Serie „Mein Job und ich“ Hebamme aus Aschendorf über Absagen, beste Geburtslage und Haftpflichtprämien

Von Daniel Gonzalez-Tepper


Aschendorf. In unserer Serie „Mein Job und ich“ berichtet Hebamme Sandra Wildermann-Geuken aus Aschendorf über große Nachfrage und geringe Kapazitäten, übervorsichtige Eltern und die stetig steigenden Versicherungsprämien für ihre Zunft.

Frau Wildermann-Geuken, um wie viele Schwangere beziehungsweise Mütter und deren Babys kümmern Sie sich zeitgleich?

Im Durchschnitt sind das 20 Wochenbett-Patienten, die also ganz frisch Mutter geworden sind. Hinzu kommen etwa 30 bis 40 Schwangere, hier leiste ich Schwangerenbetreuung, auch bei Beschwerden, sowie die Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen. Und noch einmal etwa 20, deren Kinder schon mehrere Monate alt sind, die bei mir in der Still- oder Ernährungsberatung sind oder zur Rückbildungsgymnastik und Babymassage kommen. Das ist ein Full-Time-Job, ich mache täglich acht bis zehn Termine, oben drauf kommen noch Bürokram und Abrechnung.

Aus Ihren Worten ist herauszuhören: Sie würden gerne noch mehr betreuen, können es aber nicht?

Ja, so ist es. Der Bedarf ist da. Wir sind in der Hebammenpraxis Adebar bereits zu zweit, Sandra Hüntelmann aus Hilkenbrook und ich arbeiten seit fast 15 Jahren zusammen. Trotzdem bekommen wir längst nicht alle Anfragen bewältigt. Derzeit nehmen wir nur Schwangere an, die frühestens im Juni 2018 entbinden. Ich kann verstehen, wenn die Frauen frustriert sind, wenn sie Absagen bekommen. Wir bekommen die Wut auch desöfteren zu spüren, manchmal auch von den Müttern oder Omas der Schwangeren. Aber um den Frauen gerecht zu werden, die wir betreuen, und ausreichend Zeit für sie zu haben, geht es nicht anders. Dabei haben alle eigentlich einen Anspruch auf Vor- und Nachsorge, die Krankenkassen bezahlen es ja auch. Ich bin gespannt, wie sich die Zahl der Hebammen entwickeln wird, wenn die Ausbildung ab 2020 an Universitäten als duale Studiengänge stattfinden wird und nicht mehr an Schulen. Wünschenswert wäre jedenfalls in den Kreißsälen eine Eins-zu-Eins-Betreuung, sich also eine Hebamme nur um eine Geburt kümmert. Aber davon sind wir weit entfernt.

Woran liegt es, dass es zu wenige selbstständige Hebammen gibt?

Über den starken Anstieg der Versicherungsprämien ist in der Vergangenheit ja vielfach berichtet worden. Aber es ist tatsächlich so. Sie beträgt derzeit etwa 8000 Euro im Jahr, als wir angefangen haben, waren es etwa 1000 Euro. Die Prämie ist durchschnittlich jedes Jahr um 17 Prozent gestiegen. Dabei ist nicht einmal die Zahl der Schadensfälle gestiegen. Wegen der hohen Prämien mussten wir leider auch die Tätigkeit als Beleghebamme, also der Betreuung bei der Geburt im Kreißsaal, oder bei Hausgeburten einstellen.

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Warum ist der Beruf der Hebamme trotzdem einer, den Sie nicht missen wollen?

Für mich ist das kein Beruf, sondern eine Berufung. Täglich mit Neugeborenen, Säuglingen, deren Mütter und häufig auch weiteren Kindern und den Vätern zu tun zu haben, ist einfach unglaublich schön. Mit vielen entsteht ein intensives Verhältnis, das selbst nach vielen Jahren noch besteht. Ich halte den Beruf der Hebamme auch für sehr wichtig. Wir nehmen den Gynäkologen Routine-Untersuchungen wie Urintest, Bauchumfang-Messung, Herztöne-Messung, Kindslage-Ertastung ab. Dadurch sind deren Praxen weniger überfüllt, außerdem können wir viele Ängste im Hinblick auf die natürliche Geburt oder im Umgang mit dem Baby lösen. Und wir bekommen sehr viel mit in den Familien, insbesondere in den sozial schwächeren und können Hilfen vermitteln. Wir übernehmen also auch Aufgaben der Jugendhilfe.

Wie schwer ist es, Familien bei Fehl- und Totgeburten oder schweren gesundheitlichen Probleme der Kinder zu helfen?

Fehlgeburten kommen bei mir drei bis vier Mal im Jahr vor, bis zur zehnten Woche dürfen Hebammen das auch bei den Familien zu Hause durchführen. Nicht immer ist ja eine Ausschabung der Gebärmutter notwendig. Die Mutter und den Vater dabei zu begleiten, sie aufzufangen, einen vernünftigen Abschied zu ermöglichen und Trauerarbeit zu leisten, halte ich für ganz wichtig. Die Betroffenen können ansonsten schnell in ein Loch fallen.

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Sind Schwangere und Mütter heute durch Google und Co. besser informiert?

Von Dr. Google hört man ja immer wieder. Aber es ist tatsächlich so. Wenn Mütter etwas vom Frauenarzt hören, zum Beispiel, dass der Kopfumfang des Kindes recht groß sei, beginnen sie, im Internet danach zu suchen, bekommen Horrorgeschichten zu lesen und das Kopfkino beginnt. Ich sage meinen Frauen daher gerne, sie können mich zu jeder Zeit mit Fragen bombardieren, besser einmal zu viel als zu wenig.

Gilt das auch für Väter?

Die sind manchmal besorgt, dass Babys zu wenig Nahrung bekommen und fragen mich: Wird das Kind auch satt? Oder machen sich Sorgen um den Gesundheits- und Gemütszustand ihrer Frauen. Aber genau deshalb kommen wir Hebammen ja regelmäßig, wiegen die Kinder, schauen sie uns an, besprechen Fragen mit den Frauen. Dann sind meistens auch die Väter schnell beruhigt (lacht).

Welche Lage bei der Geburt empfehlen Sie werdenden Müttern?

Auf jeden Fall eine aufrechte Gebärhaltung. Im Stehen, Hocken, bei der Vierfüßler-Haltung oder auch im Laufen kann die Schwerkraft optimal genutzt werden. Es unterstützt das Kind, durch den Gebärkanal zu kommen. Wer liegt, hat das weniger.

Und eine Wassergeburt?

Eine Geburt im Wasser ist schmerzlindernd für die Frau, das Kind wird aus dem Wasser in das Wasser geboren. Wer es mag, dem empfehle ich das. Eine Wassergeburt ist der Grund, warum sich viele Frauen für die Entbindung in Meppen oder Leer entscheiden, dort gibt es in jedem Kreißsaal eine Wanne. In Papenburg gibt es nur eine für alle Kreißsäle. Für die Hebamme bedeutet eine Wassergeburt allerdings Mehrarbeit, weil die Frau nicht alleine gelassen werden darf.

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