Ein Artikel der Redaktion

Deutlich günstigere Preise Deutsche Böller bei Niederländern sehr gefragt

Von Mirco Moormann und Silvia Portz, Mirco Moormann | 28.12.2016, 13:04 Uhr

Für viele Menschen zählt das Feuerwerk-Spektakel zum festen Bestandteil der Silvesternacht. Weit über 100 Millionen Euro werden in Deutschland jedes Jahr für Böller und Co. ausgegeben. Einen Anteil daran haben die benachbarten Niederländer. In den Grenzregionen strömen zum Verkaufsstart am 29. Dezember viele Käufer über die Grenze.

Niederländer sind bekannt für ihre Böllerleidenschaft – auch Rias Eldering und seinen Sohn Bertijn aus Winschoten bei Groningen hat sie gepackt. Die beiden sind glühende Feuerwerk-Fans. Für sie muss es zum Jahreswechsel knallen, sprühen und funkeln. Ohne Raketen, Böller und Effektfeuerwerke geht nicht. Die Vorfreude auf die anstehende Einkaufstour steigt von Tag zu Tag. „Wir würden am liebsten das ganze Jahr über böllern“, sagt Bertijn. Doch wie in Deutschland ist das Böllern auch in Holland erst am Silvestertag erlaubt. Und wenn Vater und Sohn es dann krachen lassen, müssen sie vorsichtig sein. „Bei uns gegenüber steht ein Haus mit Reetdach“, sagt Rias Eldering.

Besonders gern lassen die Elderings Raketen mit bunten Effekten steigen. Um die zu bekommen, fahren sie bereits seit fünf Jahren nach Deutschland. Dort finden sie, was das Herz des begeisterten Feuerwerkers begehrt. Rias Eldering sagt, ein Gespräch mit einem Bekannten habe den Hinweis gebracht, dass sich ein Blick über den Tellerrand – in diesem Fall eine Fahrt über die Grenze – lohnt. Die Feuerwerkskörper, die Eldering in Deutschland kauft, kosten in den Niederlanden etwa fünfmal so viel. Für eine Batterie mit Effekten zahle man in Deutschland etwa 20 Euro, „in den Niederlanden mehr als 100 Euro“.

Anfangs fuhren Vater und Sohn zum Böller-Shopping ins rheiderländische Bunde, einen kleinen Ort direkt an der Grenze. Doch da ist es ihnen mittlerweile zu voll. „Es gibt riesige Schlangen an den Kassen“, berichtet der Vater. Deshalb nehmen sie gern die längere Strecke ins benachbarte Weener in Kauf. Dort sei es entspannter.

Doch auch in Weener sind inzwischen viele Niederländer anzutreffen, die Böller und Raketen kaufen wollen. Das berichtet Timo Meineke, Verkaufsleiter und Prokurist in der Aldi-Niederlassung im ostfriesischen Hesel. Er ist auch für die Märkte in der Grenzregion zuständig. Der Ansturm auf die Filiale in Bunde sei schon ein Erlebnis, so Meineke. Besonders aus den Niederlanden kämen kurz vor dem Jahreswechsel so viele Kunden, dass vor dem Markt extra eine Imbissbude aufgebaut werde und Angestellte Kekse im Laden verteilten. Um den Ansturm zu bewältigen, öffnen die Märkte an den drei Tagen vor Silvester sogar früher als gewöhnlich.

Wer keine Lust auf den Ansturm in Bunde habe, der fahre weiter nach Leer, Aschendorf oder Weener, so Meineke. Deshalb seien auch dort in diesen Tagen viele Niederländer anzutreffen, die noch ein Schnäppchen machen wollten. Auch andere Feuerwerks-Verkaufsstellen in der Region berichten von vielen Kunden aus den Niederlanden, in Leer war von „bis zu 40 Prozent“ die Rede.

Das Preisgefälle zwischen den Niederlanden und Deutschland hängt mit den strengeren niederländischen Vorschriften für den Verkauf zusammen. Nach Angaben von Hanne Vogelpohl von der Deutsch-Niederländischen Handelskammer traten nach dem fatalen Unglück von Enschede am 13. Mai 2000 in den Niederlanden neue Feuerwerkskörper-Vorschriften in Kraft. In der Stadt kam es zu einer verheerenden Explosion in einer Fabrik für Feuerwerkskörper. 177 Tonnen davon detonierten, 23 Menschen wurden getötet, mehr als 900 Personen wurden verletzt. Das Stadtviertel Roombeek war danach verwüstet. „Seither gelten strenge Auflagen für die Lagerung von Feuerwerkskörpern und für Verkaufsräume, in denen sie angeboten werden. Die Auflagen belasten die Händler“, so Vogelpohl.

In Verkaufsräumen ist eine automatische Sprinkleranlage vorgeschrieben. Das Gebäude muss inklusive der Türen brandbeständig sein. Die Vorschriften legen Sicherheitsabstände zwischen gelagerten Feuerwerkskörpern fest. Für die Waren braucht man einen gesonderten Lagerraum.

Die deutschen Verkäufer schätzen sich glücklich, dass sie keine derart strengen Regeln einhalten müssen. Vorschriften gibt es aber auch in Deutschland. Laut Timo Meineke muss beispielsweise in jeder Verkaufsstelle ein Sonderbeauftragter eingesetzt und offiziell angemeldet werden. Feuerlöscher und Löschdecken sind in ausreichender Menge vorzuhalten. „Die Richtlinien in Deutschland sind sehr streng“, erklärt Meineke, „jedoch nicht ganz so streng wie in den Niederlanden.“

Während sich die Discounter an der Grenze darauf beschränken, den Kunden den Einkauf etwas zu versüßen, gehen andere Händler noch weiter. So etwa in Ostrhauderfehn. Der dortige Händler Wreesmann veranstaltet jedes Jahr am Tag vor dem Verkaufsstart ein riesiges Feuerwerk, zu dem mehrere Tausend Besucher kommen. Dort werden die Waren publikumswirksam vorgeführt.

Niederländische Feuerwerksenthusiasten fiebern vermutlich auch einem Ereignis entgegen, das einige Monate früher im Jahr stattfindet. Alljährlich im August veranstaltet die Stadt Scheveningen bei Den Haag an der niederländischen Nordseeküste das „Vuurwerk-Festival“ (Feuerwerk-Festival). An vier Abenden treten im Rahmen des internationalen Wettbewerbs verschiedene Länder gegeneinander an. Das Feuerwerk wird von einem Ponton in die Luft geschossen, der knapp 300 Meter vor der Küste im Meer liegt. Dass die ungezügelte Feuerwerksbegeisterung allerdings durchaus nicht alle Niederländer ergriffen hat, wurde Ende 2015 deutlich: 56 Städte und Gemeinden in den Niederlanden verboten das private Silvesterfeuerwerk. Stattdessen wollten sie eigene städtische Silvesterfeuerwerke organisieren.