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„Massentierhaltung ideologischer Begriff“ 200 Zuhörer bei Diskussion mit Bundestagsbewerbern in Papenburg

Von Christian Belling | 15.09.2017, 17:32 Uhr

Über die Zukunft der Landwirtschaft, der Bedeutung der Meyer Werft sowie Themen aus der Bundespolitik wie Zuwanderung und E-Mobilität haben am Donnerstagabend die sieben Bundestagskandidaten unserer Region während der Podiumsdiskussion in Papenburg debattiert.

Rund 200 Zuhörer waren der Einladung der Ems-Zeitung (EZ) und der Historisch-Ökologischen Bildungsstätte (HÖB) in das Hotel Hilling am Obenende gefolgt, um sich über die Standpunkte der Kandidaten zu informieren. Mehr als zwei Stunden fühlte EZ-Redaktionsleiter Gerd Schade gemeinsam mit HÖB-Leiter Thomas Südbeck den Politikern zu regionalen und bundesweiten Themen auf den Zahn.

Dabei konnten sich die Bewerber Gitta Connemann (CDU), Markus Paschke (SPD), Harald Kleem (Grüne), Marion Terhalle (FDP), Bettina Kubiak (Die Linke), Christoph Merkel (AfD) und Marius Wolters (Die Partei) zu keiner Zeit zurücklehnen. Stets hielten die Moderatoren das Tempo hoch und achteten genau darauf, dass die Kandidaten die vorgegebenen 90 Sekunden für die Beantwortung einer Frage nicht überschritten. Es entwickelte sich ein kurzweiliger Abend, bei dem zum Schluss auch Fragen aus dem Plenum kamen.

Zum Nachlesen: Der Liveticker zur Podiumsdiskussion

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde lenkten die Moderatoren gleich den Fokus auf das Thema Meyer Werft, das auch die Friesenbrücke sowie Werkverträge und Leiharbeiter beinhaltete. Paschke machte klar , dass „es sich um Missbrauch handelt, wenn Werkverträge zur Senkung der Löhne eingesetzt werden“. Er fordert Haftungs- und Sonderregelungen, die das unterbinden. Kubiak nannte es „verheerend, wenn Rumänen oder Bulgaren mehr als 12 Stunden arbeiten, ohne eine langfristige Perspektive zu haben.“ Connemann warnte indes davor, Werkeverträge „generell zu verteufeln“.

„Wachstum der Stadt Papenburg nur im Bokeler Bogen möglich“

Zum Papenburger Standort sagte die Linke-Politikerin, dass es immer heiße, dass die Werft weggehe, „doch sie bleibt, was natürlich wünschenswert ist.“ Ein klares Bekenntnis zum Standort Papenburg kam von Terhalle und Connemann. Zu möglichen Erweiterungsplänen sagte die FDP-Politikerin, dass „weiteres Wachstum der Stadt nur im Bokeler Bogen möglich ist“. Grünen-Kandidat Kleem wünscht sich indes eine Perspektive für eine ökologische Zukunft. Mit der Entwicklung von Gasantrieben für Kreuzfahrtschiffe sei man auf einem guten Weg.

„Klasse statt Masse“ in der Landwirtschaft

Für die Zukunft der Landwirtschaft gab Wolters (Die Partei) die Marschroute vor, nur noch Fleisch aus Massentierhaltung essen zu wollen. „Ich finde es fies, glückliche Bio-Tiere zu töten, nur damit wir satt werden. Stattdessen sollten wir unglückliche Tiere aus ihrem Leid befreien.“ Kleem sieht indes einen Wettlauf in der Landwirtschaft. „Ich wünsche mir ein langsames Umsteuern zu mehr Ökologie.“ Dass Landwirte trotz vielfacher Kritik sehrwohl am Tierwohl interessiert sind, warf Terhalle in die Runde. „Sie werden in eine falsche Ecke gedrängt, obwohl sie sichere Lebensmittel produzieren.“ AfD-Mann Merkel setzt auf „Klasse statt Masse“ und Kubiak stellte klar, dass „die Massentierhaltung ihre Zeit gehabt hat.“ In 20 Jahren werde es diese nicht mehr geben. Diese Auffassung widersprach Connemann mit Nachdruck. „Massentierhaltung ist ein rein ideologischer Begriff.“ Sie regte an, viel mehr mit, anstatt über Landwirte und ihre Höfe zu reden.

AfD-Kandidat überrascht mit „individueller Interpretation“

Für eine Überraschung sorgte Merkel, als es um Zuwanderung und Integration geht. „Die Willkommenskultur ist seit jeher Bestandteil unserer Republik und gehört zur Staatsräson.“ Moderator Südbeck sprach daraufhin von einer „individuellen Interpretation des Parteiprogramms.“ Terhalle stellte klar, dass die FDP ein Einwanderungsgesetzt fordert. „Menschen, die sich hier etabliert haben, müssen die Chance erhalten, auch bleiben zu können.“ Insbesondere in Hinsicht auf den Fachkräftemangel sind der Liberalen zufolge „Zuwanderer sind eine große Chance für unser Land.“ Paschke machte deutlich, dass er die Integration weiter vorantreiben möchte. „Dafür sind Sprachkurse unerlässlich.“ Connemann stellte in diesem Zusammenhang klar, dass sich Flüchtlinge auch selbst um eine gelungene Integration kümmern müssen. „Dazu gehört auch, dass sie unsere Kultur akzeptieren.“

Zuwanderung: „Obergrenze an Moral“

Beim Stichwort „Obergrenze“ machte Kubiak klar, dass es diese mit den Linken nicht geben wird. Kleem kritisierte „eine Obergrenze an Moral, die sich aktuell in der Zusammenarbeit bei der Flüchtlingsfrage mit der Türkei und Libyen zeigt.“ Nach seinen Worten braucht Deutschland keine Angst zu haben, „wenn wir noch 500.000 Zuwanderer mehr haben.“

„Diesel nicht dämonisieren“

Einig waren sich die Kandidaten, als es um die „Diesel-Affäre“ ging. Durch die Bank kritisierten sie die „Tricksereien“ (Connemann) der Automobilhersteller. Die Christdemokratin warnte allerdings davor, „den Diesel zu dämonisieren“. Diese Antriebstechnik ist Connemann zufolge schadstoffarmer als jeder Benziner. Von Fahrverboten für Dieselautos hält sie ebenso wenig wie Terhalle. „Das bedeutet Enteignung“, stellte die FDP-Politikerin klar. Paschke plädierte dafür, die Automobilindustrie stärker in die Pflicht zu nehmen. Einen Ausbau des ÖPNV „den sich jeder leisten kann“, forderte indes Kubiak.

Herstellung von Elektroautos in der Kritik

In der Diskussion um die Zukunft des Elektroautos machte sich Wolters für ein weiteres Ausreifen der Technik stark. „Die Leute sind ja nicht dumm. Die wissen, dass sie aktuell beim Autofahren giftige Gase ausstoßen.“ Er vertraut auf den Markt und dass sich die „Autohersteller weiter reinhängen“. Eine ergebnisoffene Forschung wünscht sich Merkel. Er sieht die E-Mobilität aufgrund des Einsatzes „Seltener Erden“ bei der Herstellung kritisch. Auch Connemann machte deutlich, dass „jedes Elektroauto aufgrund der Verwendung seltener und giftiger Rohstoffe mit einer großes klimakritischen Hypothek startet.“

„Überbietungswettbewerb bei der Rente“

Die abschließende Fragerunde brachte von den Zuhörern häufig das Thema Rente und die damit verbundene Sorge vor Altersarmut hervor. Paschke machte sich dabei für eine Mindestrente stark, auch für die, die wenig gearbeitet haben. Connemann warnte indes vor nicht einzuhaltenden Versprechen. „Diese müssen auch gezahlt werden. In diesem Wahlkampf findet ein Überbietungswettbewerb bei der Rente statt. Doch dafür eignet sich das Thema nicht.“