„Ich geh als Letzter und mach das Licht aus“ Wie der Papenburger Ortsteil Bokel langsam ausstirbt



Bokel. Den schwarzen Anzug hängt so mancher Bokeler schon gar nicht mehr zurück in den Schrank. Zu häufig haben sie den in den letzten Monaten für den Gang auf die Beerdigung eines Nachbarn gebraucht. Es wird immer ruhiger in dem Papenburger Ortsteil, dem das Aussterben droht.

„Das macht keinen Spaß mehr“, grummelt einer beim Verlassen des Friedhofes. Zu oft haben die Alt-Bokeler nach eigenem Bekunden in letzter Zeit einen Nachbarn „unter die Erde“ bringen müssen. Und ein Ende scheint nicht in Sicht. Schaut man sich den Altersdurchschnitt der Bewohner an der Waldstraße, dem Kapellenweg oder der Falkenstiege an, muss man kein Pessimist sein, um dies vorherzusagen. Viele sind jenseits der 60, nicht wenige sogar weit über 70. Jüngere zu sehen, ist eine Rarität. Der durchaus vorhandene Nachwuchs ist nicht mehr da. Weggezogen in Gebiete, in denen gebaut werden darf. „Genau das ist unser Dilemma“, weiß Jürgen Broer.

„Nie eine Seele für Bokel gehabt“

„Viele junge Leute wären gerne geblieben, es fehlt aber eine Perspektive“, erzählt der „Ur-Bokeler“, der zugleich als stellvertretender Bürgermeister für die SPD im Stadtrat aktiv ist. Seit mehreren Jahrzehnten sind die Flächen in Alt-Bokel als sogenanntes „Industrieerwartungsland“ ausgewiesen. Neubaugebiete werden daher nicht geschaffen. „Bokel stirbt aus, das ist wohl so“, stellt der 53-Jährige mit Bedauern fest. Seinen Ratskollegen wirft Broer vor, „dass sie nie eine Seele für Bokel gehabt haben.“ Dass der Ortsteil einen langsamen Tod stirbt, ist nach seinen Worten politisch gewollt.

Viele wären gerne geblieben

„Den Todesstoß“ erhielt Alt-Bokel laut Broer endgültig mit dem geplanten Hafenerweiterungsgebiet Bokeler Bogen. Das Konzept sieht vor, das Becken des Industriehafens Süd um 500 Meter zu verlängern, eine Fläche von 30 Hektar als Sondergebiet Hafen auszuweisen und ein Gewerbeareal in der Größe von 90 Hektar zu schaffen. „Damit war alles vorbei“, so der 53-Jährige. Der Plan beinhaltet auch eine Teilverlegung der Rheiderlandstraße. Für die Ausweitung des Gewerbegebietes müssen vier Bokeler Vollerwerbslandwirte nicht nur Teile ihrer Ländereien abgeben, sondern auch ihre Hofstellen aufgeben. Eine Klage der Landwirte gegen das Vorhaben der Stadt ruht seit dem vergangenen Herbst.

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Auch ein knappes Dutzend privater Hausbesitzer sollen verkaufen. Einer von ihnen ist Broer, der im Stadtrat gegen den Bebauungsplan „Südlich Rheiderlandstraße“ gestimmt hat. „Ich will aber gar nicht weg aus Bokel.“ Bei den Gesprächen mit der Stadt vermisst er den Respekt. „Die Angebote sind nicht in Ordnung.“ An seinem Haus darf er aktuell keine wertsteigernden Maßnahmen vornehmen. „Als Privatmann sitze ich das aus. Aber die Landwirte sind gekniffen, weil für sie keine Erweiterungen möglich sind“, weiß Broer.

Keine Notwendigkeit für Hafenerweiterung

Die Notwendigkeit einer Hafenerweiterung stellt er generell infrage. „Ich habe noch nie gesehen, dass sich Schiffe dort drängeln.“ Er sehe zwar aus städtischer Sicht die Notwendigkeit, vorbereitet für möglich Anfragen zu sein, „aber nicht so wenig konkret.“ Natürlich habe er auch die Stadtentwicklung im Blick, aber nicht in dieser Form.

In 30 Jahren ist Broer 83 Jahre alt. „Dann sehe ich mich weitestgehend alleine hier.“ Ohne Not werde er vorher aber nicht seine Heimat verlassen. „Ich geh als Letzter und mach das Licht aus in Bokel.“

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Ganz so weit ist es aber noch nicht. Das weiß auch Bernd Pieper. Trotz des Wegzugs junger Bokeler baute der 47-Jährige im Elternhaus an der Waldstraße mit seiner Frau vor gut zehn Jahren eine eigene Wohnung aus. „Uns gefällt einfach die Idylle und das Naturbelassene hier“, so Pieper. Bereut hat er den Entschluss, in Bokel sesshaft zu werden, nicht.

Aber auch Pieper weiß, dass es immer ruhiger wird. „Früher hatten wir 20 Kinder in direkter Nachbarschaft. Davon sind zwei übrig geblieben.“ Deutlich wird diese Entwicklung am Beispiel des Martinssingens. „Damals waren in Bokel Horden von Kindern mit ihren Laternen unterwegs. Heute können wir froh sein, wenn überhaupt noch einer kommt.“ Auch von seiner Clique sind nur wenige in Bokel geblieben. „Zum Glück haben wir trotzdem einen tollen Zusammenhalt. Da fällt die Distanz nicht so auf“, so der 47-Jährige.

Schießverein fährt Veranstaltungen runter

Und dennoch fehlt der Nachwuchs. Das merkt auch der örtliche Schießverein. Veranstaltungen wie das Osterfeuer oder das Sommerfest werden mangels Besucher immer kleiner gefahren. „Was bleibt uns auch anderes übrig“, fragt Pieper, der im Vorstand der Bokeler Schützen aktiv ist. „Eigentlich brauchen wir auch unser Angebot der Jugendförderung nicht mehr aufrecht erhalten, weil es hier gar keine Jugend mehr gibt.“ Nach seinen Worten fehlt eine ganze Generation. Dies schlage sich auch in der Schwierigkeit nieder, Interessierte für die Vorstandsarbeit zu gewinnen.

Keine Stimmung gegen die Meyer Werft

Nach Ansicht des 47-Jährigen wurden die Fehler hinsichtlich der Entwicklung Alt-Bokels vor 20 Jahren gemacht. „Warum wurde nicht die Möglichkeit einer Rand- oder Lückenbebauung geschaffen?“ Das Resultat sehe man jetzt. Den Schuldigen in der Meyer Werft zu suchen, hält er für falsch. „Diese Stimmung gibt es in Bokel nicht. Wir sind froh, dass wir die Werft vor der Tür haben“, stellt Pieper klar. Und doch opfern sich nach seinen Worten insbesondere diejenigen, die sich im Bokeler Bogen befinden, für die Papenburger Wirtschaft.

Stadt stellt Bokeler Bogen nicht infrage

Die Stadt erachtet indes die Entscheidung für den Bokeler Bogen für richtig. „Bereits seit Jahrzehnten gilt die Fläche des sogenannten Bokeler Bogens als Industrieerwartungsland. Diese vor langer Zeit gefällte Entscheidung, die Flächen für Industrie, Hafen und Gewerbe zu entwickeln, ist nach wie vor richtig. Es lassen sich darum hier und auch im unmittelbaren Umfeld keine neuen Wohnbaugebiete erschließen“, teilt Bürgermeister Jan Peter Bechtluft (CDU) auf Anfrage unserer Redaktion mit.

Bürgermeister sieht Zukunft für Bokel

Dennoch sieht er eine Zukunft für Bokel. „Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, frei werdende Gebäude und Grundstücke so zu vermarkten, dass sie mit der Gesamtentwicklung verträglich sind“, so der Bürgermeister. Hierzu gebe es auch planerische Grundlagen. Bechtluft: „ Durch Konzepte wie ‚Jung kauft Alt‘ oder das in nächster Zeit erscheinende Wohnraumversorgungskonzept erhalten wir sicherlich Ansätze, wie man das Gebiet weiterhin attraktiv halten kann, ohne die Gesamtplanungen des Bokeler Bogens infrage zu stellen.“


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