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Millioneninvestition in Papenburg Meyer Werft legt Grundstein für Technologiezentrum

Von Gerd Schade | 16.11.2015, 17:52 Uhr

Auf der Papenburger Meyer Werft ist am Montag der Grundstein für ein Technologie- und Entwicklungszentrum gelegt worden. In dem Gebäude sollen bis zu 500 Konstrukteure für den Bau von Kreuzfahrtschiffen arbeiten. Das Gesamtinvestitionsvolumen umfasst rund zehn Millionen Euro.

Werftchef Bernard Meyer sprach von einem Meilenstein für die Fortentwicklung des Unternehmens. „Damit zeigen wir deutlich, dass wir ,Ja‘ sagen zum Standort“, betonte Meyer und kündigte für 2016 weitere Investitionen in Papenburg an. Demnach will die Werft vor allem Geld in den EDV-Bereich stecken. Ziel sei ein papierloses Design, sagte Meyer. Der Werftchef betonte zudem, dass die erfolgreiche Weiterentwicklung des Standortes Papenburg für ihn immer höchste Priorität gehabt habe.

Das fünfstöckige Gebäude mit Passivhausstandard durch Nutzung von Geothermie soll bis Mitte 2016 fertiggestellt sein. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im emsländischen Kreistag, Bernd-Carsten Hiebing, und Papenburgs Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) sehen durch die Investition den Standort Papenburg gestärkt. Der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrates der Meyer Werft, Günter Geerdes, zeigte sich darüber erfreut, dass die Investition dem wichtigsten Kapital der Werft, den Mitarbeitern, zugute käme.

Volle Auftragsbücher

Als Grund für die Investition nennt die Werft ihre „stetig steigende Mitarbeiterzahlen“ mit einer derzeit 3300-köpfigen Belegschaft, die nach den Terroranschlägen in Paris am Montagmittag von der Geschäftsleitung zu einer Gedenkminute aufgerufen worden war, und die zurzeit vollen Auftragsbücher. Bis zum Jahr 2020 werden in Papenburg zehn Kreuzfahrtschiffe gebaut. „Wir können froh und dankbar sein, dass wir so viele Aufträge haben“, sagte Meyer. Die Auftragslage ist nach Angaben der Werft im Übrigen erst durch das Engagement des Unternehmens in Finnland möglich geworden. Dort hatte Meyer im September 2014 zunächst 70 Prozent der Anteile der Werft in Turku übernommen. Inzwischen ist sie 100-prozentige Eigentümerin und firmiert dort unter dem Namen Meyer Turku.

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Kreuzfahrtschiff besteht aus 10 Millionen Teilen

Die aktuelle Entwicklung macht Unternehmensangaben zufolge den Neubau erforderlich. In dem fünfstöckigen Gebäude in der Nähe des Haupteingangs zur Verwaltung werden große Teile der Konstruktions- und Entwicklungsarbeiten für die komplexen Neubauten der Werft gebündelt. „Ein Auto besteht aus 10.000 bis 15.000 Bauteilen, ein Airbus aus einer Million Teilen und ein Kreuzfahrtschiff aus 10 Millionen Teilen“, verdeutlichte Meyer am Rande der offiziellen Grundsteinlegung in einem Gespräch mit unserer Redaktion die Dimensionen.

Die Auftragslage in Papenburg sei „etwas ganz Ungewöhnliches“, sagte Meyer im Hinblick auf die derzeitige Situation auf dem Weltmarkt. Die Lage im Schiffbau dort bezeichnete er als prekär. Als Beispiel führte der Unternehmenschef die Situation auf den chinesischen Werften an, deren Ablieferungen im Vergleich zu den Vorjahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen seien. Hier könne man von einem regelrechten Zusammenbruch des Marktes sprechen. Die derzeitige Lage der Werft sei deshalb nicht nur einmalig in Deutschland und Europa, sondern auch fast einmalig auf der Welt.

Führungsposition im Kreuzfahrtbereich

Warum die Papenburger dieser Entwicklung trotzen, erklärte Meyer mit dem Innovationsgeist des Unternehmens. Durch Investitionen in einer Größenordnung von 900 Millionen Euro in den vergangenen Jahren habe sich die Werft eine Führungsposition im Kreuzfahrtbereich erarbeitet. Davon profitiere sie nun in Form von Aufträgen, die dann aber auch zuverlässig abgearbeitet werden müssten, damit langjährige und zufriedene Kunden wiederkämen und neue gewonnen werden könnten.

Dass dabei auch Flexibilität gefragt ist, machte Meyer an einem anderen Beispiel deutlich. Das nächste Schiff, geht anders als zunächst vorgesehen, nicht auf den US-amerikanischen, sondern in den chinesischen Kreuzfahrtmarkt. Folglich müssten größere Casinos eingerichtet werden. Dafür könne man auf Bars und französische Restaurants verzichten.

In Zukunft will die Werft jedes Jahr einen Prototypen für ein Kreuzfahrtschiff entwickeln. „Wir brauchen das, um im Markt zu bleiben“, erklärte Meyer.

Nach den Worten von Geschäftsführer Lambert Kruse müsse die Werft ihrer Konkurrenz technologisch immer deutlich voraus sein und trotz eines hohen Qualitätsanspruchs kostenoptimiert anbieten. „Nur mit top ausgebildeten Entwicklern und Konstrukteuren in der richtigen Arbeitsumgebung und mit ausreichend Raum für kreatives Denken schaffen wir diesen Spagat“, so Kruse.

Meyer verwies darauf, dass die Werft den Standortsicherungsvertrag bis 2030 bereits jetzt übererfüllt habe, indem die Zahl der Mitarbeiter von 3100 auf 3300 gestiegen sei. „Und wenn wir uns am Riemen reißen, weiterhin technologisch auf hohem Niveau und innovativ bleiben, haben wir gute Chancen, auch in Zukunft weiter Schiffe zu bauen.“

CDU-Kreistagsfraktionschef Hiebing bezeichnete die Werft mit 1,7 Milliarden Euro Jahresumsatz „ohne Wenn und Aber“ als das wirtschaftliche Aushängeschild der Region und einen Glücksfall für den Wirtschaftsstandort Papenburg. Als das wesentliche Erfolgsgeheimnis der Werft nannte Hiebing die Innovationsbereitschaft in einer krisenanfälligen Branche. Den dadurch erreichten Vorsprung gelte es zu halten.

Die Expansionsstrategie macht das Unternehmen nach seiner Auffassung zukunftssicherer und konkurrenzfähiger und sichert damit auch die Arbeitsplätze in Papenburg. Ob das Dach des Konzerns Emsland, in Rostock oder in Luxemburg angesiedelt sei, „ist in meinen Augen für den Standort Papenburg nachrangig. Letztlich sind die Arbeitsplätze hier, die Wertschöpfung erfolgt hier und auch die Steuern werden hier in Papenburg gezahlt“, so Hiebing. Die Debatte um die Verlagerung des Mutterkonzerns der Werft hatte im Sommer für viel Wirbel gesorgt.

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Hiebing empfahl, nach den Debatten auch um die von der Werft beabsichtigte fristlose Kündigung ihres Betriebsratsvorsitzenden Ibrahim Ergin , den Blick nicht länger auf das zu verstellen, was wirklich wichtig sei. Er zeigte sich davon überzeugt, „dass die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat oder der Gewerkschaft trotz der kürzlichen Unruhen nicht grundsätzlich infrage gestellt ist“.

Bürgermeister Bechtluft sprach im Hinblick auf die Grundsteinlegung von einem „ganz wichtigen Tag“ für Papenburg. Die Meyer Werft bleibe ein attraktiver Arbeitgeber mit „hoch qualifizierten und interessanten Arbeitsplätzen“. Die Stadt werde weiterhin viel für ein attraktives Lebensumfeld tun, damit junge Arbeitskräfte nach Papenburg ziehen und Einheimische bleiben.

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Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Geerdes nannte es wichtig, dass weiterhin in den Standort Papenburg investiert werde, „damit in Papenburg weiter Schiffe gebaut werden“.

Den Grundstein legten Kendra Schulte und Björn Abeln. Die 19-Jährige aus Friedeburg ist duale Studentin des Studiengangs Schiffbau und Meerestechnik. Ihr 22 Jahre alter Kollege aus Heede lässt sich im dritten Jahr zum Mechatroniker ausbilden. Den für sie ungewohnten Umgang mit Mörtel und Kelle überwachte Hans-Bernd Welp vom Papenburger Bauunternehmen Kassens.

Außer dem Technologie- und Entwicklungszentrum will die Werft ihren Kantinenbereich erweitern sowie die Sozialräume für eigene und Fremdfirmen-Mitarbeiter ausbauen und modernisieren.