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Präventionsprojekt Unfallschilderungen schonen 500 Schüler in Papenburg nicht

Von Gerd Schade | 07.02.2017, 17:04 Uhr

Drastisch, abschreckend und hochemotional: Ganz bewusst nicht geschont haben Polizei, Rettungskräfte und eine Notfallseelsorgerin am Dienstag in Papenburg mehr als 500 Schüler der Jahrgangsstufen 11 beim Verkehrspräventionsprojekt „Abgefahren – wie krass ist das denn?“

Auf der Bühne in der Stadthalle Forum Alte Werft steht das Unfallwrack eines knallroten Kleinwagens, daneben sind weiße Holzkreuze positioniert. „Du fehlst uns“, ist auf einem lackiert. Auf der anderen Seite der Bühne sind acht Kerzen aufgereiht. Sie stehen symbolisch für acht Menschen, die in den vergangenen Jahren bei Verkehrsunfällen im nördlichen und mittleren Emsland ums Leben gekommen sind. Unterlegt mit Tonsequenzen sowie Fotos von den jeweiligen Unglücksorten schildern Einsatzkräfte mit ergreifend und drastischen Worten aus erster Hand, was sie erlebt und wie sie das Erlebte verarbeitet haben. Nach jedem Bericht werden Kerzen für die Opfer entzündet.

Auch Jahre nach dem Unfall einer 16-Jährigen ist die Notfallseelsorgerin Christel Lünnemann aus Papenburg selbst noch immer sichtlich bewegt, wenn sie von dem tragischen Unglück berichtet. Die Jugendliche war vor den Augen ihrer Schwester vor ihrem Elternhaus in Groß Berßen vom Wagen eines unter Drogeneinfluss stehenden Autofahrers (24) erfasst und getötet worden. „Der Körper wurde 30 Meter weit geschleudert.“ Die Schwester habe den Unfall durch das Küchenfenster mit angesehen. Bis zum Eintreffen der Rettungskräfte, für die es in diesem Fall nichts mehr zu retten gab, habe der Vater sein totes Mädchen in den Armen gehalten. „Für diese Familie war ab diesem Zeitpunkt nichts mehr so wie vorher“, berichtet Lünnemann mit bewegter Stimme. Nicht nur der Vater habe unvorstellbar schmerzhaft lernen müssen, mit diesen Bildern zu leben.

Mit ihren eindrucksvollen Schilderungen vermittelt die Notfallseelsorgerin ein Gespür für das Grauen und Entsetzen samt purer Verzweiflung, Ohnmacht und Sprachlosigkeit. „Denkt immer daran, dass ihr nur ein Leben habt. Ihr könnt nichts rückgängig machen“, appelliert Lünnemann an die Schüler, die gebannt zuhören. Der Unfallfahrer habe sich im Übrigen bis heute weder bei der Familie gemeldet, geschweige denn entschuldigt.

Nichts für schwache Nerven ist auch der Bericht des Polizisten und freiwilligen Feuerwehrmanns Hermann Kronner aus Surwold. Als er am Ostermontagmorgen 2011 an einer Unfallstelle am Kanal eintrifft, bietet sich ihm und seinen Kameraden ein Bild des Grauens. Ein Kleinwagen ist beim Aufprall auf einen Baum regelrecht zerfetzt worden. Der Tacho des nicht zugelassenen Pkw blieb bei Tempo 140 stehen. Von den Insassen fehlt zunächst jede Spur. Im Wasser des Kanals stoßen die Einsatzkräfte dann auf ein abgetrenntes Bein, dann auf die leblosen Körper zweier junger Männer. Kronner erkennt sie während des Einsatzes nicht – zu entstellt sind ihre Gesichter. Erst später stellt sich heraus, dass es zwei Jugendliche aus Surwold sind, mit denen Kronner noch am Osterfeuer am Vorabend gesprochen hat. Der 55-Jährige ist seit Jahrzehnten Feuerwehrmann und Polizist. „Ich habe zu viele Tote gesehen. Zählen kann ich sie schon lange nicht mehr“, sagt Kronner.

Nicht minder ergreifend schildert der Rettungsassistent Holger Hesener (43), wie eine 23-jährige Autofahrerin, die auf der B 70 zwischen Lehe und Dörpen verunglückt war, trotz aller Rettungsversuche während des Einsatzes beim Sterben erlebt hat. Ihr Beifahrer sei bereits an der Unfallstelle verstorben, der Wagen hatte sich regelrecht um einen Baum gewickelt. „Bitte helfen Sie mir. Ich bekomme kaum noch Luft“, seien die letzten Worte der 23-Jährigen gewesen. Am Ende war „alles voller Blut“, so Hesener.

Bilder des Grauens von Menschen, die von einem auf den nächsten Augenblick aus dem Leben gerissen werden, zeichnen auch die ehrenamtlich tätigen Feuerwehrleute Andreas Brak (Rhede) und Thorsten Bögemann (Aschendorf). Brak berichtet davon, wie von den aus den nach ihrer Bergung aus einem Unfallwagen auf der Straße abgelegten Leichen zweier junger Männer an einem kalten Februarmorgen sichtbar die Körperwärme als Dunst entweicht. „Ganz so, als würden sie noch atmen.“

Auch in der Schilderung von Bögemann ist der Leichnam eines verunglückten Autofahrers noch warm, als die Feuerwehr die Einsatzstelle erreicht. Allerdings fehlt durch den Frontalaufprall des Wagens auf einen Baum ein Teil des Kopfes. Der Aschendorfer ist wie seine Kameraden mit Leib und Seele Feuerwehrmann, sagt aber auch unmissverständlich: „Ich habe keine Lust mehr, zerschmetterte Körper aus Autowracks zu schneiden.“