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Auf früherem ADO-Gelände Flüchtlingsnotunterkunft in Aschendorf gewinnt an Konturen

Von Gerd Schade | 29.12.2015, 21:26 Uhr

Auf dem Gelände der früheren ADO-Gardinenwerke in Aschendorf schreiten die Arbeiten für die zentrale Flüchtlingsnotunterkunft im Emsland voran. Ab Mitte Januar 2016 sollen dort bis zu 1000 Menschen untergebracht werden können. Die Kosten für das Herrichten der Unterkunft hat der Landkreis nach jetzigem Stand mit knapp einer Million Euro veranschlagt.

Die Notunterkunft gewinnt an Konturen. Auf den ersten Blick deutet allerdings eher wenig darauf hin, dass an der Stelle, an der vor dem Niedergang des Familienunternehmens Wulf die bundesweit bekannte „Markengardine mit der Goldkante“ produziert wurde, in knapp drei Wochen die ersten Flüchtlinge leben sollen. Den Empfangsbereich am Haupteingang des Verwaltungstraktes zieren noch Fotos der Unternehmerfamilie. Kreisdezernent Marc-André Burgdorf erklärt bei einem Rundgang durch die künftige Unterkunft, dass hier die Anlaufstelle mit chip-basierter Einlasskontrolle für „allgemeine Gäste“ eingerichtet werde. Für die Flüchtlinge wird es einen separaten, ebenfalls kontrollierten Zutrittsbereich geben.

Polizeipräsenz rund um die Uhr

An die Anlaufstelle angrenzend werden die rund um die Uhr besetzte Polizei- und die Gesundheitsstation geschaffen. Den Betrieb in der Unterkunft mit unter anderem psychosozialer Betreuung, Übersetzungsdiensten und Kleiderkammer managen wird Burgdorf zufolge das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mit rund 60 Einsatzkräften im Dreischichtsystem. „Wir verfügen über eine starke Mannschaft mit hohem ehrenamtlichen Potenzial“, sagt Markus Wucherpfennig vom DRK. Landrat Reinhard Winter (CDU) lobt das Rote Kreuz als starken Partner mit einer hochleistungsfähigen Truppe.

In Absprache mit der Wulf Immobilien GmbH & Co. KG, von der der Landkreis die Liegenschaft für zunächst ein Jahr mit Option auf Verlängerung gemietet hat, wurde in dem Verwaltungsbereich die Heizungsanlage erneuert. Zudem wurde der angemietete Bereich komplett mit Sicherheitsbeleuchtung und Rauchmeldern ausgestattet. Zum Mietpreis macht Winter auf Nachfrage unserer Redaktion indes keine Angaben.

Große Halle noch gähnend leer

Nach wie vor gähnend leer ist die frühere Konfektionshalle. Hier soll auf rund 5600 Quadratmetern der Schlafbereich eingerichtet werden. Für ein Mindestmaß an Privatsphäre soll die Fläche mit Bauzäunen und Sichtschutzfolie in bis zu 21 Sektionen mit je 48 Plätzen unterteilt werden. Diese wiederum werden in jeweils vier Einheiten à zwölf Plätzen getrennt. Die Einheiten werden etwa 25 Quadratmeter umfassen und mit je sechs Etagenbetten ausgestattet. Die Folien liegen schon bereit.

 (Weiterlesen: So werden die ADO-Hallen zur Flüchtlingsunterkunft) 

Mit den Bauzäunen, der Ausstattung des Essensbereiches sowie auch mit den Sanitärcontainern samt Duschen und Toiletten wird erst zu Beginn des neuen Jahres gerechnet. Letztere machen den größten Kostenanteil aus. Die vorhandenen Toilettenanlagen reichen bei Weitem nicht aus. In der künftigen Mensa sollen bis zu 500 Menschen gleichzeitig essen können. Angeliefert werden können die Lebensmittel über bereits vorhandene Rampen in einem Innenhof. Überhaupt seien die baulichen Voraussetzungen mit nahezu bezugsfertigen Verwaltungsräumen und guter Infrastruktur – sofern man angesichts der Flüchtlingslage davon sprechen dürfe – ein Glücksfall, betont Landrat Winter.

 (Weiterlesen: ADO-Hallen werden zentrale Flüchtlingsunterkunft im Emsland) 

Und doch macht er kein Hehl daraus, dass der Landkreis ursprünglich die alten Emslandhallen in Lingen als zentrale Notunterkunft favorisiert hätte. Die Stadt habe sie aber nicht zur Verfügung stellen wollen.

Für die Unterkunft in Aschendorf noch nicht vergeben sind die Aufträge für den Sicherheitsdienst und das Catering. Die Ausschreibungen laufen noch.

Bereits angebracht sind hingegen 15 Anschlüsse für Waschmaschinen sowie diverse Steckdosenleisten als Ladestationen für die Mobiltelefone der Flüchtlinge. „Es ist die einzige Möglichkeit zum Kontakt in die Heimat“, sagt Burgdorf. Auch WLAN werde es geben, verspricht der Kreisdezernent.

Sporthallen werden wieder hergerichtet

Der gesamte Bereich für die Flüchtlingsunterkunft umfasst rund 8500 Quadratmeter. Zum Vergleich: Der komplette frühere Firmenkomplex von ADO, verfügt über rund 55.000 Quadratmeter überdachte Fläche.

Mit der Einrichtung in Aschendorf sollen die bisher als Notunterkünfte genutzten Sporthallen in Meppen und Lingen so schnell wie möglich wieder so hergerichtet werden, dass sie für den Schul- und Vereinssport zur Verfügung stehen – „aber erst, wenn sie wieder tipptopp in Ordnung sind“, wie Winter betont. In Sögel hatte Samtgemeindebürgermeister Günter Wigbers (CDU) angedeutet, die Halle der Schule am Schloss zunächst weiterhin als Flüchtlingsunterkunft beibehalten zu wollen.

1000 Plätze heißt nicht 1000 Menschen

Winter macht deutlich, dass 1000 Plätze nicht automatisch bedeuten, dass auch jeden Tag 1000 Menschen in der Unterkunft sein werden. Die Zahlen würden schwanken und sich vermutlich bei mehreren Hundert einpendeln.

Die offizielle Erstuntersuchung und Registrierung der Flüchtlinge wird der Landkreis nach jetzigem Stand auch in Aschendorf nicht vornehmen. Das wolle das Land weiter selbst durchführen, sagt Winter.

An der Standortentscheidung habe es bislang wenig Kritik gegeben, erklärt der Landrat auf Nachfrage und lobt die aus seiner Sicht bislang weit überwiegend sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Auch das vom Landkreis eingerichtete Bürgertelefon klingele nur sporadisch. Dabei könne er alle Menschen verstehen, die Sorgen hätten, dass es bislang keine Regelung gebe, die sicherstellt, dass alle Flüchtlinge tatsächlich auch erfasst werden. „Wenn das ginge, wären alle auf einer sichereren Seite“, sagt Winter. Die bisherige Erfahrung hat gezeigt, dass sich viele nicht registrieren lassen wollen, sondern stattdessen gleich mit unbekanntem Ziel weiterreisen .