „Team Wallraff“ hatte vorige Woche mit einem Undercover-Bericht aus Einrichtungen des Vereins Lebenshilfe für Menschen mit Behinderungen für Aufsehen und Empörung gesorgt. Die Bilder, für die eine Reporterin als Praktikantin getarnt in mehreren Einrichtungen angeheuert hatte, offenbarten Kränkungen, Erniedrigungen und Strafen von Bewohnern durch Mitarbeiter.

„Wir müssen das sehr ernst nehmen“, betonte der Direktor des Caritasverbandes für die Diözese Osnabrück, Franz Loth. Auch wenn man über die Vorgehensweise der Macher von „Team Wallraff – Reporter undercover“ streiten könne, „sollten uns die Ergebnisse sehr nachdenklich machen“, erklärte Loth.

Tiefenbohrung vornehmen

Grundsätzlich habe man es immer und überall auch mit dem Faktor Mensch zu tun. „Die Verantwortung fängt immer bei einem selbst an“, betonte Loth. Das derzeitige gesellschaftspolitische Klima bezeichnete er als „hochproblematisch“, in dem vielfach die Gabe der Differenzierung fehle. Jeder sei aufgefordert, sich an die eigene Nase zu fassen und eine persönliche Tiefenbohrung bei sich vorzunehmen.

In den Einrichtungen der Caritas, zu denen auch das St.-Lukas-Heim gehört, stehe eine Werteorientierung gepaart mit guten Dienstleistungen im Vordergrund. Das gelte aber auch für andere. „Wir sind da nicht besser oder schlechter als andere“, sagte Loth. Durch das im vergangenen Dezember verabschiedete Bundesteilhabegesetz müsse ab 2018 überdies auch mit privaten Anbietern auf dem Feld der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen gerechnet werden.

Einrichtungen stark nachgefragt

Dass der Bedarf für das St.-Lukas-Heim und die Caritas-Werkstätten nördliches Emsland anders als vor einigen Jahren und von ihm persönlich auch erwartet nicht sinken, sondern steigen wird, machte Mäsker deutlich. „Wir hatten ernsthaft überlegt, unseren heilpädagogischen Kindergarten zuzumachen“, sagte der Geschäftsführer. Davon ist inzwischen längst keine Rede mehr. „Der Sprachheilkindergarten ist so voll wie nie“, berichtete Mäsker.

Als Ursachen für den steigenden Bedarf skizzierte er unter anderem eine bessere medizinische Versorgung auch für Menschen mit schweren und Mehrfachbehinderungen. „Sie haben heute eine viel höhere Lebenserwartung.“ Hinzu komme ein sich veränderndes Behindertenbild mit Doppeldiagnosen, bei der auch psychische Faktoren eine Rolle spielen können.

Mit rund 1100 Mitarbeitern, davon mehr als 600 in Vollzeit, ist das St.-Lukas-Heim, das 2017 sein 50-jähriges Bestehen feiert, einer der größten Arbeitgeber in Papenburg. In den Einrichtungen werden insgesamt rund 1500 Menschen mit Behinderungen betreut.

 (Weiterlesen: Neue Führung im Papenburger St.-Lukas-Heim komplett)