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Online-Verhalten von Schülern Über 300 Leute hören Medienpädagogen in Papenburg zu

Von Gerd Schade | 10.02.2017, 09:25 Uhr

Neugierde, Unbekümmertheit, Identitätsentwicklung sowie das Ringen um Aufmerksamkeit und Anerkennung spielen in der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen eine bedeutende Rolle. Wie sich das auf deren Nutzungsverhalten von sozialen Online-Netzwerken auswirkt, hat der Medienpädagoge Moritz Becker vor mehr als 300 Zuhörern in Papenburg erläutert.

Viele von ihnen sind Eltern und Lehrer. Wer bei der Vortragsveranstaltung am Donnerstagabend im Forum der Heinrich-von-Kleist-Schule allerdings Patentrezepte für Erwachsene im vermeintlichen richtigen Umgang mit pubertierenden Dauer-Smartphone-Nutzern erwartet hat, wurde enttäuscht. Zudem machte Becker, der auf Einladung des Papenburger Arbeitskreises gegen sexuelle Übergriffe in die Fehnstadt gekommen war, gleich zu Beginn seines Vortrags deutlich, dass er mehr zu erklären als zu werten gedenke.

Als eine Kernbotschaft formulierte der Medienpädagoge das Ziel, dass Kinder und Jugendliche lernen, in Freiheit zu entscheiden, wie sie mit dem Internet umgehen wollen und wann es für sie besser ist, das Smartphone beiseitezulegen. Das sei zwar ein hoher, aber erstrebenswerter Anspruch, bei dem ausdrücklich auch Scheitern erlaubt sein müsse. Grundsätzlich seien die Erwachsenen mehr als Begleiter und weniger als Kontrollfreaks gefragt.

Als Beispiel berichtete Becker, dessen Verein Smiley-ev. Hannover jährlich mit rund 1100 Schulklassen arbeitet, von einer Schülerin, die nach mehreren schulischen Misserfolgen selbst zu der Erkenntnis gelangt sei, dass es sinnvoll sein kann, sich während der Hausaufgaben nicht durch jede neue Whatsapp-Nachricht ablenken zu lassen. Dafür müsse das Mädchen jedoch zunächst überhaupt die Chance haben, eine eigene Strategie zu entwickeln.

Kindern das Smartphone zu bestimmten Zeiten wegzunehmen, kann nach Beckers Auffassung hingegen eher nur eine Notlösung sein, die es regelmäßig zu überprüfen gelte. Letztlich hinge die Form der Begleitung durch Erwachsenen auch immer vom jeweiligen Kind ab. „Begleitung heißt, ein Gefühl dafür zu haben, was Kindern wichtig ist“, betonte Becker.

Schwierig werde es, wo Eltern alles egal ist, betonte der Medienpädagoge. Wo keine Erziehungskompetenz sei, brauche man auch keine Medienkompetenz aufzubauen. „Das Internet ist nur so vernünftig, wie der Mensch damit umgeht. Aber wenn die Erziehungskompetenz stimmt, läuft vieles richtig.“ Eltern, die ihren Sprösslingen beispielsweise die Nutzung bestimmter Dienste wie Whatsapp verbieten würden, offenbarten pure Verzweiflung. Letztlich sei es unmöglich, Kinder im Internet kontrollieren zu können.

Dass es Schüler gibt, die zwischen Aufstehen und Frühstück schon mehrere Hundert Whatsapp-Nachrichten erhalten, sei im Übrigen wenig verwunderlich, wenn man sich vergegenwärtige, wie es dazu kommt. Ein Beispiel: Einer wünscht allen 25 Mitschülern in der Klassen-Whatsapp-Gruppe einen guten Morgen. Alle antworten. Der Nächste fragt: Gut geschlafen? Alle bejahen – bis auf einen. Und plötzlich genießt er die volle Aufmerksamkeit seiner Klassenkameraden, denn nun fragen alle plötzlich nach dem Grund. Als der Junge daraufhin einen Albtraum anführt, in dem ein Monster aufgetaucht ist, spekulieren alle, wie das wohl ausgesehen haben mag. Und so weiter, und so weiter...

Weniger wichtig als die Inhalte der Kommunikation ist die Kommunikation an sich, lenkte Becker den Blick auf die Bedeutung der Whatsapp-Gruppe als sozialen Kitt – in diesem Fall den der Klassengemeinschaft.

„Was uns allerdings fehlt, sind Whatsapp-Pausen“, erklärte Becker. Einen Knigge dafür gebe es nicht. Stattdessen entstünden dadurch, dass jederzeit klar ist, wann der Chatpartner zuletzt online war, wann eine Nachricht versendet, zugestellt und vom Empfänger gelesen ist, bei Heranwachsenden in der Regel Druck und Stress. Denn im nächsten Moment dreht sich alles um eine möglichst prompte Reaktion. Je länger sie auf sich warten lässt, desto größer die Ungeduld beim Absender. Schüler seien dann häufig in einem Zwiespalt, beispielsweise wenn sie gerade zuhause mit den Eltern beim Abendbrot sitzen, die die Handynutzung während des Essens untersagen – ein weiterer Stressfaktor.

Die Gefällt-mir-Kultur in den sozialen Netzwerken könne vor allem Jugendlichen in der Pubertät Stabilität bieten, indem sie dort beispielsweise mit Selfies erfolgreich um Aufmerksamkeit und Anerkennung werben. Dabei ginge es nur vordergründig um die Fotos, sondern immer um die Menschen, die sie hochgeladen haben. „Jugendlichen ist ungeheuer wichtig, was andere über sie denken“, erklärte Becker. Das sollten ihnen Erwachsene nicht ausreden. Dass Jugendliche sich praktisch jeden Tag neu erfinden müssten, sei ein wichtiger Teil der Identitätsentwicklung.

Genauso könne sich die Gefällt-mir-Kultur allerdings auch ins Gegenteil verkehren. „Jeder hat ein Recht darauf, nicht beleidigt oder vorgeführt zu werden“, betonte Becker. Auswüchse dieser Art sind nach seiner Auffassung dann aber weniger auf mangelnde Medienkompetenz, sondern auf fehlende Erziehungskompetenz zurückzuführen.

Im Übrigen spiele Facebook bei Schülern längst nur noch eine untergeordnete Rolle. „Facebook ist eigentlich out. Früher gab es SchülerVZ und StudiVZ und dann Facebook. Aktuell ist es Instagram. Aber die Karawane zieht weiter. Das Nächste wird Snapchat sein“, prophezeite Becker.