zuletzt aktualisiert vor

Landesbühne Wilhelmshaven begeistert mit ihrem neuen Stück „Kunst statt Kohle“ das Papenburger Publikum Die „Pitmen Painters“ – Was bedeutet Kunst?

Meine Nachrichten

Um das Thema Papenburg Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Papenburg. „Ashington Group“ nannten sie sich, eine Gruppe von Bergleuten aus Northumberland, die zu Künstlern wurden. Mit einer Arbeiterfortbildung hatte es 1934 angefangen: Für den BWL-Lehrgang hatten sie sich zu spät angemeldet, es gab nur noch freie Plätze in einem Kunstkurs. Hier sollen sie Bilder betrachten! Über Bilder reden! Und der Dozent, Robert Lyons, ist nicht einmal ein Professor! Aber er ist ein guter Pädagoge, und statt über Kunst zu „reden“, lässt er die Männer Kunst „machen“ – und es gelingt!

Nach tastenden, zaghaften und zum Teil widerwilligen Anfängen zeigen die Grubenarbeiter Enthusiasmus und Talent. Sie entwickeln Urteilsvermögen und Sachverstand, werden künstlerisch und menschlich zu eigenständigen Persönlichkeiten.

Der erfolgreiche Drehbuch- und Bühnenautor Lee Hall hat mit dem Stück „The Pitmen Painters“, das die Landsbühne Wilhelmshaven in Papenburg zeigte, der „Ashington Group“ ein Denkmal gesetzt. Es geht um Malerei, um Kunst: Was „bedeutet“ sie? Welche Funktion hat sie für den Einzelnen, für die Gesellschaft? Wie wird sie gemacht? Aber es geht nicht nur um Kunst; es geht auch um Solidarität, um den Wert der Arbeit – und den Stolz der Arbeiter. Die schönen alten Arbeiterlieder, die sie auf der Bühne singen, handeln von diesem Stolz. Das Stück zeigt die Kluft zwischen jenen, die Bildung, Geld und Muße haben und das Recht, sich mit Kunst zu befassen, und den anderen, die das nichts angeht: die Klassengesellschaft.

Die Landesbühne unter der Regie von Jan Steinbach hat mit der deutschen Erstaufführung des Stückes eine sehr spannende und einfühlsame Inszenierung erarbeitet. Die Bühne (Frank Albert) ist eine Art weiß geflieste Waschkaue, ein karger Raum, wandlungsfähig und vieldeutig. Hier, zwischen Gewerkschaftsheim und Kunstgalerie, in der „Hütte“, spielt die Handlung, hier entsteht die „Ashington Group“.

Ausnahmslos alle Rollen sind sehr gut besetzt, glaubwürdig und authentisch, ohne Klischee. Die Entwicklung vom einfachen Bergarbeiter zum Künstler – der doch ein Arbeiter bleiben will, mit dem berechtigten Stolz seiner Klasse – ist sehr subtil dargestellt. Die unterschiedlichen Charaktere der Männer werden sichtbar gemacht, gut ausbalanciert zwischen ernsthafter, genauer Beobachtung und der leisen Komik, die auf dieser exakten Beobachtung basiert.

Christoph Sommer ist der „raubauzige“ Gewerkschaftssekretär George Brown mit seiner tragikomischen Neigung zu Regeln und Vorschriften. Fabian Döring spielt den empfindsamen, begabten Oliver Kilbourne, der sich dem Kunstbetrieb verweigert, um sich selbst treu zu bleiben. Fabian Monasterios ist der naive Jimmy Floyd, der Hunde malt und Blumen und Spitzengardinen und der als Erster ein Bild verkauft. Harry Wilson (Gernot Schmidt), stets mit einem passenden Marx-, Lenin- oder Hegelzitat auf den Lippen, dokumentiert in seinen Gemälden die Lebenswelt der Grubenarbeiter. „Der Junge“ (Cino Djavid) wird nur „geduldet“, er kreist als Satellit um die Künstlergruppe, er stellt die richtigen Fragen, gibt Impulse.

Den Arbeiter-Künstlern stehen die Protagonisten der Kunstszene gegenüber: die elegante, kühle Helen Sutherland, eine Mäzenin und Kennerin (Melanie Haupt), Susan Parks, die sich als Aktmodell ihr Kunststudium finanziert (Lisenka Kirkcaldy), der Maler und Objektkünstler Ben Nicholsen, überfordert von seinem Erfolg (Christian Simon) – und Robert Lyon, der Vermittler zwischen den beiden gegensätzlichen Welten ( sehr subtil gespielt von Sebastian Moske).

Die Zuschauer sahen eine schön rhythmisierte, gut choreografierte Inszenierung – und erfuhren so ganz nebenbei auch noch einiges über Kunst. Ganz hervorragend!


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN