Präsident Wollseifer in Papenburg Handwerk: Massenakademisierung stoppen

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Flankiert von Kreishandwerksmeister Heinz Kauscher (links) und dem Präsidenten der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Peter Voss, nahmen Hans-Peter Wollseifer und Gitta Connemann auf dem „Schwarzen Sofa“ Platz. Foto: Gerd SchadeFlankiert von Kreishandwerksmeister Heinz Kauscher (links) und dem Präsidenten der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Peter Voss, nahmen Hans-Peter Wollseifer und Gitta Connemann auf dem „Schwarzen Sofa“ Platz. Foto: Gerd Schade

Papenburg. Gute Konjunkturzahlen, volle Auftragsbücher: Das Handwerk boomt – auch im nördlichen Emsland. Was fehlt, sind Fachkräfte. Handwerkspräsident Hans-Peter Wollseifer fordert deshalb mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung. Das machte er bei einem Besuch in Papenburg deutlich.

Der 62-Jährige erklärte, dass er den derzeitigen Akademisierungsgrad in Deutschland für die falsche Entwicklung in der Bildungslandschaft hält. „60 Prozent aller Schüler gehen ins Studium“, sagte Wollseifer vor rund 50 Vertretern der Kreishandwerkerschaft Aschendorf-Hümmling im Berufsbildungs- und Technologiezentrum. Dorthin war der Präsident am Mittwochabend auf Einladung der CDU-Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann für ihre Talkreihe „Das Schwarze Sofa“ gekommen.

Von jungen Menschen und deren Familien verkannt

Wollseifer zufolge wird bei vielen jungen Menschen und deren Familien verkannt, dass auch das Handwerk Perspektive, Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten bietet. Das müsse bei ihnen viel stärker durchdringen. Eindringlich appellierte der Maler- und Lackierermeister aus Hürth bei Köln deshalb an seine Branche, das auch offensiver nach außen hin zu vertreten. „Das Handwerk verkauft sich unter Wert“, sagte Wollseifer. Der Unternehmer steht dem Zentralverband des Deutschen Handwerks seit 2014 vor.

„Kein Akademikerbashing“

„Handwerksbetriebe wollen expandieren und investieren. Dafür brauchen sie aber mehr junge Leute“, so Wollseifer. Darum sprach er sich klar dafür aus, die Massenabwanderung junger Menschen in den akademischen Bereich zu stoppen. „Ich betreibe aber kein Akademikerbashing. Wir brauchen gute Akademiker“, betonte Wollseifer. Was jedoch nicht gebraucht würde, seien beispielsweise Archäologen oder Soziologen, die nach dem Studium in ihrem Bereich später keine Anstellung finden würden. Handwerker hingegen hätten „sichere Arbeit bis zur Rente“ und der Meisterbrief sei praktisch eine Lebensversicherung gegen Arbeitslosigkeit. Connemann formulierte es so: „Eine Karriere im Handwerk hat am Ende mehr goldenen Boden als eine akademische Laufbahn in einem Massenfach oder gar kein Abschluss.“

Auch Schwächere mitnehmen

Wollseifer beklagte in diesem Zusammenhang einen aus seiner Sicht zu großen Run auf die Gymnasien, wodurch dort das Bildungsniveau sinke sowie eine aus seiner Sicht zu hohe Quote („bis zu 35 Prozent“) von Studienabbrechern. Dabei sei es für das Handwerk von elementarer Bedeutung, auch bildungsstarke Menschen für sich zu gewinnen. Nicht nur, damit sie eines Tages die Betriebe übernehmen könnten, sondern auch, um die Schwächeren mitzunehmen. „Wir brauchen Häuptlinge, damit wir die Indianer beschäftigen können“, so Wollseifer. Das Handwerk sei nicht nur die Leitwirtschaft einer Region, sondern immer auch für deren soziokultureller Struktur von Bedeutung. Der 62-Jährige warb für mehr Beachtung der Hauptschulen. Die Lehrer dort würden einen tollen Job auch im Hinblick auf die Berufsorientierung machen. Connemann sprach sich für eine Wiedereinführung der Schullaufbahnempfehlung und die Einführung des Berufsabiturs auch für Niedersachsen aus. „Das Berufsabitur muss zur Bildungsmarke werden“, fügte Wollseifer hinzu.

40 Prozent als „Deadline“

Der Fachkräftemangel ist nach seiner Auffassung indes kein regionales Problem. Vielfach sei es zudem so, dass im Handwerk gut ausgebildete Leute von der Industrie abgeworben würde.

Wollseifer zufolge dürften die Sozialabgaben die 40-Prozent-Marke nicht überschreiten. „Das ist die Deadline“, betonte Wollseifer. Dem stimmte der Maschinenbau-Unternehmer Wessel Hahn aus Papenburg zu. „Ansonsten haben wir keine Luft mehr zum Investieren“, sagte Hahn. Er forderte Wollseifer auf, sich für eine „aushaltbare steuerliche Belastung“ einzusetzen.

„Unverzichtbarer Beitrag für die Wirtschaft“

Wenig Chancen räumte der Präsident einem Vorschlag des Geschäftsführers der Kreishandwerkerschaft, Hermann Schmitz, ein. Schmitz hatte die „alte Idee“ einer Freigabe des Handwerkerbonus für die Steuererklärung neu ins Spiel gebracht. Die bisherige Deckelung (2400 Euro pro Jahr) werde sich allerdings wohl kaum anheben lassen und sei bereits „ein probates Mittel gegen Schwarzarbeit“, meinte Wollseifer.

Kreishandwerksmeister Heinz Kauscher hatte in seinem Grußwort als Gastgeber hervorgehoben, dass das Handwerk in Deutschland mit einer Million Betrieben, 5,4 Millionen Mitarbeitern in mehr als 130 Berufen und rund 380.000 Auszubildenden einen unverzichtbaren Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung, Beschäftigung und Ausbildung leiste.

(Weiterlesen: Handwerkskammer Osnabrück warnt: Preise für Handwerker könnten anziehen)


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