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Am Tiefpunkt ihres Lebens Frau findet Hilfe im Papenburger Haus Arche

Von Eva Kleinert | 24.07.2014, 19:34 Uhr

Als Marion (Name von der Redaktion geändert) auf ihr Fahrrad stieg und aus ihrer Heimat im Ruhrgebiet in Richtung Papenburg aufbrach, war sie am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen: arbeitslos, ohne ein Dach über dem Kopf sowie von Familie und Bekanten alleingelassen. „Ich wollte nicht mehr“, blickt sie auf den November 2012 zurück. Dass sie sich doch wieder für das Leben entschieden habe, das habe sie der Wohnungslosenhilfe des Sozialdienstes Katholischer Männer und Frauen (SKFM) Papenburg zu verdanken, sagt Marion.

Denn als sie vor zwei Jahren durch das Emsland fuhr, hatte sie nur einen Gedanken im Sinn: „Ich kann nicht schwimmen und wollte mich ertränken.“ Wie sie zu diesem Entschluss gekommen war, will Marion hier erzählen.

Eigentlich hatte sie stets gearbeitet, war nach dem Tod ihres Mannes als Pflegekraft in den Haushalt ihres Patienten eingezogen. Von einem Tag auf den anderen und nach neunjähriger Tätigkeit für den Mann warf dessen Tochter Marion einfach aus dem Haus. „Die Familie wollte nach Schottland auswandern und brauchte dafür den Erlös aus dem Hausverkauf. Da musste der alte Mann mit seinen 86 Jahren eben ins Altenheim“, berichtet Marion. Weil sie nicht wusste wohin, verbrannte die völlig verzweifelte und mittellose Frau all ihre Papiere und brach mit ihrem Fahrrad gen Norden auf. Zuvor hatte sie noch ihren Hund ins Tierheim gebracht. „Ich konnte ihm einfach kein Futter mehr kaufen. Das tut mir heute noch weh“, gibt Marion unter Tränen zu. Zum Amt habe sie nicht gehen wollen. „Ich habe panische Angst vor Ämtern und habe mich geschämt. Ich war so enttäuscht.“

Tagelang nichts zu essen

Wochenlang war die gelernte Verkäuferin und Altenpflegerin auf der Straße, lebte vom Pfandflaschensammeln, bis sie über Umwege nach Papenburg kam. „Ich wollte zum Hafenbecken bei der Meyer Werft, aber weil es so stark stürmte, fuhr ich wieder zurück.“ Ein evangelischer Pastor in Papenburg habe sie dann zur Kirchengemeinde St. Josef geschickt, die sie dann wiederum an den SKFM vermittelt habe.

An ihre Ankunft im Haus Arche, das fünf Übernachtungsplätze für Wohnungslose bereithält, kann sich Marion gut erinnern. „Ich habe mich geschämt, als alte Frau obdachlos zu sein. Aber hier konnte ich komplett abschalten. Ich habe etwas zu essen und Kleidung bekommen, konnte duschen. Ich hatte seit Tagen nichts gegessen.“

Sozialarbeiter Erich Boortz, der Marion erst einmal mit dem Nötigsten ausstattete, fasst die Aufgabe der Anlaufstation für Wohnungslose so zusammen: „Durch die Übernachtung können die Menschen erst einmal runterkommen und werden versorgt.“ Denn die Schlafplätze sind nur eines der Instrumente der Basishilfe, das etwa die Hälfte der 160 Hilfesuchenden beim SKFM in 2013 genutzt hätten. Dort werden auch der weitere Hilfebedarf geklärt und der Kontakt zu anderen Institutionen aufgenommen. Oberste Regel dabei sei: „Die Leute müssen gewillt sein, etwas zu ändern und Hilfe anzunehmen.“ Wer sein Leben auf der Straße nicht aufgeben kann, der muss nach drei Tagen bis maximal einer Woche weiterziehen, um Tagessätze zu erhalten. „Für viele ist die Wohnungslosigkeit eine Fluchtmöglichkeit vor Problemen“, so Boortz. Um diejenigen aber, die einen Neuanfang wagen möchten, kümmert sich im Anschluss an die Basishilfe, die durch das Land Niedersachsen finanziert wird, die ambulante Hilfe.

Genau diesen Weg ist auch Marion gegangen und hat Papenburg zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht. Heute lebt sie in einer eigenen Wohnung, wird aber noch von der ambulanten Hilfe betreut. Diese habe ihr in der Anfangszeit auf die Beine geholfen, Arzttermine organisiert, Behördengänge begleitet und ein neues Zuhause gesucht. Davon will Marion etwas zurückgeben und engagiert sich ehrenamtlich beim SKFM. „Ich habe den Mitarbeitern hier so viel zu verdanken. Die sind hier wie meine Familie.“ Marion ist sich sicher: Wer Hilfe brauche, der sei beim SKFM richtig.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie. Dazu gehören auch: 1. 25 Jahre Wohnungslosenhilfe in Papenburg 2. Wohnangebot in Papenburg hemmt Neustart 3. Junge Papenburger auf der Suche nach einer Bleibe 4. Papenburger mögen lieber Fleisch als Pizza 5. Tagesaufenthalt im Haus Arche