Detlef Plaisier im Interview Buchautor aus Surwold will dürre Daten mit Leben erfüllen

Autor Detlef Plaisier aus Surwold mit einem Bild seines Vaters, das auf dem Buchtitel zu sehen sein wird. Foto: S. Risius-HartwigAutor Detlef Plaisier aus Surwold mit einem Bild seines Vaters, das auf dem Buchtitel zu sehen sein wird. Foto: S. Risius-Hartwig

Surwold. Zehn Jahre lang hat der Journalist Detlef Plaisier in Leipzig gelebt, bevor er 2016 nach Surwold zog. In wenigen Wochen erscheint sein Buch „Bubis Kinnertied“. Darin setzt sich Plaisier mit seiner Familiengeschichte und den Ereignissen in Ostfriesland und dem nördlichen Emsland in Kriegs- und Nachkriegszeit auseinander.

In „Bubis Kinnertied“ geht es um Ihre Familiengeschichte. Wie kam es zu Ihrer Entscheidung, darüber ein Buch zu schreiben?

Der Entschluss ist gereift. Als ich nach dem Tod meines Vaters die Biografie fand, war an eine Veröffentlichung gar nicht zu denken. Ich habe mehrere Jahre den Text nicht angefasst, aus Angst, was mich dort erwarten könnte.

Wie groß ist der Anteil Ihres Vaters, und was haben Sie dazu recherchiert?

Ich habe den Text meines Vaters behutsam sprachlich bearbeitet, aber inhaltlich nichts weggelassen.

Welche Reaktionen haben ihre Recherchen ausgelöst?

Ich erinnere mich an Urlaube während meiner Kindheit in Westrhauderfehn und in Aschendorf beim Bruder meines Vaters, dessen Kriegstagebuch auch Bestandteil des Buches ist. Ich bin zutiefst dankbar für die große Hilfe, die mir zuteilwurde. Ohne die Personen- und Ortskenntnis vieler Fehntjer gäbe es dieses Buch nicht, oder es wäre in weiten Teilen falsch und unvollständig. Zu dem Text meines Vaters gibt es jetzt über 120 Fußnoten, Erläuterungen zu Personen und geschichtlichen Ereignissen und viele Fotos.

Sie sprechen von „unangenehmen Enthüllungen“ Welche sind das gewesen?

Mein Vater hatte nie über die Kriegszeit gesprochen. Ich hatte die Ahnung, dass es dort etwas Verborgenes geben muss. Was ihm im Krieg widerfahren ist, verschweigt er ja auch weiter. Aber er schildert ehrlich, dass mein Großvater zum Ortsgruppenleiter der NSDAP berufen wurde und meine Großmutter zur Führerin der NS-Frauenschaft. Außerdem war mein Großvater im Emslandlager Börgermoor beschäftigt. Es bleibt unklar, ob er dort als „Blauer“, also als Bewacher, gearbeitet hat oder als einfacher Bediensteter der Mooradministration. Das hätte ich meinen Vater gern noch gefragt. Aber er macht klar: Meine Familie war in die NS-Maschinerie verstrickt und hat gehandelt. Das war für mich schwer zu verarbeiten.

Hat Ihr Umzug etwas mit der Aufarbeitung Ihrer Familiengeschichte zu tun?

Eindeutig ja – aber nicht nur. Ich habe in Leipzig ein Stadtblog geführt. Mit dem Aufkommen von LEGIDA habe ich dort auch über die Demonstrationen berichtet und kommentiert. Dies hat mir mehrere Anzeigen und eine Morddrohung eingetragen. Letztlich war der Selbstschutz wichtiger. Gleichzeitig war während der Beschäftigung mit der Biografie meines Vaters der Wunsch gewachsen, zu den Wurzeln der Familie zurückzukehren.

Ihre nächste Veröffentlichung steht mit den Stolpersteinen des Künstlers Gunter Demnig in Verbindung?

Der Eckhaus Verlag Weimar hat eine Buchreihe „Stolperstein Geschichten“ gestartet. Ziel ist es, die dürren Daten der Stolpersteine mit Leben zu erfüllen. Dem ersten Buch Weimar folgt ein Band Aurich, den ich betreue. Es ist kaum bekannt, dass Aurich ein Vorbild der Aufarbeitung ist und dort bereits über 300 Stolpersteine liegen. Ein Großteil der Bücher geht als Klassensätze an Schulen.

Ich führe die ersten Gespräche mit den Verantwortlichen, unter anderem mit der Stadt und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sponsorengelder müssen eingeworben werden, dann erfolgt die Auswahl der Biografien. Es sollen nicht nur jüdische Mitbürger gewürdigt werden, sondern auch andere Opfer des NS-Regimes. Die Drucklegung ist für Anfang 2018 geplant.


Eine Lesung aus dem Buch gibt es am Donnerstag, 6. April, um 19 Uhr im Rathaus Surwold an der Hauptstraße 87. Der Eintritt ist frei. Veranstalter sind die Katholischen Öffentliche Bücherei (KÖB) und die Gemeinde Surwold.

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