Seit 70 Jahren verheiratet Papenburger Ehepaar feiert Gnadenhochzeit

Seit 70 Jahren verheiratet: Anna und Richard Schock. Foto: Jan-Hendrik KuntzeSeit 70 Jahren verheiratet: Anna und Richard Schock. Foto: Jan-Hendrik Kuntze

Papenburg. Am Mittwoch, 30. November, vor genau 70 Jahren haben Anna und Richard Schock geheiratet. Sie feiern nun Gnadenhochzeit, zusammen mit drei Kindern, 15 Enkeln und rund 30 Urenkeln. Dass sie heute in Papenburg wohnen, ist das Ergebnis einer langen Reise durch die Wirrungen der Weltgeschichte, die in Kasachstan ihren Anfang nahm.

„Ich kann mich noch genau daran erinnern, was früher war, aber vergesse leicht, was gestern war“, ärgert sich der Rentner. Aber allein dieses Wissen der Vergangenheit könnte ein Buch füllen, wie beim Gespräch mit unserer Redaktion schnell deutlich wird. Schock sitzt mit seiner Frau Anna, die gelegentlich auf Russisch einige Erinnerungsfetzen einwirft, auf dem Sofa und erzählt die Geschichte zweier Leben, die in den Wirrungen der Nachkriegszeit zueinanderfanden.

Der heutige Rentner wurde vor 90 Jahren in der Nähe von Tiflis geboren. Sein Vater war Weinbauer, wie auch schon sein Opa. Doch das Leben der Schocks sollte sich mit dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 ändern , der den Nichtangriffspakt zwischen beiden Ländern beendete . Der Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges läutete auch die Verschleppung der Russlanddeutschen ein. So auch die der Familie Schock, deren Wurzeln nach Elsass-Lothringen zurückreichen.

Gescharrt in Güterwagons

Im Oktober wird er mit seiner Familie mit einem Ochsenwagen zum Bahnhof gebracht, dann mit der Bahn weiter bis nach Baku, anschließend über das Kaspische Meer bis nach Krasnowodsk in Südkasachstan. „Hier begann das Grausamste“, so Schock. Er schildert, wie sie in Güterwagons gescharrt wurden, bis zu 50 Personen pro Wagen. „Meinen 15. Geburtstag habe ich in einem solchen Wagon gefeiert“ – wobei feiern hier nicht wörtlich zu verstehen ist. „Denn wir waren noch nicht ausgeladen.“

Seine Familie wurde in ein Dorf in der Nähe von Pawlodar verschleppt, wo sie erst bei Einheimischen, später in einem Hühnerstall leben mussten. Richard Schock wurde in der Trudarmee als Zwangsarbeiter in der Nähe des Ural-Gebirges eingesetzt. „Schon nach wenigen Wochen konnten wir kaum noch laufen vor Erschöpfung“. Doch er überlebte die Einsätze, kam zurück in das Dorf bei Pawlodar – und lernte dort Anna kennen.

Sie war ein Weisenkind: Der Vater erschossen, als sie zwei Jahre alt war, einige Jahre später verunglückt die Mutter tödlich. Anna half fortan bei ihren Tanten im Haushalt. Bei einer dieser Tanten saßen eines Abends die jungen Leute des Dorfes beieinander. Auch Schock war als Deutscher eingeladen - keine Selbstverständlichkeit. „Ich habe sie dann gefragt, ob sie mich nicht begleiten kann, denn ich würde die Straßen hier noch nicht so gut kennen“, erzählt der 90-Jährige und seine dunklen Augen funkeln spitzbübisch. Es war der Beginn einer Liebe, die länger ist als das Leben so mancher Menschen. Anderthalb Jahre später heirateten sie am 30. November 1946. Nicht jedem gefiel, dass er keine deutschstämmige Frau heiratete. Und auch für Anna begannen nun schwierige Zeiten. Denn durch die Heirat mit einem Deutschen fiel sie nun unter die Kommandantur, die den Deutschen weniger Rechte einräumte als Einheimischen.

„Natürlich gibt es auch immer Zeiten, in denen man sich nicht so gut versteht, doch das Wichtigste ist, dass wir immer wieder zusammenkommen und uns vertragen. Das machen wir bis heute so“, erzählt Schock. So würde auch alte Liebe keinen Rost ansetzen.

Seit 1993 in Papenburg

Nachdem die Kommandanturaufsicht, die seit 1941 galt, in den 1950er Jahren offiziell aufgehoben wurde, konnten das Ehepaar Schock in Pawlodar ein Haus bauen. Zuvor durften sich die Deutschstämmigen ohne schriftliche Erlaubnis nicht weiter als vier Kilometer von ihrem Ort wegbewegen. „Sonst gab es ein bisschen Blei – Sie verstehen, was damit gemeint ist?“ Diese Kommandantur trage auch Schuld an dem Tod ihres dritten von insgesamt fünf Kindern. „Als wir die 22 Kilometer zum Arzt zurückgelegt hatten, war das acht Monate alte Kind schon tot.“

Doch wie sind die Schocks nach Papenburg gekommen? „Würde ich Kasachisch sprechen, wäre ich heute nicht hier“, so Schock. Denn die Deutschen wurden in Kasachstan zunehmend unterdrückt, durften ihre Sprache nicht mehr sprechen. Als Tochter Ludmilla mit ihrem Mann 1990 dem Schwiegervater nach Deutschland folgte und nach Unterbringungen in Notunterkünften in Hannover und Bramsche ihren Weg nach Papenburg fand, konnten die Schocks 1993 nachkommen. Für Anna Schock war das am schwierigsten, denn sie spricht kein Deutsch – anders als Richard. „Und im Alter fällt das Lernen schwer“, sagt er. Oft litt sie unter Heimweh. Doch mittlerweile ist auch sie in Papenburg angekommen.

Anderthalb Stunden Interview sind um. „Jetzt kann ich nicht mehr“, sagt Richard, lehnt sich nach hinten und schließt seine während des Gesprächs stets hellwachen Augen. Er ist sichtlich erschöpft. Er muss sich nun ausruhen, denn morgen steht schließlich viel Besuch an.


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