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Nach über 40 Jahren Reinhard Neitzel gibt Kirchenglocken in Aschendorf zurück

Von Gerd Schade | 23.12.2021, 16:15 Uhr

Mehr als 40 Jahre haben Kirchenglocken im Garten von Reinhard und Ingrid Neitzel in Aschendorf gestanden. Kurz vor Weihnachten sind sie nun zurück bei der Gemeinde.

Mancher wird sich in diesen Tagen womöglich schon gefragt haben, was es mit den drei gusseisernen Glocken auf sich hat, die vor dem Paul-Gerhardt-Haus der evangelisch-lutherischen Christuskirchengemeinde in Aschendorf aufgereiht sind. Die Erklärung fördert eine nicht alltägliche Geschichte zutage, die Thomas Helm, Enkel der Neitzels, und seine Frau Sabrina erzählen.

Als Realschullehrer Generationen von Schülern bekannt

Reinhard Neitzel, inzwischen 92 Jahre alt und Zeit seines Lebens ein großer Freund von Flora und Fauna, ist Generationen von Schülern als Biologielehrer der Realschule Aschendorf (heute Heinrich-Middendorf-Oberschule) bis heute ein Begriff. Die wenigsten aber dürften gewusst haben, dass im Garten seines Privathauses seit den 1970er-Jahren zwei Kirchenglocken standen.

Thomas Helm kannte das als Kind indes gar nicht anders. „Für mich war das Haus von Opa und Oma immer nur das Haus mit den Glocken“, sagt er. Aufgewachsen in Völlenerfehn, verbringt er Jahr für Jahr einen Großteil der Sommerferien bei seinen Großeltern in Aschendorf. „Ich weiß noch, wie ich als Kind immer die Blumen, die auf den Glocken standen, heruntergenommen habe und dann darauf herumgeklettert bin“, erinnert sich Helm.

Wegen starker Rostschäden ausrangiert

Aber wie kommen historische Kirchenglocken überhaupt als Gartenzierde in Privatbesitz? Helm kennt die Antwort: Als die Kirchengemeinde in den 1970er-Jahren ein neues Geläut bekommt, werden die drei bisherigen Glocken ausrangiert – unter anderem wegen starker Rostschäden, wie im Lexikon der Kirchengemeinde nachzulesen ist.

„Weil man damals wohl keine weitere Verwendung mehr für sie hatte, wurden sie an die Straße gestellt und ein Schrotthändler mit der Abholung beauftragt“, berichtet Helm. Die älteste der drei Glocken stammt aus dem Jahr 1929, die anderen beiden wurden 1957 gegossen, aus „minderwertigem Eisenhartguss“, wie es im Kirchengemeindelexikon heißt. Auch um den Klang der beiden jüngeren Glocken soll es nicht zum Besten bestellt gewesen sein. Pastor Ralf Maennl berichtet von „schweren Mängeln des Geläutes“.

Schrotthändler muss unverrichteter Dinge wieder abziehen

Als Reinhard Neitzel Wind davon bekommt, dass das ausgemusterte Trio der Schrottverwertung anheimfallen soll, handelt er umgehend. Weil er selbst im Schulunterricht unabkömmlich ist, bittet er seine Frau, die Glocken so lange zu bewachen, bis er sie in seine Obhut nehmen kann. Der Schrotthändler muss unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen, die Familie Neitzel nimmt die Glocken „gegen eine nicht unerhebliche Spende“ an die Kirchengemeinde in ihren Besitz, wie Helm berichtet. Die größte und kleinste stellt sie in den Garten ihres gerade gebauten Einfamilienhauses in der Vogelsiedlung, die mittlere überlassen die Neitzels dem befreundeten Lehrer-Ehepaar Ovelgönne. Beide sind mittlerweile verstorben.

Die größte, älteste und schwerste Glocke wiegt Thomas Helm zufolge 350 Kilogramm. Sie wurde anno 1929 gegossen. Es ist das Geburtsjahr von Reinhard Neitzel. Die kleinste bringt 100 Kilo weniger auf die Waage. „An ihr hat Opa vor allem der Spruch gefallen“, sagt Sabrina Helm. Auf der Glocke steht in großen Lettern: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.“

Festen Platz auf dem Kirchengelände

Pastor Maennl vermutet auch wegen dieses Spruchs, dass es sich bei der kleinsten Glocke um die Totenglocke handelte. Woher die älteste stammt, ist nach seinen Worten indes nicht zweifelsfrei geklärt, auch wenn sie laut Kirchengemeindelexikon die Glocke der früheren Kapelle an der Bokeler Straße war, die ebenfalls 1929 errichtet wurde. Fest steht, dass alle drei Glocken – die Ovelgönnsche ist über den Heimat- und Bürgerverein Aschendorf ebenfalls wieder bei der Gemeinde gelandet – einen festen Platz auf dem Kirchengelände finden werden, verspricht Maennl.

Dass sich das Ehepaar Neitzel nun von seinen beiden Glocken getrennt hat, liegt daran, dass es mittlerweile im Senioren- und Pflegeheim Domicil in Aschendorf lebt. Leider gehe es ihnen gesundheitlich nicht sonderlich gut, berichtet Thomas Helm. Sein Opa habe ihm aber wörtlich gesagt: „Man ist kein guter Christ, wenn die Glocken nicht zur Kirche zurückkehren.“